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Filmbesprechung

JUGEND OHNE GOTT

 

Buch: Matthias Pacht und Alex Buresch nach dem Roman von Ödön v. Horvàth;

Regie: Alain Gsponer

 

Die Erzählabsicht des Films ist sehr bald klar. In einer zukünftigen Welt kämpfen gutgenährte Eliten um den Zugang zu den finanziellen Fleischtöpfen, während eine riesige Mehrheit von sozial Unterprivilegierten ein erbärmliches Dasein fristet. Damit schreibt der Film eine Tendenz, die schon in der heutigen Welt bedrohlich wirkt, konsequent fort. Dem vornehmend jugendlichen Zielpublikum wird dies sicher einleuchten.

Mutig und aufregend wirkt die Entscheidung, „Jugend ohne Gott“ multiperspektivisch zu erzählen. Der zentrale Kriminalfall – ein Mord an einem jungen Mädchen – setzt sich aus sehr unterschiedlichen Perspektiven erst allmählich im Kopf des Zuschauers zusammen.  Den offensichtlich ‚ungerechten’ Zuständen dieser dystopischen Welt entsprechend wird das Verbrechen zunächst den unterprivilegierten Figuren in die Schuhe geschoben. Die Aufklärung des Kriminalfalls und der Wertekonflikt dienen so letztlich als Bühne für den Wertekonflikt zwischen Anpassung und Widerstand.

 

Die Frage ist nun, wie sich die Hauptfiguren dazu verhalten: werden sie der Verlockung des Systems folgen und sich gleichschalten lassen – oder kommt es zu Widerstand, Aufbegehren und Rebellion? Je mehr wir um die Haltungen der Figuren bangen und fiebern, und je schwerer diesen fällt, die eigene Haltung durchzusetzen, desto größer die Wahrscheinlichkeit der inneren Anteilnahme des Publikums.

 

Hier haben wir es hier mit einigen sehr ungleichen gewichteten Protagonisten zu tun. Zunächst steht ganz klar ZACH (Jannis Niewöhner) im Vordergrund. Seine Haltung aber weist von Anfang bis Ende keinerlei Veränderung auf: Zach ist ein Unangepasster, ein Widerständiger, ein Rebell.  Insofern trägt er zu einem aufregenden Für und Wider, einem Auf und Ab der Wertediskussion wenig bei. Entsprechend verschwindet er später lange Zeit aus dem Fokus, während sich andere Figuren als interessanter herausstellen.

 

Sehr spät erst tritt eine  antithetische Figur in den Vordergrund: TITUS (Jannik Schümann), der eiskalte, berechnende Winner, der sich – wenig überraschend! – auch als der wahre Mörder herausstellt. Wo Zach eindeutig  immer nur ‚gut’ funktioniert, verkörpert Titus alles Böse. Wirkliche Entwicklungen macht auch er nicht durch. Dennoch ist Titus’ Rolle als gefühlskaltes Opfer einer materialistischen Welt schon viel aufregender, und seine Verstrickung mit dem Lehrer intimer als die von Zach.

 

Bleibt noch der LEHRER (Fahri Yardim). Seine Rolle ist die flexibelste und entwicklungsfähigste. Er durchlebt tatsächlich ein Drama, innerhalb dessen er seine zunächst opportunistische Rolle in Frage stellt und irgendwann zum Schluss kommt, sein Leben zu ändern. Es ist kein Zufall, dass Ödön v. Horvàth genau diese Figur in den Mittelpunkt gestellt hat – denn durch seine Augen erleben wir den Wertekonflikt erst wirklich am eigenen Leib. Wer will schon auf die Privilegien der Elite verzichten  und freiwillig in die ‚Unterwelt’ der sozial Unterversorgten gehen?! Im Falle einer Versetzung - das wird uns eindrucksvoll vor Augen gestellt - wäre der Sturz des Lehrers bodenlos. Hier liegt also ein konkretes dramaturgisches Dilemma. Dieses wäre daher eigentlich das emotional ergiebigste – tritt aber nur vorübergehend in den Fokus.

 

Zu diesen relativ vielen, in ihrer Haltung aber überwiegend eindimensionalen – Figuren treten noch einige weitere hinzu, über die wir erst recht nicht viel erfahren: NADESH (Alicia v. Rittberg) wird erst prominent geführt, dann aber verschwindet sie komplett; EWA (Emilia Schüle) kann uns kaum erklären, warum sie sich überhaupt mit einem jungen Privilegierten wie Zach einlässt; WLADIM (Damian Thüne) ist eine Figur, auf die man gut verzichten könnte, und die Psychologin LOREEN (Anna Maria Mühe) ist ebenfalls nur die Repräsentantin einer eindeutig ‚bösen’ Absicht.

 

So hat „Jugend ohne Gott“ trotz einer rational interessanten Erzählperspektive keinen gleichstarken Wertekonflikt zu bieten. Die Haltungen der Figuren sind mit Ausnahme des Lehrers (zu) leicht berechenbar. Gerade im direkten Vergleich mit dem offensichtlichen Vorbild „Die Tribute von Panem“ wird deutlich, wie wenig sich Figuren wie Zach oder Titus in ihrem Weltbild herausgefordert sehen. Dass der Lehrer als ambivalenteste Figur so lange praktisch unsichtbar geblieben ist, stellt sich am Ende als Problem heraus.

 

So ist „Jugend ohne Gott“ ein Film, der zwar rational interessante Fragen aufwirft – sie emotional aber viel zu früh und durchschaubar beantwortet. Die simple Gut-Böse-Schematik aber ist dem jungen Kino längst wesensfremd geworden. Die Konflikte der aufregenden aktuellen Blockbuster, die gerade jüngere Zuschauer faszinieren – wie sie sich eben z.B. in „Tribute von Panem“, aber auch zahllosen TV-Serien zeigen  – haben allesamt mit der moralischen und ethischen Uneindeutigkeit unserer Welt zu tun. Die ‚richtige’ Haltung muss immer erst erkämpft und gefunden werden. Sobald die Autoren des Films sie zu eindeutig vorgeben, lässt das Interesse hingegen stark nach.

Das Projekt wäre also einerseits grundsätzlich gut in Frage gekommen, um im deutschen Kino den Mittelbau zwischen absoluten Ausreißern nach oben und den zahllosen Flops zu stärken. Aber unter den gegebenen Umständen hat "Jugend ohne Gott" vermutlich doch nicht die emotionale Kraft, um das Zielpublikum ausreichend zu mobilisieren.

 

München, 13.9.2017

 

Roland Zag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Julieta

Quelle: Constantin Film