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Filmbesprechung

LOMMBOCK      

 

Buch und Regie: Christian Zübert

 

Man kann nicht anders, als dieses Sequel des Erfolgsfilms „Lammbock“ von 2001 in Vergleich zu „Trainspotting 2“ zu setzen. Die Parallelen sind offensichtlich.  Nicht nur werden in beiden Fällen lang zurückliegende Erfolge fortgesetzt, Fragen nach der Midlife-Crisis und Drogen reflektiert; sondern vor allem ist auch die Grundkonstellation erstaunlich deckungsgleich. In „T 2“ kommt genau wie in „Lommbock“ ein scheinbar bürgerlich arrivierter junger Mann zurück in seine Heimat, um irgendwann zugeben zu müssen, in der Fremde gescheitert zu sein. Nun stellt sich die Frage: wie weiter?!

 

Die dramaturgische Herausforderung besteht nun darum, herauszufinden, wo nun der ‚richtige‘ Ort für den weiteren Lebensweg verläuft: in der Fremde, wo große, aber schwer erreichbare Ziele warten – oder bei den sozialen Wurzeln in Würzburg?

 

„Lommbock“ kann hier zunächst auf die unbedingte Loyalität EINER ganz spezifischen Beziehung zählen. Indem das Verhältnis zwischen KAI (Moritz Bleibtreu) und STEFAN (Lukas Gregorowicz) über den ganzen Film hindurch unantastbar wirkt, hat „Lommbock“ schon einen großen Teil des dramaturgischen Ziels erreicht. Loyalität ist im Falle solcher Filme einer der grundlegendsten Werte - auch wenn sich der Tiefpunkt am Ende des zweiten Akts nur in einer kleinen harmlosen Streiterei zeigt, also eine kathartische Wirkung kaum zu erkennen ist.

 

So  liegt in der Stärke der Freundschaft vielleicht auch eine Schwäche. Denn der direkte Vergleich mit „Trainspotting 2“ zeigt, wieviel weniger Relevanz die Konflikte hier aufweisen. Letztlich kommen die Fragen, welche Art von Leben in der jeweiligen Situation das adäquatere ist, kaum zur Sprache. Die Konfliktschärfe wird auch insofern aus dem Spiel genommen, als sich Kais Ehefrau SABINE (Mavie Hörbiger) bald aus dem Spiel verabschiedet, und Kai die Drogenprobleme seines Sohnes JONATHAN erst spät ernst nimmt. Auch die durchaus mögliche Wendung, dass die Verlobte YASEMIN (Melanie Winiger) in Würzburg auftauchen könnte, wurde nicht in Betracht gezogen. Sie hätte die Konfliktdichte erheblich verschärft.

 

Genau genommen hätte sich  in der Auseinandersetzung mit den Frauen, aber auch mit Sohn Jonathan eine gute Gelegenheit gefunden, das eigene Lebenskonzept in Frage zu stellen, wie das in „Trainspotting 2“ auch geschieht. Aber wirklich ernst wird die Frage, wo Stefan leben will, und wie Kai sich eine Zukunft vorstellt, nie gestellt. Weder spürt man seine Beziehung zu Yasemin in Dubai, noch zeigt sich Würzburg von einer sehr sympathischen Seite. Und die Begegnung mit der Ex-Freundin JENNY (Alexandra Neldel), die hier relevante Fragen zur Sprache hätte bringen können, wird nie wirklich emotional. Vielmehr stehen hier eher zweifelhafte sexuelle Scherze im Vordergrund.

 

Auch die äußere Zielrichtung des Plots (Kai und Stefan versuchen, die Dealer, die Jonathan unter Druck setzen, außer Kraft zu setzen) führt uns nicht näher an Stefans Dilemma ‚Bleiben oder gehen‘ heran. Die Beziehung zu Stefans Vater (Elmar Wepper) bleibt in einer offenen Frage hängen. Und wenn sich Stefan ganz am Ende – allerdings emotional stimmig begründet – von Yasemin trennt, bleiben doch erhebliche Zweifel, ob Stefans Entscheidung, nicht nach Dubai zu gehen, sich wirklich richtig anfühlt.

 

Gleichwohl ist es immer wieder die Freundschaft – und natürlich das Austauschmedium, nämlich die Drogen – die dafür sorgt, dass der Film nicht abstürzt. Die Warmherzigkeit der Beziehung der Freunde rettet gleichsam alles. Und vielleicht liegt es in der Natur eines Films über Cannabis, dass man die Probleme des Lebens lieber in einem sanften Nebel der Gleichgültigkeit verschwinden lässt, anstatt sie ernsthaft zu stellen.

 

Dennoch wird man im direkten Vergleich in „Trainspotting 2“ den schärferen, konfliktreicheren, dafür am Ende auch wirkungsvolleren Film sehen müssen.

 

Insofern kann „Lommbock“ am deutschen Markt – wofür der Film augenscheinlich produziert wurde – gewiss punkten; die Loyalität, aber auch der Wortwitz sprechen dafür. Aber im Vergleich mit dem großen internationalen Erfolg des Konkurrenzprodukts bleibt die Story doch zu harmlos und zu desinteressiert an den wirklich existenziellen Fragen. Insofern ist eine Wirksamkeit über den deutschsprachigen Raum hinaus eher nicht zu erwarten.

 

München, 28.3.2017

 

 

Roland Zag

 

 

 

 

Julieta

Quelle: Wild Bunch