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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die „Dramaturgie der Systeme“, wie sie in „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag 2018) beschrieben wird. Die Besprechungen nehmen aktuell speziell auf die Marktsituation während der Corona-Zeit Bezug. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten. 

 

 

GOTT, DU KANNST EIN ARSCH SEIN

 

D Tommy Wosch, Katja Kippenberg, Thomas Vass, nach dem Buch von Frank Pape; R André Erkau

 

Erzählabsicht 

 

Auch wenn das Schicksal bisweilen zerstörerische Wege gehen mag: Das Leben ist doch ein Geschenk, das man lieben muss -  sofort und bedingungslos, denn es kann jederzeit vorbei sein. So formuliert das STEFFI (Sinja Irslinger). Obwohl sie als Teenager aus heiterem Himmel erfahren muss, dass ihr nicht mehr viel Zeit zu leben bleibt, entschließt sie sich, die Abi-Fahrt nach Paris gemeinsam mit dem Zirkusartisten STEVE (Max Hubacher) zu unternehmen. Dabei verliebt sie sich erstmals wirklich und ermöglicht sich wie Steve unvergessliche Erfahrungen. Der Film versucht so, die eingangs formulierte Erfahrung filmisch umzusetzen. 

 

Zugehörigkeiten

 

Zwischenmenschlich konzentriert sich die Geschichte ganz auf die Annäherung zwischen Steffi und Steve. Hier geht es um Geben und Nehmen, und da kann der Film durchaus punkten: Steffi nimmt beispielsweise viel auf sich, um ihrem Begleiter das erste Erlebnis von Schnee zu ermöglichen (und das mitten im Sommer!). Steve wiederum investiert Einiges, um Steffi näher zu kommen, und muss zunächst in Paris mit dem Gefühl vorliebnehmen, eigentlich nur als Chauffeur für die Romanze seiner Freundin ausgenutzt worden zu sein – was gewiss wehtut, dann aber mit einer fulminanten Liebesnacht belohnt wird. 

 

Auf der familiären Ebene ist der Film schwächer aufgestellt. Steffi weist zwar eine grundsätzlich gute Beziehung zu ihrer Mutter (Heike Makatsch) wie auch ihrem Vater (Til Schweiger) auf. Gleichwohl macht es ihr nichts aus, kommentarlos auszureißen und die Eltern dazu zu zwingen, ihr hinterher zu reisen. Die erste Wiederbegegnung mit der Mutter in einem unbezahlten Hotelzimmer verläuft erstaunlich beliebig und beiläufig. Was Steffi ihren Eltern zumutet, scheint sie nicht zu belasten. 

 

Zentral allerdings steht dann wieder Steffis Bindung ans Leben selbst im Zentrum. Das führt sie ihrer Liebeserklärung ans Dasein selbst. Insofern kommt auf der Ebene der Zugehörigkeiten die Erzählabsicht dann doch deutlich zum Ausdruck. 

 

Wertekonflikt(e)

 

Die zentrale Frage, die indirekt auch schon im Filmtitel anklingt, lautet: „Ist das Leben (bzw. Gott) gerecht oder nicht?“ Die Frage wird einerseits natürlich durch die grausame Krebserkrankung erst einmal verneint. Das Leben ist sicher nicht gerecht. Aber es ist eben trotzdem schön! Und darum geht es. 

 

Die dramaturgische Schwäche liegt nun darin, dass diese Erkenntnis nicht erst allmählich errungen wird, sondern letztlich schon fast zu Beginn feststeht. Obwohl Steffi genügend Grund hätte, depressiv und verzweifelt zu sein, spielt ihre Erkrankung während der Reise fast keine Rolle. Vieles vollzieht sich in einem fröhlichen und unbeschwerten Duktus. Daher wird die finale Erkenntnis nicht gegen alle Schwierigkeiten errungen, sondern sie liegt von Beginn an gleichsam vor. Eine wirkliche Konfliktebene zwischen Steve und Steffi ist daher kaum zu erkennen, und insofern fällt es immer wieder schwer, eine eigentliche innere Spannung zu empfinden. 

 

Systeme + Regelwerke

 

Mit den realen Schwierigkeiten, die eine solche Reise nach sich zieht, gibt sich der Film kaum ab. Zentral steht die fragwürdige Botschaft im Raum, dass ‚Das Leben lieben’ offenbar gleichbedeutend ist mit ‚Sich nehmen, was einem nicht gehört’. Gleich dreimal begehen Steffi und Steve massive Rechtsbrüche: indem sie eine Tankstelle bestehlen, im Hotel die Zeche prellen und in eine Sommerskihalle mit Kunstschnee einbrechen. All dies bleibt unsanktioniert. Auch um die Frage, wie man beim Halt auf freier Strecke aus einem Zug steigt, kümmert sich die Erzählung nicht viel. Insofern bleibt „Gott, du kannst ein Arsch sein“ auf einer sehr märchenhaften und moralisch zweifelhaften Ebene, die sich nicht viel um die Regelwerke des Lebens kümmert. 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Der Film kommt sehr bald zu einem dramaturgischen Tiefschlag: Steffi wird nicht mehr lange leben. Die Emotionale Wirkung dieses Schocks sitzt tief und hallt lange nach. Dann allerdings wird diese tragische Ebene über sehr lange Zeit gar nicht mehr bedient. Man vergisst beinahe, worum es geht. Erst ganz am Ende des Films greift die Dramaturgie das Thema ‚Abschied Nehmen’ wieder auf – und sicherlich nicht ohne Wirkung und Tiefgang. Dazwischen freilich bleibt „Gott, du kannst ein Arsch sein“ relativ spannungsarm. 

 

Gesamtbild

 

„Gott, du kannst ein Arsch sein“ bedient das klassische Muster des ‚Schicksalsfilms’, das in den letzten Jahren recht beliebt war. Angesichts einer Pandemie, die den gesamten Kinomarkt mit einem Ohnmachtsgefühl überzieht, könnte man dem Titel des Films zustimmen: Das Leben kann zum Beispiel gegenwärtig sehr ungerecht sein. Das hat zur Folge, dass der Film eine kollektiv in der Luft liegende Grundstimmung unbewusst aufgreift und bedient – auch wenn die Geschichte von Steffi vordergründig gar nichts mit der gegenwärtigen Situation zu tun haben mag. Dies hilft der Kinoauswertung. 

 

Insofern eignet sich der Film vielleicht durchaus, gerade ein jüngeres Publikum zu erreichen (junge Menschen werden durch die Pandemie vergleichsweise weniger am Kinobesuch gehindert als ältere), zumal die vielen Stars die Attraktivität deutlich erhöhen. Trotzdem wird man in der spannungsarmen Dramaturgie auch Schwächen erkennen, die eine Kinoauswertung dieser Geschichte nicht unbedingt zwingend erscheinen lässt. Schlussendlich ist damit zu rechnen, dass der Film nicht völlig folgenlos bleibt. Dass aber die dringend benötigte Rettung der maroden Kinosituation davon ausgeht, ist doch auch zu bezweifeln. 

 

München, 6.10. 2020

 

Roland Zag

Quelle: Leonine Filmverleih