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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf fünf erzählerische Grundfragen, die jeder Geschichte zugrunde liegen und im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag 2018) ausführlich erläutert werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten.

 

 

Lindenberg! Mach dein Ding

 

B: Christian Lyra, Sebastian Wehlings, Alexander A. Rümeling

R: Hermine Huntgeburth

 

Erzählabsicht

 

Man kann im Leben alles erreichen – vorausgesetzt, man verfügt über die bedingungslose Loyalität der Eltern (hier: der Mutter) und den Mut, sich nach Niederlagen völlig neu zu erfinden.

 

Obwohl er sich vorgenommen hat, ‚groß rauszukommen’, findet UDO (Jan Bülow) lange Zeit keinen richtigen Zugang zum Musikgeschäft. Über die Rolle des Trommlers im Hintergrund kommt er nicht hinaus. Am vollständigen Tiefpunkt begegnet er einem Transvestiten, der ihm den entscheidenden Impuls zum Neubeginn gibt. Danach ist es zwar für immer noch alles andere als leicht, Karriere zu machen ­­­– aber die restlose Entschlossenheit zur Selbstaufgabe (und sehr viel Alkohol) verleihen ihm die Kraft zum Durchstarten. Am Ende hat sich der zu Beginn noch ganz natürlich wirkende Udo in eine künstliche und unnahbare Bühnenfigur verwandelt.

 

Diese Erzählabsicht wird trotz aller Abschweifungen deutlich und vor allem bunt und detailreich transportiert.

 

Zugehörigkeiten

 

Auf die Beschreibung der familiären Zusammenhänge verwendet der Film mit gutem Grund viel Zeit. Der VATER (Charly Hübner) ist eher antagonistisch angelegt, denn trotz oder gerade wegen seiner eigenen unerfüllten kreativen Wünsche verweigert er dem Sohn die Anerkennung. Ganz anders die MUTTER (Julia Jentsch), die Udo gleichsam zum Werkzeug ihrer eigenen Freiheitssehnsucht macht und bedingungslos unterstützt. Freilich fällt auf, dass fast alle Beziehungen im Film eher einseitig sind. Udo ist nicht sehr freigiebig in dem, was er anderen an Aufmerksamkeit oder Wertschätzung zuteilwerden lässt. Hier liegt der Grund für sein oft spröde wirkendes Auftreten: Ein Empathieträger ist er nicht.

 

Noch komplizierter sind die Beziehungen zu den (zu?) vielen Musikern, die auftauchen und meist auch bald wieder verschwinden: Wer mit Udo zusammenarbeiten will, muss restlose Unterwerfung akzeptieren können. Einzig und allein STEFFI (Max von der Groeben) gelingt das – und auch erst nach heftigen und verletzenden Kämpfen. Frauen dagegen scheinen lediglich Projektionsflächen. Für echte Beziehungen ist dieser Udo zu selbstbezogen. Aber immerhin singt er sehr sehnsuchtsvoll von all denen, die an Udos Selbstsucht gescheitert sind.

 

Wertekonflikt(e)

 

Lange Zeit lebt Udo gleichsam ohne Standpunkt und ohne feste Meinung. Den Wunsch, deutsch zu singen, lässt er sich widerstandslos ausreden. Eine klare Konzeption von dem, was er eigentlich will (außer ‚groß rauskommen’), hat er nicht. Politik oder soziales Engagement sind ihm egal.

 

Erst allmählich schält sich – vom Drehbuch zwar nicht unbedingt allzu klar akzentuiert, aber doch spürbar ­–  eine Polarität zwischen ‚Authentisch sein’ und ‚Eine Bühnenfigur werden’ heraus. Die erste Hälfte des Films ist Udo zwar ganz er selbst, aber verletzlich, richtungslos und unentschieden. Nach dem zentralen Wendepunkt geht ein Ruck durch die Figur, ehe sie sich künstlich zum Mythos verwandelt und als Privatmensch nahezu verschwindet. Dieser sehr eigenwillige und der Ikone „Udo Lindenberg“ zutiefst eingeschriebene Antagonismus wird allerdings nicht allzu konsequent verhandelt.

 

Regelwerk

 

Die Geschichte bewegt sich im Milieu des Musikbetriebs mit seinen eigenen Gesetzen. Diese werden vor allem von MATHEISSEN (Detlev Buck) vertreten. Als Schlagzeuger hat sich Udo zunächst den Gepflogenheiten des Marktes zu unterwerfen – was er nur sehr ungern tut. Allzu genau allerdings geht das Drehbuch auf dieses Geschäft nicht ein. Die mühseligen Prozesse der Selbstvermarktung in diesem Business werden nur gestreift. Wirklich ernsthaft wird das Geschäft nicht erzählt – was eine gewisse Einbuße an Spannung nach sich ziehen dürfte.

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

„Lindenberg! Mach dein Ding“ beginnt vor allem im ersten Akt mit massiven Zeitsprüngen. Es liegt jedoch weniger an diesen Brüchen, dass sich kein rechter Fluss einstellen will, sondern am Mangel an klarer Zielrichtung in der Figur. Letztlich könnte man sagen: Erst ab dem Gespräch mit dem Transvestiten, der Udo den Weg weist, entsteht eine echte dramatische Spannung. Doch dieser einzig wirklich markante Wendepunkt liegt sehr spät, nämlich knapp hinter der Mitte des Films.

 

In dieser Zweiteilung liegt möglicherweise eine Schwäche, denn viele Handlungsmotive des ersten Teils – so etwa die Beziehung zur Turmspringerin aus der Badeanstalt oder die Begegnung mit dem Mädchen aus dem Osten – dienen eher der Ausgestaltung von Motiven, die in Lindenbergs Liedern eine Rolle spielen, als der Steigerung der Story selbst. Insofern ist der ersten Hälfte des Films ein gewisses Mäandern eingeschrieben. Spannender und stringenter wird es, wenn es darum geht, im zweiten Teil zu verfolgen, wie ein ganz normaler Mensch allmählich zu seiner eigenen Kunstfigur wird.

 

Gesamtbild

 

„Lindenberg! Mach dein Ding“ holt eine historische Epoche in den Vordergrund, die vor allem ein älteres Publikum interessieren dürfte. Dem Anspruch ‚Sex, Drugs and Rock’n Roll’ der Siebzigerjahre wird der Film sicherlich gerecht. Nostalgiker kommen auf ihre Kosten – visuell und vor allem auch musikalisch.

 

Ob allerdings die Erzählweise wirklich dazu angetan ist, auch ein jüngeres Publikum zu erreichen, ist nicht ganz sicher. Denn die erzählte Geschichte baut sich kaum auf einen universellen Kern auf. Das Thema ‚Ich lösche meine eigene Persönlichkeit und werde zur Kunstfigur’ ist doch sehr speziell.

 

Insofern hat der Film einerseits gute Chancen, von einem älteren Publikum goutiert zu werden. Ein mitreißendes universelles Gefühl für alle Generationen stellt sich andererseits wohl schwerer ein. Insofern kann der Film am deutschen Markt vermutlich nicht ganz zu den Vergleichsfilmen wie „Rocketman“ oder „Bohemian Rhapsody“ aufschließen. Gleichwohl dürften die Qualitäten der Machart sowie die Prominenz der Ikone Lindenberg dafür sorgen, dass der Film zumindest in Deutschland auf genügend Resonanz stößt.

 

München, 22.1.2020

 

Roland Zag

 

 

 

Quelle: DCM Filmverleih