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Filmbesprechung

LA LA LAND

 

Buch und Regie: Damien Chazelle

 

Der durchschlagende Erfolg dieses Films verdankt sich vielem: der Kamera, der Choreografie, dem Schnitt und vor allem natürlich dem Spiel überragender Darsteller. Dennoch legt das Drehbuch die Basis. Es konzentriert sich schnörkellos und ohne alle Subplots auf das Innenleben der beiden Hauptfiguren. Daher verdankt der Film in einem tieferen Sinne seine Wirkung der ungewöhnlich tiefen und klaren Durchdringung von drei Grundbegriffen des ‚human factor’: der Austauschebene, dem Wertekonflikt und dem Spiel mit dem Publikumswunsch.

 

Was die AUSTAUSCHEBENE angeht, so geht es um die Frage, wie das Drehbuch dem Publikum vermittelt, auf welcher Ebene sich die Liebenden verstehen. Im Fall einer Kellnerin und eines Barpianisten darf man davon ausgehen, dass sie täglich Dutzenden von attraktiven Menschen begegnen, ohne dass viel passiert. Erst wenn wir Zuschauer erkennen, dass zwei Menschen auf einer inneren Ebene ähnlich ticken, weil ihr Wertesystem kompatibel ist, wird eine Liebesgeschichte daraus, die sich dem Publikum auch vermittelt. Erst wenn wir spüren, was beide einander zu geben haben, steigen wir ein.

 

Im Fall von MIA (Emma Stone) und SEBASTIAN (Ryan Gosling) wird überdeutlich, wie ähnlich beide ticken. Auch wenn Mia für Jazz zunächst nicht viel übrig hat, erkennt sie doch in Sebastian dieselbe glühende Leidenschaft, die auch sie in sich trägt. Und vice versa. Beide sind sie von Ambitionen getrieben. Aber nicht nur aus narzisstischen Gründen. Sie wollen nicht glänzen. Es geht um einen Traum. Sebastian will die Jazzmusik vor dem Aussterben retten; Mia glaubt noch an so etwas Altmodisches wie das Theater. Das zeichnet sie beide aus: das Verlangen nach Selbstausdruck und künstlerischer Überhöhung von Werten, die am Verschwinden sind. Dem Zuschauer, der selbst vielleicht für völlig andere Ideen steht, vermittelt sich die Intensität, mit der hier Menschen für etwas kämpfen, woran sie glauben.

 

Der WERTEKONFLIKT allerdings, der die Liebe auf eine ernste Probe stellt, ja sie am Ende sogar verunmöglicht, liegt auf einer anderen Ebene. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie mit den jeweiligen Träumen umzugehen ist. Beide, Mia und Sebastian, kreisen um den Antagonismus ‚Anpassung’ oder ‚Treue zu sich selbst’. Beide kämpfen mit der Versuchung, den inneren Traum aufzugeben und das zu tun, was alle ihnen raten: ‚erwachsen’ zu werden. Sebastian macht den Anfang. Er lässt sich auf ein Engagement bei Musikern ein, an die er nicht wirklich glaubt. Immerhin bringt ihm das Geld und jahrlange Ablenkung vom Schmerz des Scheiterns. Doch Mia fühlt sich verraten.

 

Nach dem Scheitern ihres eigenen Theaterprojektes hingegen gerät auch sie in dieselbe Krise. Sie wirft alles hin. Jetzt ist es Sebastian, der ihr – Trennung hin oder her – aus dieser Depression wieder heraushilft. Der Wertekonflikt bezieht sich also nicht auf den Traum, den beide träumen. Darin ticken sie ganz ähnlich. Sondern auf die Frage, wie lange man gegen alle Widerstände durchhält. Die beiden Liebenden machen dieselbe Erfahrung – nur zeitversetzt.

 

Und daraus entsteht nun das große Dilemma: dem Umgang des Films mit dem PUBLIKUMSWUNSCH. Was ist nun wichtiger – die große Liebe oder die Treue zum eigenen Traum? Die konventionelle Dramaturgie hätte nun hier stets dem sogenannten Happy End den Vorzug gegeben; das Paar hätte vielleicht unter bescheidenen Umständen eingesehen, dass es im Leben darum geht, Federn zu lassen, wäre aber gemeinsam ‚glücklich’ geworden.  Nicht so in „La La Land“. Dort ist es nicht die Liebe, die triumphiert – jedenfalls nicht in der gelebten Zweierbeziehung – sondern der jeweilige Traum. Mia und Sebastian kommen an Ende physisch nicht zusammen. Ihrem Vorsatz „Ich werde dich immer lieben“ sind sie treu geblieben – auch wenn sie am Ende ganz unterschiedlich leben. Das, was sie einander gemeinsam verdanken, bleibt. Das Einverständnis der beiden ist der eigentliche Liebesbeweis. Beide haben ihren Traum gelebt. Diese Unverbrüchlichkeit ist die Botschaft.

 

So verweist der anspielungsreiche Film, der zuvor bereits auf viele andere Klassiker Bezug genommen hatte, vor allem auf „Casablanca“. Auch bei Ingrid Berman und Humphrey Bogart hatte ja nicht die Liebe gesiegt, sondern das höherwertige, das idelle Ziel. „La La Land“ schlägt einen ähnlichen Weg ein. Und der überwältigende Erfolg des Films bestätigt, dass es dem Publikumserleben am Ende weniger um die personalisierte Liebe geht. Viel wichtiger sind WERTE. Um das zu erreichen, braucht „La La Land“, wie schon so viele erfolgreiche Filme der Gegenwart, keine Gegenspieler mehr, keine Bösewichter. Die Spannung liegt IN den Figuren.

 

In der Klarheit und Ausschließlichkeit, mit welcher sich der Film um diese Thematik bemüht, hat er das Zeug zum Klassikers – gleichgültig, wie viele Oscars er am Ende erhalten wird.

 

München, 26.1. 2017

 

Roland Zag

 

 

 

 

 

 

 

Julieta

Quelle: Sony Pictures