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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme und neuerdings auch Serien in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag Freiburg) behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films bzw. der Serie.  

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten. 

 

 

IN THERAPIE

(En thérapie)

Serie, 35 Folgen à 20-30 Min.

Anbieter: ARTE

 

D: David Elkaim, Vincent Poymiro, Pauline Guéna, Alexandre Manneville, Nacim Mehtar, Olivier Nakache, Éric Toledano

R: Mathieu Valepied, Olivier Nakache, Éric Toledano, Nicolas Pariser, Pierre Salvadori

 

 

ERZÄHLABSICHT

 

Kollektive Traumata – wie etwa der Terrorakt im Pariser Club Bataclan – müssen auch kollektiv bearbeitet werden. „Rede mit anderen – auch und gerade mit denen, mit denen du Konflikte hast“, rät der Therapeut PHILIPPE (Frédéric Pierrot) seinen allesamt von dem Schock der Ereignisse gezeichneten Patienten. Vordergründig handelt die Serie also vom menschlichen Drang, sich mitzuteilen, und zugleich von der Angst vor der Selbstentblößung angesichts des Schreckens. Therapeutische Arbeit befriedigt das dringende Bedürfnis, sich rückhaltlos mitzuteilen. Die Kehrseite liegt in der Furcht vor Verletzung, Beschämung und dem Vertrauensbruch. Als Zuschauer werden wir zu Voyeuren. Darin liegt ein wesentlicher Reiz. 

 

Der eigentliche erzählerische Kern aber von „In Therapie“ liegt im Thema Missbrauch. Denn das Sich-Offenbaren intimster Wünsche und Fantasien setzt absolutes Vertrauen voraus, und dieses braucht den geschützten Raum. Wenn selbst ein erfahrener Therapeut wie Philippe es nicht schafft, die Grenze zwischen Realität und Fantasie zu respektieren, indem er dem Verlangen nach seiner Patientin ARIANE (Mélanie Thierry) nachgeben will, verrät er dieses Vertrauen. Missbrauch entsteht da, wo sich ranghöhere Personen aus dem Vertrauensvorschuss der ihnen Anvertrauten Vorteile verschaffen. Davon ist hier auf verschiedenen Ebenen die Rede.

 

Niemand leidet darunter am Ende so sehr wie Philippe selbst – was letztlich ein Gefühl der Befriedigung hinterlässt. Zwischen Fantasie und Realität liegt eine Grenze, die es zu respektieren gilt. Für die Überschreitung muss man schmerzhaft bezahlen. 

 

 

ZUGEHÖRIGKEITEN

 

Aus den Zweiergesprächen ergibt sich aus Publikumssicht zunächst große Nähe und Bezogenheit. Dies hilft der emotionalen Bindung. Hinter den intimen Gesprächen tauchen allerdings noch viele weitere Beziehungen und familiäre Systeme auf, wodurch ein immer vernetzteres Bild entsteht. Trotz der relativ wenigen Figuren im Bild entsteht ein verschlungenes imaginäres Geflecht von Zugehörigkeiten.

 

In den individuellen Beziehungen zu den einzelnen Patienten spielt Philippe jedes Mal eine halb klärende und halb auch zersetzende Rolle. Dem Polizisten ADEL (Reda Kateb) hilft er zwar, mit dem brutalen Schicksal seiner algerischstämmigen Familie klarzukommen – aber zugleich entfacht er auch einen für Adel tödlichen Sog. 

Die junge Sportlerin CAMILLE (Céleste Brunnquell) lernt einerseits, eine missbräuchliche Beziehung zu ihrem Trainer zu durchschauen, muss sich aber auch schmerzhaft von ihrem Vaterbild lösen. 

LÉONORA (Clémence Poésy) und DAMIEN (Pio Marmai) lernen zwar zu verstehen, dass sie als Paar immer nur funktionieren, wenn sie sich gegenüber anderen verbünden können. Doch diese Einsicht führt letztlich wohl doch zur Trennung. 

Die Chirurgin Ariane wird von der Doppeldeutigkeit am stärksten betroffen: schließlich lernt sie einerseits sehr viel über ihre verborgenen Beziehungsmuster, wird aber zugleich auch am stärksten in Philipps eigenen Verstrickungen gezogen. Was wiegt schwerer – die Einsicht in die Folgen des vergangenen Missbrauchs, oder die Übergriffigkeit des Therapeuten? 

 

All dies wird überschattet von den Opfern der Terroranschläge. Die individuellen Therapien finden nicht im luftleeren Raum statt, sondern beziehen sich auf einen konkreten gesellschaftlichen Schrecken, dem sich niemand entziehen kann. Man muss Stellung beziehen. Jeder.  

 

 

WERTEKONFLIKTE

 

Grundsätzlich pendelt die Serie zwischen dem Realitätsprinzip einerseits und den Fantasien und unbewussten Wünschen aller Beteiligten – Therapeuten eingeschlossen. Solange wir uns im geschützten Raum bewegen, sind alle Ideen und Gedanken erlaubt. Doch was, wenn die Fantasmen mit der Realität konfrontiert werden? Immer wieder dringen reale Figuren und Ereignisse in den therapeutischen Prozess, beeinflussen ihn und rauben ihm die Unschuld des Elfenbeinturms. Die Realität existiert – und fordert ihren Preis:

 

Bei Camille dringt die Wirklichkeit in dem Moment ein, wo ihr Vater leibhaftig in der Praxis von Philippe auftaucht. 

Bei Leonora und Damien bricht sie sich Bahn, sobald mal der eine, mal die andere nicht erscheint und dadurch das Setting durchbricht. 

Bei Adel hat die Einsicht in die eigenen Gewalt-Verstrickungen tödliche Folgen, denen sich Philippe auf der Beerdigung und in Konfrontation mit dem Vater stellen muss. 

Im Fall von Ariane wird der Übergang vom Fantasieraum zum Realitätsprinzip besonders folgenreich, indem Philippe tatsächlich glaubt, eine Liebesbeziehung mit ihr beginnen zu können – was schon im Ansatz scheitert. Der Lebenswirklichkeit halten seine erotischen Fantasien nicht stand. 

 

 

 

 

REGELWERKE/SYSTEME

 

Insofern der Umgang mit Regeln permanent im Zentrum steht, folgt „In Therapie“ einem systemischen Prinzip. Die therapeutische Situation unterliegt strikten Vereinbarungen hinsichtlich Zeit, Ort, Geld und Rollenverteilung. Sie werden permanent thematisiert und liegen wie ein anonymes archaisches Gesetz über allem. Das System ‚Therapie’ wird so zur heimlichen, omnipräsenten Hauptperson der Serie.

 

Wenn die Figuren immer wieder aus dem Fenster schauen, so wird dieses Bild zur Metapher der Trennung von Regellosigkeit und Ordnung. Da draußen in der Wirklichkeit herrscht die Freiheit, aber auch das Chaos oder – wie im Fall Bataclan – der Horror. Im geschlossenen Raum dagegen garantieren die strikten Regeln Ordnung und Einsicht. Das Fenster wird aber auch zur Metapher einer möglichen Überschreitung: Der Blick nach draußen ist immer auch die Fantasie eines anderen Lebens, die ausagiert zur fatalen Verletzung des Regelwerks führen kann. Von dieser Überschreitung und zugleich der Herstellung der ursprünglichen Ordnung handeln die letzten Folgen. 

 

ERZÄHLORDNUNG

 

Durch die Begegnungen zwischen Philippe, seinen fünf Patienten (Ariane, Adel, Camille sowie das Paar Eleonora und Damien) und regelmäßigen Sitzungen bei seiner Supervisorin ESTHER (Carole Bouquet) ergeben sich streng strukturierte Wiederholungen. Bei insgesamt 35 Folgen ergibt dies für jede Beziehung zwischen Patient und Therapeut eine Summe von in etwa 7 Episoden, die jeder Person gewidmet sind. 

 

Jeder individuelle Strang gliedert sich in eine Exposition, welche uns in die Konfliktspannung einführt, sowie eine ausgedehnte Konfliktphase voll unvorhersehbarer Wendungen. Jede Erzählung findet aber auch gleichsam zu ihrem jeweils eigenen ‚dritten Akt’, also der entweder negativen oder positiven Auflösung: 

Eine positive Bilanz kann die Sportlerin Camille ziehen; gemischte Gefühle bleiben bei Eleonora und Damien, letztlich auch bei Ariane; destruktiver stellt sich das Ergebnis für Philippe und vor allem den Polizisten Adel dar: In deren Fall nimmt das Geschehen eine eher fatale Wendung. Therapie ist also eine Gratwanderung zwischen der  Möglichkeit der Hilfestellung, aber auch der Möglichkeit des Scheiterns. 

 

 

GESAMTBILD

 

„In Therapie“ ist ein Geduld erforderndes und rein optisch wenig abwechslungsreiches Unterfangen. Das intellektuell fordernde Niveau schreckt vielleicht auch manche ZuschauerInnen ab. Doch einem aufmerksamen und geduldigen Publikum wird zugleich ein ungewöhnlich ergiebiges Erlebnis geboten.

 

Denn genau das, was in der Therapie passiert – nämlich die Steigerung und Überhöhung realer Ereignisse durch die Überlagerung mit Fantasien und Wünschen – vollzieht sich auch in der Serie. Man wird in ein Geschehen gesogen, wo sich beständig das Mögliche mit dem Tatsächlichen reibt. Alle Motive spiegeln sich in der einen oder anderen Weise auf allen Ebenen. Trotz einer komplex aufgefächerten Form bietet „In Therapie“ so doch ein einheitliches, spannendes und emotional tiefgreifendes Erlebnis – wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen.

 

In einer Zeit großer medialer Flüchtigkeit  – wöchentlich erscheinen neue, sehenswerte Serien, wodurch es schwer wird, die Übersicht zu bewahren – hat „In Therapie“ durch die Dichte der Beziehungen, die Vieldeutigkeit der Bezüge und die Spannung des Regelbruchs doch das Zeug dazu, ein Klassiker zu werden. 

 

München, 10.4.2021

 

 

Roland Zag

Quelle: ARTE