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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf fünf Grundfragen, wie sie in „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag Freiburg) behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films.  

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten! 

 

 

LARA

B: Blaz Kutin R: Jan Ole Gerster

 

Erzählabsicht

 

Übersteigerter Ehrgeiz führt nicht etwa zu großer Kunst, sondern zu ihrer Zerstörung. LARA (Corinna Harfouch) ist vom Gram über das Scheitern ihrer eigenen Karriere als Pianistin so zerfressen, dass ihr nichts anderes bleibt, als anderen Menschen – vor allem ihrem Sohn VIKTOR (Tom Schilling) – die Freude an der Musik zu verderben. Dies führt in immer größere Isolation, bis sie im letzten Bild sich ihrer einstigen Begabung erinnert und wieder beginnt, Klavier zu spielen. Ob ihr das wirklich helfen wird, aus Einsamkeit und Bitterkeit herauszufinden, bleibt offen. 

 

Während also Kunst von Lebensfreude und Spontaneität lebt, verkehrt sie sich bei Lara in ihr Gegenteil. 

 

Zugehörigkeiten

 

Der emotionale Clou des Films liegt darin, dass Lara zwar zutiefst einsam ist, im Verlauf der Handlung aber immer mehr von Menschen umgeben wird. Je besser sie eingebunden wirkt, desto abgrundtiefer vermittelt sich ihre Isolation. Denn die Menschen, auf die es ankommt – die MUTTER (Gudrun Ritter), Ex-Mann PAUL (Rainer Bock), ihr Sohn – wenden sich von ihr ab. Besonders schmerzhaft kulminiert dieser Mangel an Zugehörigkeit auf der Premierenfeier, auf der sie sich von der eigenen Familie ausgesperrt sieht. Der kalte und verächtliche Umgang ihrer eigenen Mutter mit ihr erklärt allerdings ein Stück weit den Ursprung für Laras eigene Beziehungsunfähigkeit.  

 

Wertekonflikt(e)

 

Lara ist umringt von Menschen mit Beschäftigung: Dem benachbarten Taxifahrer CZERNY (André Jung), dem beruflich eingespannten Sohn, den Musikern, und dem für sie so wichtigen PROFESSOR (Volkmar Kleinert). Nur sie selbst hat nichts zu tun – und kann daher nur zerstören, etwa den Geigenbogen von Viktors FREUNDIN (Mala Emde). 

 

Es gibt also Menschen, die sich der Kunst hingeben, indem sie sie ausüben, und denen, die sich allein aufs Beurteilen und Zersetzen verlegen. Indem sich Lara aus übersteigertem Anspruch an sich selbst von der Musik zurückgezogen hat, zerstört sie sich und ihre Umwelt. Insofern darf man sich vom finalen Klavierspiel erhoffen, dass sie zurückfindet in ein Leben, das auch ein Scheitern an höchsten Ansprüchen zulässt. 

 

Allerdings kommt es in der Binnenstruktur des Films zu einer merkwürdigen Konflikthaltung, in der sich die Handlungen der Figuren häufig selbst widersprechen: Mal kritisiert Lara den Sohn, dann wieder lädt sie Wildfremde in dessen Konzert ein. Mal wendet sich Viktor von ihr ab, dann wieder preist er sie öffentlich. Mal kauft sie ein Kleid, dann wirft sie es in den Müll. Einmal wird Viktors Auftritt abgesagt – dann findet er doch statt. Es ist dieser kleinteilige und sich selbst widersprechende Erzählrhythmus, dem der Film seine Langsamkeit, auch seine quälende Wirkung verdankt. In dieser Selbstzurücknahme ist "Lara" allerdings wiederum konsequent. 

 

Regelwerk

 

Die Dramaturgie wird von den Vorbereitungen zu Viktors Konzert definiert. Dadurch wird Laras Tag strukturiert. Indem das Regelwerk des Konzerts vorübergehend über den Haufen geworfen zu werden droht, ergibt sich eine große Spannung: Wird Viktor die destruktive Kritik seiner Mutter wegstecken oder nicht? Fällt alles ins Wasser, oder erringt der Sohn doch noch seinen Triumph?

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Der Film schildert einen einzigen Tag, der mit einem fürchterlichen Entschluss beginnt, einen Höhepunkt anstrebt und am Ende wieder versackt. Das Ereignis, auf das alles hinläuft, ist das Konzert mit Viktors eigener Komposition. Von diesem Höhepunkt aus – den Lara aus Neid gar nicht mit ansehen kann, denn sie verlässt erregt den Saal – vollzieht sich eine konsequente Abwärtsspirale. Am Ende von Laras Demontage ist sie gezwungen, sich ausgerechnet an den Mann zu wenden, der es zwar gut mit ihr meint, den sie aber verachtet. Es ist ihr Nachbar (oder zumindest dessen Klavier), wo sie die finale Rettung sucht. Die Parabel von Aufstieg und Abstieg vollzieht sich schnörkellos.

 

Gesamtbild

 

„Lara“ schildert das schmerzhafte Drama übergroßer Ansprüche an sich selbst. Der handlungsarme Film beschränkt sich auf eine Bewegung, an deren Ende nur die komplette Isolation stehen kann. Auch wenn vielleicht nicht alle Kinozuschauer der klassischen Hochkultur zugehören mögen, so ist doch das Thema universell: Die Auseinandersetzung mit Messlatten, die höher hängen, als man sie zu bewältigen vermag, kennt jeder. 

 

Daher hat „Lara“ einerseits gute Chancen auf Resonanz. Andererseits ist die Auseinandersetzung mit dem Thema eher peinigend. Insofern sind die Aussichten am Markt nicht so, dass man von der Fortsetzung des Überraschungshits „Oh Boy“ ausgehen sollte. Zu einem guten Ergebnis führt die konsequente Umsetzung des Themas aber vermutlich allemal.  

 

München, 27.11.2019

 

Roland Zag

Quelle: Alamode Filmverleih