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Filmbesprechung

HIGH SOCIETY

 

Buch und Regie: Anika Decker

 

Über Jahrzehnte hinweg wurde der deutsche Film – oft in abwertendem Kontext – auf die angeblich typischen ‚Beziehungskomödien’ reduziert. Davon kann heute kaum mehr die Rede sein. Viel häufiger scheint gegenwärtig die ‚Gesellschaftskomödie’. Dafür standen in den letzten Jahren die Mega-Erfolge „Fack Ju Göhte“ (1+2) sowie „Willkommen bei den Hartmanns“. In beiden Fällen wurden drängende gesellschaftliche Probleme und Nöte (einmal der Bildungsnotstand, im anderen Fall die Flüchtlingsthematik) zur Komödie umfunktioniert. Im Falle der Schulkomödie ging es um Ohnmachtsgefühle gegenüber der Schule samt der brachialer Aggressionen, die nötig sind, um das System zu brechen; im anderen Fall um Schuldgefühle gegenüber der realen Not von Migranten. Zwar wurden diese Filme zielgruppengerecht ‚entschärft‘ erzählt. Aber der emotionale Kern blieb doch erhalten.

 

So scheint es nur logisch und vielversprechend, wenn in „High Society“ die in unserer Gesellschaft immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich zum Thema wird. Grundsätzlich liegt in dieser Idee unglaublich viel Potenzial. Zum wird im Motiv der im Kreißsaal vertauschten Kinder ein ewiger narzistischer Wunsch vieler Menschen angesprochen, die sich eigentlich als etwas ‚Anderes‘, gar  etwas ‚Besseres‘ fühlen wollen.

 

Zum anderen werden gleich zwei Zugehörigkeitsgeschichten gleichzeitig bedient. ANABEL (Emilia Schüle) erfährt, dass sie keineswegs das geliebte Kind ihrer verwöhnten Mutter TRIXI (Iris Berben) ist, sondern in viel ‚niedrigere’ soziale Schicht gehört.  Doch auch ihr Gegenstück AURA (Caro Cult) macht dieselbe Erfahrung, nur umgekehrt. Beide verlassen den bisherigen Bezugsrahmen, und im neuen Umfeld müssen sie sich erst neu erfinden. Das bedeutet: zweimal Culture Clash, zweimal die Frage: ‚wo gehöre ich hin?‘ Konflikthaltiger, emotionaler und damit komischer lassen sich Komödien erst einmal kaum in Szene setzen. Theoretisch.

 

Über einen bestimmten Zeitraum hinweg wird in „High Society“ auch tatsächlich einfühlsam beschrieben, wie Anabel Stück für Stück von ihrer Mutter und der ganzen Familie von Schlacht subtil ausgegrenzt wird. Die vorher selbstverständliche Bindung verliert ihre Substanz, und Anabel wird sanft abserviert. Diese Entwicklung verfehlt ihre Wirkung nicht: Anabel erhält unser Mitgefühl. Das konzentriert sich aber allein auf den Beginn des zweiten Aktes und verliert sich dann.

 

Auch das Thema „Käuflichkeit“, das ja im Arm-Reich-Gegensatz immer mitschwingt, wird im Prinzip konsequent bis zum Ende durchgehalten. Klug auch, dass Anabel ein komatöser (Stief)-Vater mit auf den Weg gegeben wird, bei dem sie sich emotional sicher gebunden fühlt – auch wenn der Tod dieses Mannes erzählerisch zu nichts führt.

 

Dennoch wird im Verlauf des Films immer klarer, dass „High Society“ auf einer prinzipiellen Leugnung und Verdrängung aller emotionalen Qualitäten beruht, die dem Thema zu eigen sind. Die Klischees sind altbekannt: Reiche verhalten sich arrogant, Arme sind warmherzig und kämpferisch. Doch die Gefühle von Zweitklassigkeit, von Demütigung und Ohnmacht all derer, die schuften müssen, um sich ein karges Leben leisten zu können, während andere im Geld schwimmen, bleiben ausgespart. Wenn Anabel mal ganz kurz den Job einer Putzkraft annimmt, scheint es ihr Spaß zu machen. Ihr Polizist JANN (Jannis Niewöhner) hat eigentlich immer Freizeit, und Anabels neue Familie, allen voran Mutter CARMEN (Katja Riemann), hat eigentlich auch kaum Probleme.

 

So entsteht der seltsam unangenehme Eindruck, dass „High Society“, auch wenn es gelungene Witze über die ignorante Oberschicht gibt, eigentlich genauso snobistisch auf die ‚Armen‘ blickt wie Trixi und ihre Familie. Mit realen Problemen des Lebens will der Film gar nichts zu tun haben. Es geht um Pointen, aber nicht um die Menschen, auf deren Kosten sie gehen.  Ob sich das Zielpublikum, das ja beileibe nicht nur aus Besserverdienern besteht, hier heimisch fühlen kann, muss bezweifelt werden. Erzählerisch entstehen durch diese Auslassungen jedenfalls massive Schwächen der emotionalen Logik, und das erotische Dilemma von Anabel, die sich zwischen Jann und dem schwer reichen, aber auch schwer gestörten BENJAMIN (Marc Benjamin) entscheiden muss, nimmt am Ende niemand mehr ernst.

 

So entsteht nun am Markt eine sehr spannende, durchwachsene Mischkalkulation. Die äußeren Faktoren der Besetzung, vor allem aber auch der Thematik wirken mit Sicherheit sehr anziehend. Das Versprechen eines neuen ‚Willkommen bei den Hartmanns‘ wirkt attraktiv. Dennoch ist jetzt schon anhand der durchweg schlechten Reaktionen klar, dass die Defizite überwiegen. Tatsächlich können sich Mainstreamfilme große Schwächen erlauben – solange sie nur die dem Thema angemessene Emotionalität finden. Dass diese hier fehlt, dürfte der Markterfolg von „High Society“ am Ende schmerzlich unter Beweis stellen.

 

 

München, 21.9.2017

 

Roland Zag

 

 

 

Julieta

Quelle: Warner Brothers