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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag Freiburg) behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten.

 

 

DIE GOLDFISCHE

B + F: Alireza Golafshan

 

Erzählabsicht

 

Geldgier führt zu seelischer Zerstörung; wahre Menschlichkeit dagegen steckt im Gemeinschaftsgefühl – selbst dann, wenn Menschen vermeintlich ‚behindert’ sind.

 

OLIVER (Tom Schillings) will auch nach einem selbstverschuldeten Unfall samt  Querschnittslähmung nicht von seinem Lebensstil als Investmentbanker ablassen. Dies führt ihn in eine therapeutische Gemeinschaft, für die er zunächst nur Verachtung empfindet. Doch als er versucht, die Gruppe zu einer illegalen Geld-Transaktion zu missbrauchen, entgleist das Geschehen, bis sein finanzieller Gewinn buchstäblich in der Luft zerstiebt.  Jetzt erst beginnt er, sich für die Pflegerin LAURA (Jella Haase), die blinde MAGDA (Birigit Minichmayer), die Autisten RAINER (Axel Stein) und MICHI (Jan Hendrik Stahlberg), das Down-Syndrom-Mädchen FRANZI (Luisa Wöllisch), oder den frustrierten Betreuer EDDY (Kida Khodr Ramadan) zu interessieren.

 

Dies spielt sich in einer eher märchenhaft überhöhten Komödie ab. Sozialrealistische Logik zählt hier weniger als der aus dem Moment geborene Elan. Einige Szenen wären ‚in Wirklichkeit’ so kaum möglich. Das oberste Ziel der Erzählabsicht aber ist der spontane emotionale Effekt.

 

Zugehörigkeiten

 

„Die Goldfische“ erzählt von einem Mann, der sich umständehalber gezwungen sieht, die Seiten zu wechseln. Die neue Gruppe aus Alkoholikern, Autisten und Down-Syndrom-Patienten ist von dem sozialen Umfeld, welches Oliver gewohnt ist, denkbar weit entfernt. Er muss lernen, sich neu zu integrieren. Dies wird sehr sorgfältig geschildert. Wie schwer es ihm fällt, gegenüber seiner Mutter, aber auch seinen bisherigen Geschäftspartnern zuzugeben, dass er jetzt ein anderes Leben führt, vermittelt sich deutlich.

 

Die neuen Bindungen verdanken sich zunächst nur dem äußeren Druck. Sobald klar wird, dass die angeblich therapeutische Fahrt in die Schweiz eigentlich nur seinem Schwarzgeld galt, ist Oliver gezwungen, die Mitfahrer als Individuen anzuerkennen. So kann sich etwa Franzi endlich den Glamour leisten, nach dem sie sich schon immer sehnt, Rainer erfährt endlich, dass er schwul ist, und auch Michi kann sich einen Traum verwirklichen. Dass Oliver am Ende erotisch bei der Pflegerin Laura landet, ist allerdings weniger überraschend und auch nicht besonders tiefgehend motiviert. Gleichwohl entsteht durch den Film hindurch ein ganz erhebliches Gemeinschaftsgefühl. Dieses Momentum der Zusammengehörigkeit sorgt für das angestrebte und weitgehend auch erreichte Feelgood-Erlebnis.

 

Wertekonflikt(e)

 

Der Antagonismus verläuft zwischen äußeren und inneren Werten. Dies wird – wenngleich oft ironisiert – verbal deutlich formuliert und filmisch überzeugend umgesetzt. Für Olivers finales Zerstieben des Traums vom großen Geld findet der Film prägnante Bilder: Sobald in einem Vergnügungspark seine Geldscheine auf das Publikum herabregnen, wird der Wertewandel greifbar. Die Geldgier hat Oliver zum ‚Goldfisch’ gemacht: Er hat zwar vom Meer geträumt, aber nie verstanden, dass er nur im Kreis geschwommen ist. Die Entdeckung der Werte zwischenmenschlicher Beziehungen wird so genau beschrieben.

 

Dies führt zu einer zweiten, aber deswegen nicht weniger klaren antagonistischen Linie zwischen Verdrängen und Annehmen. Oliver braucht fast den ganzen Film, um endlich sein Schicksal zu akzeptieren und zu betrauern. Ausgerechnet bei einem Stück Käsekuchen der Mutter kommen ihm die Tränen. Die Widerstände, die ihn zuvor die eigene Situation haben verleugnen lassen, sind endlich gebrochen.

 

Regelwerk

 

Der Film profitiert enorm von der Energie des Regelbruchs. Was Oliver tut, ist illegal. Dadurch sind erhebliche Anstrengungen nötig, die eigenen Absichten zu vertuschen. Er wird erpressbar. Das genau wird von seinen Mitstreitern ausgenutzt, und zwar unter voller Zustimmung des Publikums. Die illegalen Vorteile von Steuerflüchtlingen werden jetzt gleichsam ‚umverteilt’ und kommen Unterfinanzierten zugute. Insofern betrachtet das Publikum die Szenen der ‚Behinderten’ in Schweizer Luxus-Boutiquen mit einem doppelt befriedigten Gefühl. Die Illegalität von Olivers Tun führt paradoxerweise dazu, dass die, die sich ständig übergangen fühlen, jetzt endlich zu ihrem Recht kommen.

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

„Die Goldfische“ ist konventionell aufgebaut. Nach einem kurzen Vorspann, der Olivers Unfall erzählt, konzentriert sich der erste Akt auf die Beschreibung der Reha. Der zweite Akt beginnt, sobald Oliver erfährt, dass seine Schwarzgeldvorräte in Zürich gefährdet sind. Der gemeinsame Ausflug bildet den zentralen Konflikt mit dem Kulminationspunkt im Vergnügungspark. Der Übergang zum dritten Akt hinterlässt mit Lauras Verlassen der Pflegestation zunächst eine starke emotionale Leere, deren vorübergehende Depression sich eindrucksvoll vermittelt. Die Ereignisse, die zur Wieder-Vereinigung mit Laura führen, sind freilich deutlich vorhersehbarer als die vergnüglichen Wirren des zweiten Akts. Insofern lässt die Energie gegen Ende wohl doch ein wenig nach.

 

Gesamtbild

 

„Die Goldfische“ wird der Erzählabsicht sicherlich gerecht. Der Film legt den Finger vergnüglich in eine gesellschaftliche Wunde. Dies stellt ihn in eine Reihe mit Projekten wie „Fack ju Göhte“ oder „Willkommen bei den Hartmanns“. Diesen ist „Die Goldfische“ wohl rein dramaturgisch betrachtet auch relativ ebenbürtig.

 

Wenn nun die Publikumsresonanz vermutlich doch ein wenig schwächer ausfallen dürfte, liegt das weniger an den Schwächen der Story, als der gesellschaftlich weniger drängenden Fragestellung. Die Integration von vermeintlich ‚Behinderten’ ist zwar fraglos ein gesellschaftliches Dauerthema. Doch in der Wahl der Klischees, die hier aufs Korn genommen werden (geldgierige Banker, unterversorgte Kliniken, idealistische Pflegerinnen) verfährt der Film weniger überraschend. Jene verblüffende Rollenumkehr wie etwa in „Fack ju Göhte“, wo durch den Einsatz eines Kriminellen als Gymnasiallehrer auf einmal der Bildungsnotstand völlig neu interpretiert wird, oder in „Willkommen bei den Hartmanns“, wo sich ausgerechnet der Migrant aus Afrika als Familientherapeut erweist, wird in „Die Goldfische“ nur selten erreicht.

 

Insofern wird man gute Werte am Markt prognostizieren könnend. Ein Ausreißer nach oben mit mehreren Millionen Zuschauern ist jedoch nicht wirklich zu erwarten.

 

München, 28.3.2019

 

Roland Zag

Quelle: Sony Pictures Filmverleih