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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf fünf erzählerische dramaturgische Grundfragen. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films.  

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten. 

 

JOKER

B: Todd Philipps,  Scott Silver; R: Todd Philipps

 

Erzählabsicht

 

‚Lachen ist Wahrheit und Schmerz’ lautet eine gängige Definition. Lange Zeit ist „Joker“die dramatische Ausformulierung dieser Gleichung: ARTHUR (Joaquin Phoenix) versucht zunächst, sich über die Kränkungen und Enttäuschungen seiner trostlosen Existenz hinwegzulachen. Sein Traum besteht anfangs noch darin, als Stand-Up-Comedian in der Show des Witzereißers MURRAY (Robert de Niro) zu reüssieren. Doch nach einer Serie von Niederlagen und Ungerechtigkeiten kommt Arthur seiner eigenen Version von ‚Wahrheit’ (wie wahr diese auch immer sein mag - das lässt der Film absichtlich offen...) stetig näher - und danach bleibt nur noch die nackte Aggression.  

 

Indem nun ausgerechnet die Figur Joker – eigentlich Ausformung des schlechthin Bösen – psychologisch erklärt wird, verwischen die Grenzen. Das Böse ist demnach keine transzendentale dämonische Kraft mehr, sondern Ausdruck verzweifelter Menschlichkeit. 

 

Zugehörigkeiten

 

Arthurs Leidensweg ist von gewaltigen zwischenmenschlichen Niederschlägen geprägt: Seine Sehnsucht nach Zugehörigkeit wird auf allen Ebenen enttäuscht. In der Agentur für Clowns wird er ausgenützt und ungerecht beschuldigt. Die Mutter erweist sich vermutlich als Psychopathin, die ihn nur adoptiert und womöglich missbraucht hat. Der angebliche Vater verleugnet ihn. Die begehrte Nachbarin existiert wahrscheinlich nur in seiner Fantasie. Und die Zugehörigkeit zur Szene der Stand-Up-Comedians wird ihm bis zuletzt hartnäckig verweigert. 

 

So entsteht Schritt für Schritt das Bild eines heillos vereinsamten Mannes, dem auch noch die letzte Wertschätzung abhanden kommt, als die Therapeutin ihre Arbeit einstellt. Diese erzählerische Strategie massivster Benachteiligung zwingt uns zum Mitgefühl: Trotz aller Gewalteruptionen ist es schwer, diesen Arthur nicht irgendwie auch zu mögen - und so den Ausbruch des ‚Bösen’ aus dieser Figur innerlich gutzuheißen. Ob man will oder nicht. 

 

Wertekonflikt(e)

 

„Joker“ unterscheidet zwei Arten von Lachen. Einerseits das selbstgenügsame, beschwichtigende und heuchlerische Witzereißen von Murray: Dies speist sich nicht aus ‚Wahrheit und Schmerz’, sondern im Gegenteil aus bequemer Betäubung. 

 

Im Gegensatz dazu steht das aggressiv irre Lachen der Hauptfigur. Dieses hat mit dem weisen Lächeln des ‚Humors’ nichts zu tun, sondern erweist sich als Vorbote kommender Gewalt. Dieser Wertekonflikt kulminiert, als Arthur sein Vorbild Murray auf offener Bühne erschießt und so den Blutrausch, in dem der Film endet, zur Vollendung bringt. ‚Humor’ hat da keinen Platz mehr. 

 

Man könnte die Grenzen noch weiter ziehen: Letztlich geht es um den Gegensatz zwischen Leugnung und Anerkennung. Arthurs Welt ist bestimmt durch Halbwahrheit und Vertuschung. Die Mutter verschweigt Wahrheiten so sehr wie sein Kollege, der ihm die Waffe gegeben hat; Politiker vertuschen ihr Fehlverhalten so hartnäckig wie Arthurs (mutmaßlicher) Vater. Arthurs innere Reise hingegen führt zur Anerkennung immer grausamerer Realitäten – und damit auch zu einer Radikalisierung, die unausweichlich scheint. 

 

Auf dieser Ebene spiegelt „Joker“, der ja eigentlich nur in der Fantasiewelt von Gotham angesiedelt ist, auch unsere eigene Wirklichkeit. Wir alle stecken in diesem Wertekonflikt zwischen Abwarten, Beschwichtigen und Vertuschen einerseits und möglichem Handeln andererseits – auch dann, wenn man die brutalen Konsequenzen Arthurs ablehnt. 

 

Es deutet sich so auch die Debatte über ‚Fake News’ an – denn ob das, was diesem Joker widerfährt, auch wirklich ‚wahr’ ist, bleibt auf vielen Ebenen offen. Vielleicht findet Arthur immer mehr zur Wahrheit. Vielleicht verfällt er aber auch nur immer mehr einem Wahn. 

 

Regelwerk

 

Das soziale Auffangnetz der Stadt wird immer löchriger. Menschen mit psychischen Störungen finden kaum noch Betreuung – insofern ist der Weg in die Kriminalität bzw. den offenen Wahnsinn politisch vorprogrammiert. Gleichwohl versucht Arthur lange Zeit noch, dem Regelwerk zu entsprechen. Auch hier liegt der Kulminationspunkt in Murrays Show: Im Fernsehen ist Arthur förmlich umzingelt von Regeln und Verboten. Er übertritt sie dann vor laufender Kamera alle, bis hin zum finalen Mord. Und irgendwie stimmen wir ihm innerlich zu. 

 

Offenbar sind also Gesellschaften wie die von Gotham – und auch die unsere? – unfähig, sich ein gerechtes Regelwerk zu geben. Man muss verrückt werden oder kriminell oder beides, um sich hier noch zurechtzufinden. Oder es kommt zur Revolution, wie sie der Film zwar andeutet, aber nicht auserzählt. An diesem Punkt bleibt der Film dann auch vage. Denn wieweit die Rebellion des Joker eine private oder nicht doch auch eine gesellschaftliche ist, vermittelt sich nicht eindeutig. 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel 

 

Der Film hat es nicht eilig. Ein erster Wendepunkt ist erst zu erkennen, als Arthur in einer verlassenen U-Bahn vier potenzielle Vergewaltiger zur Strecke bringt – und bis zu diesem Moment ist viel Zeit vergangen. Erst jetzt ist die Grenze zur Kriminalität überschritten. Doch auch danach bleibt die Aggressivität des Films lange Zeit eher unterschwellig. Die Demontage innerer Gewissheiten nimmt viel Zeit in Anspruch, in der das Konfliktpotenzial eher innerlich als äußerlich steigt. 

 

Der Übergang zum finalen letzten Akt wird mit dem Tod der Mutter markiert. Nun entlädt sich eine Orgie der Gewalt, die mit dem Mord an Murray ihren eigentlichen Höhepunkt findet – und die Erzählabsicht endgültig zementiert: Wenn die Welt aus den Fugen gerät, bleibt nur noch irres Lachen.  

 

Gesamtbild

 

Die Konfrontation mit der Verleugnung ist der westlichen Gesellschaft sehr vertraut. Während politisch und/oder ökologisch das nackte Grauen naht, ist die Öffentlichkeit mehrheitlich damit beschäftigt, sich zu beschwichtigen und zu betäuben. Die brutalen und wahnhaften Antworten des „Joker“ werden im Film zwar explizit als ‚unpolitisch’ bezeichnet, aber es ist offensichtlich, dass das nicht stimmt: Arthur nimmt nur eine gewalttätige Stimmung auf, die sich überall in der Gesellschaft Gothams entlädt und letztlich entladen muss. 

 

Insofern ist der Film der perfekte Spiegel einer kollektiven Beunruhigung westlicher Werte. Die ‚Lösung’ – nämlich die Gewalt – wird, wenngleich eigentlich unakzeptabel, doch auch bei uns politische Realität. Auf der Weltbühne tummeln sich immer mehr Clowns, hinter deren Maske Narzissmus und nackter Wahn lauern. Kein Zufall also, dass „Joker“ DER Film zur aktuellen Stimmungslage ist. 

 

Gleichwohl  darf – neben fantastischen Darstellerleistungen – nicht vergessen werden, dass der Film einen Großteil seiner Wirkung dem ‚human factor’ verdankt. Erst die Schilderung sozialer Ausgrenzung und Nicht-Zugehörigkeit ruft im Publikum jene Empathie hervor, die als Voraussetzung  nötig ist, um die Reise der Hauptfigur in den Wahnsinn empathisch nachzuvollziehen. 

 

München, 16.10.2019

 

Roland Zag

Quelle: Sony Filmverleih