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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag Freiburg) behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films.  

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten. 

 

 

Green Book

B: Nick Vallelonga, Brian Currie, Peter Farrelly; R: Peter Farrelly

 

Erzählabsicht

 

Die Hautfarbe, die Liebe zur Klassischen Musik, und zudem auch die Homosexualität machen DON SHIRLEY (Mahershala Ali) zum krassen Außenseiter. Denn Afroamerikanern wird während der 60er-Jahre in den USA bestenfalls die Beschäftigung mit Pop- oder Jazzmusik zugestanden, keinesfalls aber die Liebe zu Beethoven oder Chopin. 

 

TONY (Viggo Mortensen), den Shirley als Fahrer für eine Tournee anheuert, repräsentiert dagegen das, was das Stereotype eigentlich den Afroamerikanern zuschreibt: Er ist ungebildet, laut, vulgär und ganz dem sinnlichen Genuss zugetan. 

 

Die gemeinsame Reise zwingt die beiden zu einer immer intensiveren Gemeinsamkeit. Erst das Miteinander zweier extrem gegensätzlicher Charaktere macht sie stark genug, um den Herausforderungen einer feindlichen Umwelt die Stirn zu bieten. In einer Welt demütigender Rassentrennung hilft nur Loyalität. 

 

Zugehörigkeiten

 

Die Schilderung des sozialen Umfelds ist auf extreme Gegensätze hin aufgebaut. Der Afroamerikaner Don Shirley ist reich, gebildet, verfeinert, aber – bis auf zwei relativ distanzierte musikalische Mitstreiter – komplett allein. Diese abgrundtiefe Einsamkeit wird noch dadurch verstärkt, dass er auch noch homosexuell ist. Dass Don oft zu viel trinkt, ist kein Wunder. 

 

Tony hingegen wird von einer ganzen Horde italo-amerikanischer Familienmitglieder umspült. Er wirkt gut eingebunden, aber insgeheim seiner Frau intellektuell unterlegen. 

 

Je weiter die Reise in den Süden führt, desto spürbarer sind beide aufeinander angewiesen. Die entstehende Nähe erlaubt Don, etwas von seiner steifen Verfeinerung aufzugeben, während Tony mit Dons Hilfe eine neue Beziehung zu seiner Frau DOLORES  (Linda Cardellini) aufbauen kann. 

 

Wertekonflikt(e)

 

Das Leben des Pianisten Don wird ganz von der Faszination für die Musik definiert. Seine Tragik liegt darin, dass er eine Kunst liebt, die von der weißen Oberschicht für sich reklamiert wird. Aus dieser verfeinerten Vorliebe für europäische Hochkultur entsteht Don’s oft überhebliche Ablehnung alles scheinbar Niederen und Vulgären. Die Homosexualität zwingt ihn erst recht zur größten Diskretion. 

 

Tony ist dazu komplementär angelegt: Er hat keine Berührungsängste, und im Zweifelsfall kann er auch ordentlich zulangen. Hochkultur ist ihm fremd. Allerdings wird der Wertekonflikt zwischen den beiden Hauptfiguren sehr milde behandelt. Denn Tony ist weder Rassist noch Schwulenhasser. Das bedeutet, dass er mit Don nie wirklich aneinandergerät und auch keine schwerwiegende Wandlung vollzieht. Der eigentliche Konflikt liegt zwischen einem human wertschätzenden Umgang zwischen Schwarz und Weiß einerseits, und der hysterischen Ablehnung alles Afroamerikanischen andererseits. 

 

Regelwerk

 

Die eigentliche Spannung des Films entsteht dadurch, dass die Gesetze der Rassentrennung auf dem Weg in den Süden immer radikaler werden. Mal existiert eine abendliche Ausgangssperre für Schwarze, dann dürfen die Toiletten nur von Weißen benutzt werden, und am Ende wird Don das Essen in genau dem Saal verwehrt, in dem er für teures Geld spielen soll. Diese allmähliche Verschärfung des Regelwerks sorgt für die Steigerung. Alles dreht sich um die Frage: Wie lange spielen Don und Tony das Spiel der Rassisten noch mit – und wann entschließen sie sich zum Regelbruch? In dem Moment, wo beide gemeinsam Gesetze übertreten und den geplanten Auftritt abbrechen, erreicht die Annäherung zwischen beiden eine neue Dimension. 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Der Film ist klassisch aufgebaut: wir folgen zunächst Tony. Seine erste Begegnung entspricht dem ‚Call for adventure’. Dennoch ist auf keinen Fall Tony als ‚Hauptfigur’ zu sehen, und „Green Book“ nicht als Heldenreise. Denn die Herausforderung liegt bei Don, nicht bei Tony. Es ist der schwarze Pianist, der über seinen Schatten springen muss, wenn er sich den Demütigungen der Südstaaten ausgesetzt sieht oder gar halbnackt mit seinem Geliebten im Gefängnis vorgeführt wird. Verglichen damit sind die inneren und äußeren Hindernisse für Tony eher marginal. 

Der Wechsel in den dritten Akt wird erreicht, als Tony und Don sich gemeinsam weigern, das vereinbarte Weihnachtskonzert zu spielen, und sich fluchtartig auf den Weg zurückbegeben. Restlos vollendet sich die Annäherung allerdings erst im Schlussbild. Don bricht aus seiner verfeinerten ‚splendid isolation’ aus und begibt sich in die soziale Wärme des familiären Umfelds seines neuen Freundes. Jetzt erst sind beide Figuren auf Augenhöhe angekommen. 

 

Gesamtbild

 

„Green Book“ ist sehr klar erkennbar eine Fortführung und zugleich das Gegenstück zum französischen Überraschungshit „Ziemlich beste Freunde“ von 2012. Der Aufeinanderprall von Ober-und Unterschicht, basierend auf krasser Benachteiligung, ist in beiden Fällen vergleichbar. Allerdings werden hier nun die Verhältnisse umgedreht und die Klischees gebrochen. Der Schwarze ist nun nicht mehr der vitale, sinnliche und spontane Kraftprotz aus dem französischen Film, sondern im Gegenteil ein Vertreter europäischer Verfeinerung. Diese Fortschreibung wirkt zwingend. Insofern hat „Green Book“ gute Voraussetzung für einen annähernd ebenso intensiven Publikumserfolg. Freilich fällt der Überraschungseffekt diesmal weg; und während im Fall von „Ziemlich beste Freunde“ die Benachteiligung beider Protagonisten annähernd gleichwertig schien – hier der perspektivlose Afrikaner in Paris, da der schwerreiche Querschnittsgelähmte – ist es im Fall von „Green Book“ allein der Pianist, der mit sozialer Ausgrenzung zu kämpfen hat. 

 

Insofern ist nicht damit zu rechnen, dass „Green Book“ die sensationellen Zahlen des Vorgängerfilms direkt wiederholt. Doch das Ergebnis sollte immer noch ausreichen, um einen großen Publikumshit in Millionenhöhe zu garantieren.

 

München, 3.2.2019

 

Roland Zag

Quelle: 20th Century Fox