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Filmbesprechung

KÖRPER UND SEELE

(Teströl és Lélekröl)

 

Buch und Regie: Ildiko Enyedi

 

Filmisches Erzählen gleicht oft dem Kartenspiel: am Ende sind es die Asse in der Hinterhand, mit denen man wirklich punkten kann.  Viele Filme erweisen ihre Kraft erst auf den letzten Metern, im dritten Akt, wo sie mit Überraschungen operieren, die sich zuvor kaum angedeutet hatten, nun aber zwingend als Puzzlestein des Ganzen offenbaren…

 

„Körper und Seele“ ist ein ungarischer Film mit wenig bekannten und wenig attraktiven, mitunter extrem zurückhaltenden Darstellern. Lange Zeit sehen wir das abstoßende Treiben in einem Schlachthaus, hart und schonungslos gefilmt. Wie soll man sich angesichts dieser oft wenig attraktiven Elemente erklären, dass ausgerechnet dieses sperrige Werk nicht nur den Goldenen Bären der Berlinale 2017 gewann, sondern nun auch einen kleinen Siegeszug durch die Kinos Europas antritt?!

 

Ein Schlüssel liegt sicherlich im Motiv der ‚Geteilten Träume‘. ENDRE (Géza Morcsányi) und MÀRIA (Alexandra Borbély) erkennen in einer psychologischen Untersuchung, dass sie Nachts von denselben Bildern heimgesucht werden. Dies kann als visuell kaum zu übertreffende Form von Austauschebene gedeutet werden: wir Zuschauer wissen nicht nur vom inneren seelischen Gleichklang der Protagonisten - wir SEHEN ihn auch. In diesem Bild liegt sicherlich ein Schlüssel für das Gelingen.

 

Doch die Entdeckung dieser Ebene bildet nur den ersten Wendepunkt des Films. Wo man erwartet hätte, dass nun die Liebe Einzug herrscht, stellt sich zunächst nur Entfremdung ein: die Annäherungen misslingen, Missverständnisse häufen sich. Menschen misstrauen einander, sie bestechen, verdächtigen, betrügen sich… Von dem scheinbar träumerischen Gleichklang zweier Seelen ist bald nach dem Plot Point nicht mehr viel zu sehen.

 

Vielmehr erweist sich „Körper und Seele“ – trotz einiger eher äußerlich-krimihafter Elemente - als eine Meditation über die körperliche Liebe. Diese wird aus drei Blickwinkeln heraus betrachtet:

 

Zum einen geht es um blanke sexuelle Potenz. Ein neuer Mitarbeiter der Schlachthofs erweist sich als Casanova, ein Mittel zur Potenzsteigerung wurde geklaut, Frauen fühlen sich sexuell belästigt. Und ab und zu geistert Pornografisches durch den Film…

 

Zum anderen geht es um Entsagung. Der teilweise gelähmte Endre ist ein Mann, der schon abgeschlossen haben will mit der körperlichen Liebe. Frauen sind für ihn – angeblich – kein Thema mehr. Die Zeiten des Sexuellen liegen vermeintlich hinter ihm, und wenn er diesem Vorsatz doch kurz untreu wird, behandelt er seine Partnerin, als bereue er den 'Rückfall' zutiefst.

 

Am merkwürdigsten benimmt sich Mària. In ihrer autistischen Neigung scheint sie körperliche Nähe noch gar nicht kennen gelernt zu haben. Obwohl sie tapfer versucht, sich mittels Körpersprache, Flirt-Trainings, Psychotherapie, Pornografie oder Musik für das andere Geschlecht zu öffnen, scheint ihre Angst vor Begegnungen übermächtig. Die glasklare Rationalität ihres Wesens lässt vorläufig Nähe überhaupt nicht zu.

 

Diese drei Spielarten der Sexualität – pure Potenzsteigerung, Überdruss, Angst – werden im Drehbuch kunstvoll zu einer Serie von unausgesprochenen Kränkungen und Verfehlungen verflochten. Trotz der immer wieder friedlich äsenden Hirsche läuft alles auf ein desaströses Ende zu. Die Zuschauer haben irgendwann die Hoffnung auf eine positive Lösung bereits aufgegeben, und das Blut, das über die Leinwand fließt, scheint den bösesten Ahnungen recht zu geben… Es ist dies der Augenblick, in dem die Autorin ihre dramaturgischen Asse aus dem Ärmel zieht.

 

Denn nun tritt die Wendung ein, die wir, inzwischen mit den spröden Darstellern längst intim vertraut, insgeheim zwar sehnlichst erwartet, aber längst nicht mehr als erfüllbar betrachtet hatten. Das Wort, das bis dahin nie gesagt wurde, auch wenn es permanent im Raum gestanden hatte – das Wort ‚Liebe‘ – wird zum spektakulären zweiten Wendepunkt (auch wenn die letzten Bilder  dem zuvor so rätselhaften Geschehen eine etwas platte Wendung geben).

 

„Körper und Seele“ macht sich die Wirkungsweise des ‚human factor‘ geschickt zunutze. Egal wie wir die schwer zugänglichen Charaktere beurteilen mögen – wir können nicht anders, als mit ihnen eine enge Verbindung aufzubauen. Gerade die absonderliche Mária mit ihren Spleens zwingt uns förmlich in ihren Bann. Über die Akkuratesse, mit der sie versucht, die Spielregeln des Sozialkontakts zu erlernen, gelangen wir zwangsläufig in den Kosmos ihrer Empfindungen, ihrer Innenwelt. Was gerade noch kühl und kalkuliert wirken mochte, erweist sich auf einmal als heiße seelische Kraft.

 

Insofern ist „Körper und Seele“ ein passender Titel. Körper, insbesondere von Tieren, spielen in diesem Film eine große Rolle. Doch das, worum es (den Zuschauern) eigentlich geht, ist tief im Innern, der Seele der Menschen verborgen. Selten ist ein Film so kunstvoll darin, zu zeigen, wie sich Menschen missverstehen können; noch seltener darin, in letzter Sekunde doch noch dem Gelingen Raum zu geben.

 

München, 22.9. 2017

 Roland Zag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Julieta

Quelle: Alamode Film