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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf fünf erzählerische dramaturgische Grundfragen. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten.

 

GUT GEGEN NORDWIND

B: Jane Ainscough (nach dem Roman von Daniel Glattauer)

 R: Vanessa Jopp

 

Erzählabsicht

 

Jeder Mensch träumt davon, auf der tiefsten, intimsten Ebene verstanden zu werden. Digitale Kommunikation ist dafür ideal. Via E-Mail kommt man sich vielleicht näher, als das in der konkreten Zweierbeziehung möglich wäre. Als sich LEO (Alexander Fehling) und EMMA (Nora Tschirner) im Internet immer besser kennenlernen, entwickelt sich deshalb der Wunsch, im Gegenüber ein imaginäres Spiegelbild aufzubauen: eine Wunscherfüllung, die durch keinerlei Realität angekratzt wird.

 

Doch irgendwann drängt das Geheime dann eben doch zur Offenheit. Das Virtuelle muss Realität werden. Noch die heimlichste Beziehung will ans Tageslicht der Realität.

 

Zugehörigkeiten

 

Leos Verlorenheit nach der Trennung von seiner Freundin MARLENE (Claudia Eisinger) wird eindringlich geschildert. Dass er einerseits nach dieser Kränkung Nähe scheut, und gleichwohl nach Austausch verlangt, ist nachvollziehbar. Daran ändert auch die liebevolle Beziehung zu seiner Schwester ADRIENNE (Ella Rumpf) nichts. Leos Leben kreist um einen unausgefüllten Kern.   

 

Emma (die bald zu ‚Emmi’ wird) hingegen scheint in einem gut funktionierenden Familienleben vermeintlich bestens aufgehoben. Ein geheimes Gefühl von Leere enthüllt sich erst, als wir (spät) erfahren, dass ihre Kinder von BERNHARD (Ulrich Thomsen) nur angenommen sind. Emma opfert sich für andere auf. Aber wo bleibt sie selbst?

 

Dass hier gegenseitig ein langsamer Sog der Anziehung entsteht, wirkt durchaus plausibel. Zugleich entsteht durch Leos vorübergehende Rückkehr zu seiner Ex-Freundin eine zusätzliche Spannung.

 

Zugleich muss man doch auch anmerken, dass das, was sich die beiden Briefpartner da gestehen, nur selten allzu intime Dimensionen annimmt. Echte Geheimnisse gestehen sie sich kaum, veritable Geständnisse sind die Ausnahme.

 

Wertekonflikt(e)

 

Beide Figuren schwanken zwischen den Möglichkeiten der digitalen Fantasie einerseits und und dem Wunsch nach handfester Erotik andererseits. Indem zweimal die verabredete Begegnung nicht zustande kommt, entsteht hier ein echter Suspense: Wann sehen sie sich endlich? Wann dringt das Virtuelle zum Realen vor?

 

Zugleich kann man kaum sagen, dass die Konflikte wirklich hoch kochen. Das Verlangen, sich endlich zu Gesicht zu bekommen, bleibt wohltemperiert. Ein möglicher konkreter Zusammenprall von Leo und Emmas Mann liegt zwar in der Luft, kommt aber nicht zustande.  Insofern bleibt der Konfliktpegel überschaubar – was aber vielleicht wieder dem wohligen Gefühl der erotischen Fantasie hilft.

 

Regelwerk

 

Schon bald werden die Regeln festgelegt: Kein Kennenlernen, keine Fotos – nichts, was die Fantasie einschränken könnte. Die Frage, wie lange dies eingehalten wird, und wann die Regeln gebrochen werden, ist wesentlich für die Spannung des ganzen Films.

 

Diese Regeln gelten allerdings für uns Zuschauer nicht. Wir lernen beide Figuren sehr wohl kennen und können also gut beobachten, wie die beiden Zufallsbekanntschaften eigentlich fast Tür an Tür wohnen, ohne es zu wissen.

 

Diese angebliche räumliche Nähe – die es sogar erlaubt, sich gegenseitig mittels Sylvesterraketen zu grüßen – setzt einen sehr großen Zufall voraus. Dass zwei wildfremde E-Mail-Partner in derselben Stadt wohnen, ist nicht gerade wahrscheinlich. Ob man das als Zuschauer akzeptieren mag, ist zweifelhaft.

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Der erste Wendepunkt ist sehr klar markiert, als sich Emma und Leo auf das Regelwerk ihres Austauschs geeinigt haben. Nun steht die Frage im Raum, wie lange sich die virtuelle Beziehung durchhalten lässt.

 

Die Spannung dieser Frage wird sparsam gesteigert, indem Emmas Ehemann allmählich Wind von dem Verhältnis seiner Frau bekommt, und Leo dabei ist, das Angebot zu einem Ortswechsel anzunehmen. Stück für Stück nimmt das Treffen Realität an, und Stück für Stück wird es ernster. Entsprechend größer werden die inneren Krisen, die in Leos Ankündigung kulminieren, Deutschland zu verlassen. Ein echter Wendepunkt, der zum Handeln zwingt. Wie es weitergeht, sobald sich beide begegnet sind, muss offen bleiben…

 

Gesamtbild

 

„Gut gegen Nordwind“ ist kein aufregender Film. Eher wirkt er wie eine Träumerei, ein romantischer Flirt mit gar nicht besonders hoch gesteigerten erotischen Möglichkeiten, deren Aufeinanderprall mit der Wirklichkeit am Ende nicht weiter verfolgt wird. Gleichwohl ist der Eindruck, dass sich hier zwei Menschen näherkommen wollen, überdeutlich – und das genügt zunächst, um im Publikum das wohlige Gefühl nach Romantik zu evozieren.

 

Insofern sind die Voraussetzungen für positive Resonanz – auch dank der populären literarischen Vorlage und der sehr beliebten Darsteller - nicht schlecht. „Gut gegen Nordwind“ gibt dem fast verkümmerten Genre der romantischen Komödie einen neuen Impuls. Eine Renaissance des Liebesfilms, der lange Zeit von der Bildfläche verschwunden schien, wäre wünschenswert. Doch ob das hier nun wie im Falle von „Her“ oder „SMS für dich“ wirklich gelingt, sollte doch offen bleiben.

 

München, 19.9.2019

Roland Zag

Quelle: Sony Filmverleih