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Filmbesprechung

HAPPY END

 

Buch und Regie: Michael Haneke

 

Vom herkömmlichen Erzählschema kehrt sich der Film (wie etwa auch schon „Das weiße Band“) einmal mehr deutlich ab. An die Stelle einer individuellen Hauptfigur und ihrer ‚Wandlung’ tritt die heute immer wichtiger werdende ‚Systemische Dramaturgie’. Sie zeichnet sich durch die Abwesenheit von individuellen Protagonisten und Antagonisten aus. Im Vordergrund stehen Kollektive, die sich in einer von Systemen, Apparaten und Institutionen geprägten Welt bewegen.

 

In diesem Fall geht es um eine in Calais ansässige Familie. Diese Lokalisierung deutet schon auf das ‚System Europa’ mit seinem Kanaltunnel und den hier auf die Überfahrt nach England wartenden afrikanischen Immigranten. Diese treten zwar immer nur hintergründig, aber eben doch durch spürbar ins Bild. Vordergründiger macht sich der systemische Anteil in dem Konflikt zwischen dem Bauunternehmen fest, welches von ANNE (Isabelle Huppert) geleitet wird. Aufgrund eines Unfalls liegt die Firma im bürokratischen Clinch mit Aufsichtsbehörden, Vorschriften, juristischen Winkelzügen und dubiosen Ausgleichszahlungen an Geschädigte. Hier wird ganz klar, dass es nie um Menschlichkeit geht, sondern um das Funktionieren im Kapitalismus. Der Schilderung dieser Prozesse widmet der Film viel Zeit.

 

Und auch innerhalb der Familie selbst macht sich das Verhalten der Figuren abhängig von den Rollen, die sie ausfüllen: der Chefarzt, der keine Zeit hat, seine geheime Affaire auszuleben; der Sohn der Geschäftsführerin, der sich außerstande fühlt, den an ihn gestellten Anforderungen gerecht zu werden; die Bediensteten, die fast völlig in ihrem Anforderungsprofil aufgehen. Fast alle Figuren handeln weniger aus individuellem Antrieb, als aus den Notwendigkeiten, die ihre Eingebundenheit ins System erfordert. Auch die Ehe, die am Ende gefeiert werden soll, wird aus Geschäftsraison geschlossen.

 

Aus diesem Schema des Verschweigens und Vertuschens brechen nur zwei Figuren aus. Sie hinterlassen entsprechend die stärksten Eindrücke, obwohl sie nicht mehr Screentime als die anderen haben. Da ist einmal GEORGES (Jean-Louis Trintignant), der lebensmüde Patriarch. Er kennt keine Hemmungen, ganz offen über seinen Wunsch zu sprechen, sich umzubringen, nachdem er bereits seine demenzkranke Frau erstickt hatte. Und da ist EVE (Fantine Harduin), die Tochter des Chefarztes, die ebenfalls nicht am Spiel des Schweigens teilhat. Sie konfrontiert ihren Vater direkt mit dessen Doppelleben, so wie sie schon die Depressionen ihrer Mutter mitleidslos registriert hatte.

 

Der Moment, in dem Großvater und Enkelin erstmals Klartext sprechen, ist aufgrund der gegenseitigen Offenheit und Schonungslosigkeit der intensivste des Films, und er bildet auch dramaturgisch den Wendepunkt zum dritten Akt: endlich hat Georges eine Gesinnungsgenossin. Endlich gibt es so etwas wie ein dramaturgisches Ziel, nämlich den Selbstmord des Alten.

 

Erst am Ende wird klar, dass der Film zwischen den Polen ‚Reden’ und ‚Schweigen’ gependelt hat. Die überwiegende Mehrzahl der Figuren hält sich an das unausgesprochene Schweige-Gebot der bürgerlichen Welt: alles, was weh tun könnte, soll ungesagt bleiben. Einzig die Außenseiter, die nichts zu verlieren haben, finden Worte - wenn auch das, was es zu verhandeln gibt, vorwiegend grausam und inhuman wirkt. Angesichts der unauflösbaren systemischen Verstrickungen – so lautet der implizite Botschaft des Films – ist immer noch das Darüber-Reden besser als das Verschweigen.

 

Darin ist der Film sehr konsequent - auch wenn es einigen Zuschauern vielleicht nicht leicht fallen dürfte, den immanenten Sinngehalt der oft subtil andeutenden Szenen auf Anhieb zu entschlüsseln. 

 

Betrachtet man allerdings die Tonlage des Films, entsteht ein gemischterer Eindruck. Das letzte Bild des Films trägt eindeutig groteske Züge. Der Selbstmord des Patriarchen ist – mal wieder – kläglich gescheitert. Hilflos rudert er im Rollstuhl im kniehohen Meer, während seine Familie in Aktionismus um ihn herum schwirrt. Kurz zuvor war schon eine Hochzeitsparty wurde durch den Auftritt afrikanischer Flüchtlinge auf durchaus komische Art und Weise zur Farce geworden. Das junge Mädchen, das eine aus den Fugen geratene Welt ungerührt auf seinem Handy filmt, wirkt ebenfalls nahezu belustigt.

 

Von diesem dritten Akt aus betrachtet wirkt „Happy End“ also eher wie eine Farce. Doch lange Zeit hatte es ganz anders ausgesehen: da war noch eindeutig die Tragödie vorherrschend. Immerhin hatten wir es mit einem geglückten, mehreren versuchten Selbstmorden sowie einigen Szenen mit offener Aggression zu tun. Die Art und Weise, wie das ins Bild gesetzt wurde, hatte lange Zeit nichts Komisches. Dass sich „Happy End“ dann schließlich doch zur schwarzen Komödie entwickelt, wirkt da wie eine zwar grimmige, aber doch eben auch versöhnliche Abschwächung. So bitter die Schilderung der Zusammenhänge, in die sich die bürgerliche Welt verstrickt hat, auch sein mögen – am Ende wirkt der Blick doch ein Stück weit mit Humor durchtränkt.

 

Vielleicht liegt hier der Grund dafür, dass „Happy End“ bei den Filmfestspielen in Cannes nur gemischte Kritiken erhielt und der Film auch am Markt nicht an die überraschend starken Ergebnisse der Vorgängerfilme „Das weiße Band“ und „Amour“ heranreichen dürfte. Das Kino bestraft die Uneindeutigkeit. Selbst ein Filmemacher wie Michael Haneke, der für seine gnadenlose Konsequenz berühmt wurde, muss das nun erfahren. Umgekehrt aber kann sich der Liebhaber gerade der Werke dieses Regisseurs daran erfreuen, dass mit dem schwarzen Humor auch eine neue Farbe in das Spektrum dieses Künstlers gelangt ist.

 

München, 2.12.2017

 

Roland Zag

 


 

Vom herkömmlichen Erzählschema kehrt sich der Film (wie etwa auch schon „Das weiße Band“) ab. An die Stelle einer individuellen Hauptfigur und ihrer ‚Wandlung’ tritt die heute immer wichtiger werdende ‚Systemische Dramaturgie’. Sie zeichnet sich durch die Abwesenheit von individuellen Protagonisten und Antagonisten ab. Im Vordergrund stehen Kollektive, die sich in einer von Systemen, Apparaten und Institutionen geprägten Welt bewegen.

 

In diesem Fall geht es um eine in Calais ansässige Familie. Diese Lokalisierung deutet schon auf das ‚System Europa’ mit seinem Kanaltunnel und den hier auf die Überfahrt nach England wartenden afrikanischen Immigranten an. Sie kommen zwar immer nur hintergründig, aber eben doch durch spürbar präsent ins Bild. Vordergründiger macht sich der systemische Anteil in dem Konflikt zwischen dem Bauunternehmen fest, welches von ANNE (Isabelle Huppert) geleitet wird. Aufgrund eines Unfalls liegt die Firma im Clinch mit Aufsichtsbehörden, komplizierten Vorschriften, juristischen Fakten und dubiosen Ausgleichszahlungen an Geschädigte. Hier wird ganz klar, dass es nie um Menschlichkeit geht, sondern um das Funktionieren im Kapitalismus.

 

Und auch innerhalb der Familie selbst  macht sich das Verhalten der Figuren abhängig von den Rollen, die sie ausfüllen: der Chefarzt, der keine Zeit hat, seine geheime Affaire auszuleben; der Sohn der Geschäftsführerin, der sich außerstande fühlt, den an ihn gestellten Anforderungen gerecht zu werden; die Bediensteten, die fast völlig in ihrem Anforderungsprofil aufgehen. Fast alle Figuren handeln weniger aus individuellem Antrieb, als aus den Notwendigkeiten, die ihre Eingebundenheit ins System erfordert. Auch die Ehe, die am Ende gefeiert werden soll, wird aus Geschäftsraison geschlossen.

 

Aus diesem Schema des Verschweigens und Vertuschens brechen nur zwei Figuren aus. Sie hinterlassen entsprechend die stärksten Eindrücke, obwohl sie nicht mehr Screentime als die anderen haben. Da ist einmal GEORGES (Jean-Louis Trintignant), der lebensmüde Patriarch. Er kennt keine Hemmungen, ganz offen über seinen Wunsch zu sprechen, sich umzubringen, nachdem er bereits seine demenzkranke Frau erstickt hatte. Und da ist EVE (Fantine Harduin), die Tochter des Chefarztes, die durch ihren grausam distanzierte Beobachterrolle ebenfalls nicht am Spiel des Schweigens mitmacht. Sie konfrontiert ihren Vater direkt mit dessen Doppelleben, so wie sie schon die Depressionen ihrer Mutter mitleidslos registriert hatte.

 

Der Moment, in dem Großvater und Enkelin erstmals Klartext sprechen, ist aufgrund der gegenseitigen Offenheit und Schonungslosigkeit der intensivste des Films, und er bildet auch dramaturgisch den Wendepunkt zum dritten Akt: endlich hat Georges eine Gesinnungsgenossin. Endlich gibt es so etwas wie ein dramaturgisches Ziel, nämlich den Selbstmord des Alten.

 

Durch diese Anlage bleibt die zwischenmenschliche Konfliktstellung lange Zeit verborgen: erst am Ende wird klar, dass der Film zwischen den Polen ‚Reden’ und ‚Schweigen’ pendelt. Die überwiegende Mehrzahl der Figuren hält sich an das unausgesprochene Schweige-Gebot der bürgerlichen Welt: alles, was weh tun könnte, soll ungesagt bleiben. Einzig die Außenseiter, die nichts zu verlieren haben, finden Worte - wenn auch fsd, was es zu verhandeln gibt, vorwiegend grausam und inhuman wirkt. Angesichts der unauflösbaren systemischen Verstrickungen unserer Welt – so lautet der implizite Botschaft des Films – ist immer noch das Darüber-Reden besser als das Verschweigen.

 

Darin ist der Film sehr konsequent - auch wenn es einigen Zuschauern vielleicht nicht leicht fallen dürfte, den immanenten Sinngehalt der oft subtil andeutenden Szenen auf Anhieb zu entschlüsseln. 

 

Betrachtet man allerdings die Tonlage des Films, entsteht ein gemischterer Eindruck. Das letzte Bild des Films trägt eindeutig groteske Züge. Der Selbstmord des Patriarchen ist – mal wieder – kläglich gescheitert. Hilflos rudert er im Rollstuhl im kniehohen Meer, während seine Familie in Aktionismus um ihn herum schwirrt. Kurz zuvor war schon eine Hochzeitsparty wurde durch den Auftritt afrikanischer Flüchtlinge auf durchaus komische Art und Weise zur Farce geworden. Das junge Mädchen, das eine aus den Fugen geratene Welt ungerührt auf seinem Handy filmt, wirkt ebenfalls nahezu belustigt.

 

Von diesem dritten Akt aus betrachtet wirkt „Happy End“ also eher wie eine Farce. Doch lange Zeit hatte es ganz anders ausgesehen: da war noch eindeutig die Tragödie vorherrschend. Immerhin hatten wir es mit einem geglückten, mehreren versuchten Selbstmorden sowie einigen Szenen mit offener Aggression zu tun. Die Art und Weise, wie das ins Bild gesetzt wurde, hatte lange Zeit nichts Komisches. Dass sich „Happy End“ dann schließlich doch zur schwarzen Komödie entwickelt, wirkt da wie eine zwar grimmige, aber doch eben auch versöhnliche Abschwächung. So bitter die Schilderung der Zusammenhänge, in die sich die bürgerliche Welt verstrickt hat, auch sein mögen – am Ende wirkt der Blick doch ein Stück weit mit Humor durchtränkt.

 

Vielleicht liegt hier der Grund dafür, dass „Happy End“ bei den Filmfestspielen in Cannes nur gemischte Kritiken erhielt und der Film auch am Markt nicht an die überraschend starken Ergebnisse der Vorgängerfilme „Das weiße Band“ und „Amour“ heranreichen dürfte. Das Kino bestraft die Uneindeutigkeit. Selbst ein Filmemacher wie Michael Haneke, der für seine gnadenlose Konsequenz berühmt wurde, muss das nun erfahren. Umgekehrt aber kann sich der Liebhaber gerade der Werke dieses Regisseurs daran erfreuen, dass mit dem schwarzen Humor auch eine neue Farbe in das Spektrum dieses Künstlers gelangt ist.

 

München, 2.12.2017

 

Roland Zag

 

Julieta

Quelle: X-Filme-Verleih