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Filmbesprechung

JULIETA

 

Buch: Pedro Almodovar, nach drei Erzählungen von Alice Munro; Regie: Pedro Almodovar

 

 

Erstmals seit langem arbeitet Pedro Almodovar nach einem Drehbuch, dem literarische Vorlagen zugrunde liegen. In diesem Fall handelt es sich um ein aus drei Erzählungen von Alice Munro kompiliertes Drehbuch. Es ist sehr interessant, dramaturgisch zu verfolgen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

 

Denn „Julieta“ ist ein Film, dessen Aufbau sich noch stärker als üblich den klassischen Regeln entzieht. Zwar wird nach kurzer Zeit klar, wo das Problem liegt: JULIETA (Emma Suarez) wurde aus unbekannten Gründen von ihrer Tochter ANTIA verlassen. Auf diesen recht direkt angesteuerte dramaturgischen Auslöser folgt eine extrem lange, konfliktarme Exposition: wir erfahren über weite Strecken die Vorgeschichte von Antias Zeugung und Jugend. Der Weg dorthin ist mit vielen Nebengeschichten und Nebenfiguren gespickt (etwa den Eltern von Julieta), die rein dramaturgisch nicht unbedingt nötig wären – allerdings das emotional wichtige Thema der Mutterbindung spiegeln.

 

Der eigentliche ‚Plot Point‘ aber, der Wendepunkt, der uns erst die Problematik erschließt, taucht ungewöhnlich spät auf: Denn die Umstände, die zum Tod von Julietas Ehemann XOAN (Daniel Grao) führen, sind von schweren Schuldgefühlen überschattet. Erst ab diesem Moment, der etwa in der Mitte des Films liegt, hat der Film seinen Grundkonflikt gefunden.

 

Durch den sehr spät gesetzten Wendepunkt ergibt sich im folgenden eine dicht gedrängte Folge von weiteren dramatischen Impulsen, die  wenig Möglichkeit eröffnen, ihre emotionale Kraft zu entfalten. Die meisten wirklich dramatischen Ereignisse ereignen sich im OFF:  der Selbstmord einer Zufallsbekanntschaft  im Zug; der Tod von Xoan; der Rückzug von Antia; der Tod von Julietas Enkelin. Die Raffung der Ereignisse rückt alles in eine bestimmte Distanz, was durch die Rahmenhandlung und deren literarische Technik erst recht noch gesteigert wird.

 

Dieses Verfahren darf man ruhig ‚literarisch‘ nennen: die eigentlichen Ereignisse sind weniger wichtig als die Reaktion darauf. Allerdings hat der Film – anders als die literarische Vorlage – nur begrenzt  die Zeit, sich auf die Verarbeitung einzulassen. Hier liegt ein dramaturgischer Widerspruch. Die Betonung des Reflexiven, des Nachdenklichen reibt sich mit der Fülle der Ereignisse, die wir Zuschauer erst mal in uns aufnehmen müssen, ehe wir sie verarbeiten können.

 

„Julieta“ schildert also eine ganze Kette von schicksalshaften Ereignissen, die weitgehend in der Ferne bleiben. Der Zuschauer muss sich viel dazu denken. Vor allem die rätselhafte Weigerung der Tochter, mit der Mutter in Kontakt zu kommen, bleibt unerklärt. Auch wenn Julieta wörtlich sagt: „Ich wusste nicht, wie wenig ich von meiner Tochter weiß“, bleibt hier eine Leerstelle, die der Film nicht füllt.

 

Auch diese Tendenz zum Vagen und Nebulösen steht im Widerspruch zum gewohnt knallig bunten, extrem formalisierten filmischen Stil des Regisseurs. Die Geschichte selbst wirkt eher fern; der wichtigste Konflikt, nämlich der zwischen Mutter und Tochter, bleibt völlig unerklärt und offen. Die filmische Umsetzung hingegen forciert eine im Gegenteil sehr gegenwärtige, unmittelbare Kraft der Bilder. 

 

Diese innere Zwiespältigkeit  prägt „Julieta“ durch und durch. „Julieta“ wirkt einerseits emotional hoch aufgeladen, weil die Bindung zwischen Mutter und Tochter enorm stark spürbar wird. Andererseits entzieht sich der eigentliche Kern des Konflikts dem Zuschauer ebenso wie der rätselhafte Bruch der Tochter mit ihrer Mutter.

 

Darin könnte man eine künstlerische Reifung des Autoren sehen. „Julieta“ ist kein ganz leicht konsumierbarer Film, er bietet vielmehr ein komplexes Bild von Spiegelungen, Andeutungen und Referenzen. Für den konkreten Markterfolg aber dürfte sich umgekehrt der Effekt ergeben, dass die packende Unmittelbarkeit von „Volver“ oder „Alles über meine Mutter“ sich kaum wiederholen dürfte. Die Zeiten, in denen Filme von Almodovar Zuschauerzahlen von annähernd einer Million erreichten, dürften endgültig vorbei sein. Daran wird auch und gerade „Julieta“ nichts ändern können.

 

München, 10.August 2016

Roland Zag

 

 

 

 

 

 


 

Julieta

Quelle: Tobis