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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf fünf erzählerische Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag 2018) ausführlich erläutert werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten.

 

 

JoJo Rabbit

 

B + R: Taika Waititi (nach einer Vorlage von Christine Leunens)

 

Erzählabsicht

 

Menschen – insbesondere junge Menschen - folgen Ideologien. Doch diese beruhen auf Einbildungen und Fantasien. Der Wahrheit kommt man erst näher, wenn man Vorurteile überwindet und sich direkt mit Menschen auseinandersetzt.

 

Als Zehnjähriger hängt JOJO (Roman Griffin Davies) gegen Ende des Zweiten Weltkriegs naturgemäß der herrschenden Nazi-Ideologie an -  allein schon um in der Hitler-Jugend Anerkennung zu finden, überschlägt er sich mit antisemitischen Klischees. Diese werden durch seinen privaten Ratgeber, niemand anderen als ADOLF HITLER (Taika Waititi) persönlich noch befeuert. Erst als er sich mit ELSA (Thomasin McKenzie), einer realen Jüdin konfrontiert sieht, die von seiner MUTTER (Scarlett Johansson) im Haus versteckt wird, verändert sich sein Weltbild. Er begreift: Antisemitismus gründet auf Unkenntnis. Nach dieser Begegnung braucht er keine Ideologie mehr, und erst recht keinen Adolf Hitler...

 

Zugehörigkeiten

 

Die treibende Kraft für Jojo ist zunächst der Wunsch nach Zugehörigkeit in seiner Peer-Group: Um den Nazis in der Hitlerjugend zu imponieren, will er sich als hart, brutal und rücksichtslos präsentieren – was gründlich misslingt.

 

Das Ungewöhnliche und Originelle des Films liegt nun darin, dass JoJos heimlicher Helfer (ein recht oft gebrauchter Topos des Coming-of-Age-Genres) nicht etwa wie sonst so oft eine positive, kraftspendende Figur, sondern geradezu die Ausgeburt des Bösen und Dummen ist. Dadurch wird die Erzählabsicht untermauert: Eingebildete Mentoren können auch Manipulatoren sein. Insofern wird sich JoJo von seinem heimlichen Gott trennen müssen.

 

Auf der anderen Seite wird die Bindung an die Mutter sehr intensiv bespielt. Sie präsentiert sich als mutige, angriffslustige alleinstehende Frau, die kraft ihrer Attraktivität die Nazis um den Finger wickelt – obwohl sie Feinde sind. Die Loyalität zwischen Mutter und Sohn bildet eine wichtige empathische Achse fürs Erleben des Publikums.

 

Ganz anders stellt sich das Thema Zugehörigkeit für Elsa dar. Sie hat ihre Familie verloren; außer Jojos Mutter bleibt ihr niemand. Das macht ihre Annäherung an den viel jüngeren JoJo plausibel – Elsa hat keine andere Wahl, als sich ihm zu öffnen. Insofern ist es konsequent, wenn die beiden am Ende gemeinsam in die Zukunft schauen – jemand anderen haben sie nicht mehr...

 

Wertekonflikt(e)

 

Auf der einen Seite steht die Nazi-Ideologie, die hier in ihrer Dummheit geradezu genüsslich zelebriert und die negative Zuschreibung an die Juden ins Groteske getrieben wird. Indem dies die Meinung der Mehrheit ist, bleibt dem Jungen gar keine Wahl, als sich ihr zunächst zu überlassen.

 

Dieser Haltung diametral entgegengesetzt sind die Überzeugungen von JoJos Mutter. Für sie steht die vorurteilslose Menschlichkeit im Vordergrund. Sie hilft Juden und bringt sich dadurch in Lebensgefahr.

 

Zwischen beiden Haltungen wird sich JoJo entscheiden müssen – und diese Entscheidung kostet einen hohen Preis.

 

Regelwerk

 

„JoJo Rabbit“ konstruiert ein lupenreines Dilemma. JoJo hat einfach überhaupt keine Chance, der Auseinandersetzung mit Elsa zu entkommen. Denn die Spielregeln der Nazizeit sorgen dafür, dass er seine Mutter und letztlich sich selbst an den Galgen bringt, sobald er sie verrät. Er KANN nicht anders als mit Elsa, dem vermeintlichen Unmenschen, zu leben. Auf der Unausweichlichkeit dieser Gesetzmäßigkeit beruht die Wirksamkeit der Story.

 

Entscheidend ist dann der Augenblick, wo das Regelwerk der Nazis in sich zusammenbricht und eine neue Zeit beginnt. Was wird jetzt kommen? Wie geht es weiter? Die Unsicherheit dieser Übergangsphase vermittelt sich im dritten Akt sehr deutlich.

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Die Vehemenz des ersten Wendepunkts ist schwer zu überbieten: Sobald der überzeugte Nazi eine versteckte Jüdin in seinem Haus entdeckt, ist der Konflikt maximal entfaltet.

Die Problematik solch starker erster Wendepunkte besteht nun häufig darin, dass es schwer wird, sie zu steigern. Nicht  so in „JoJo Rabbit“! Hier geht der doch weitgehend eher komische Film so weit, am zweiten Wendepunkt die Mutter sterben zu lassen. Die bittere Wucht dieses Perspektivwechsels übertrifft die des ersten nochmals erheblich – weshalb der Film trotz seiner knackigen Prämisse immer noch an Intensität und Spannung zulegen kann.

 

Gesamtbild

 

„JoJo Rabbit“ vermag dem scheinbar längst erschöpften Genre des Nazi-Films eine grundlegend neue Dimension abzugewinnen. Die Figur Adolf Hitler als falsche, manipulative Helferfigur ist absolut neu. Dies bietet sicher auch provokative Ansätze, über die man sich streiten kann – was dem Film am Markt nicht schaden muss. Indem am Ende eben doch das Thema ‚Zugehörigkeit’ triumphiert – aus der anfänglichen Feindschaft ist eine innige Beziehung geworden – bleibt bei aller Bitterkeit und Zweideutigkeit doch eine positive Botschaft übrig. Diese sollte dafür sorgen, dass der Film zwar nicht in Bereiche vorstoßen dürfte, wie sie einst "Das Leben ist schön" erreichte, aber eben doch eine längere intensive Auswertung erfährt.

 

München, 3.2.2020

 

Roland Zag

 

 

 

Quelle: Walt Disney Filmverleih