aktuelle

Filmbesprechung

MANCHESTER BY THE SEA

 

Buch und Regie: Kenneth Lonergan

 

Die landläufige Formel für jede Geschichte lautet: Eine Figur will etwas, und jemand hindert sie daran. Viele Filme funktionieren so. Aber dieses dramaturgische Dogma ist längst überholt – wie „Manchester by the Sea“ zeigt. Hier ist offensichtlich, dass LEE (Casey Affleck) zunächst NICHTS will. Er weigert sich, zu kommunizieren, sich auf Leute einzulassen, Rücksicht zu nehmen. Sein letztes Lebenszeichen sind unmotivierte Schlägereien. Die Figur schottet sich ab.

 

Dies lenkt nun die Aktivität von der Figur auf den Zuschauer. Es sind wir, die wissen wollen: Warum?! Was ist passiert?! Es ist der Zuschauer, der hier in die Aktivität getrieben wird. Er muss sich empathisch einfühlen, um zu verstehen. Die einzig wirklich relevante treibende Kraft, das eigentliche Ziel liegt nicht bei den Figuren, die allesamt nicht sonderlich fokussiert, sondern eher desorientiert sind. Das ‚Want’ liegt im Publikum. Darin liegt die Spannung, die über dem Ganzen liegt.

 

Das auslösende Ereignis, der Tod des Bruders JOE (Kyle Chandler), bringt uns dem Kern der Geschichte zwar näher – aber noch immer müssen wir lange warten, ehe eine Parallelmontage von Rückblenden Aufschluss gibt. Die Enthüllung von Lees Trauma – er trägt durch eine kleine alkoholbedingte Nachlässigkeit Schuld am Tod seiner Kinder – bildet erst den Midpoint der ganzen Geschichte. Jetzt verstehen wir zwar, warum Lee so eine panische Angst hat, in den Ort seiner Herkunft zurück zu kehren. Doch noch immer haben wir keine Vorstellung von dem, was passieren muss, um diese traumatisierte Schockstarre zu lösen.

 

„Manchester by the Sea“ ist also die Erzählung einer Verweigerung. Insofern fokussiert sich der Blick des Zuschauers auf die Dechiffrierung von Lees Verhalten. Wird sein tiefgefrorenes Innenleben jemals auftauen?! Und, wenn ja: wann?! (Gerade das Motiv des Tiefgefrorenen wird zur Metapher, die dann am Ende hilft, die Wandlung zu erzählen). Wie kommen wir an sein abgestorbenes Innenleben heran?! Je länger sich der Film Zeit lässt, diese Nuss zu knacken, desto stärker kommt der Zuschauer in seine Eigenschwingung. Wir sind absolut fixiert auf die Frage, ob Lee nochmals seelisch erwachen wird.

 

Die größte Hoffnung ruht dabei auf dem Neffen PATRICK (Lucas Hedges). Um ihn muss Lee sich kümmern. Man kann nicht sagen, dass er das nicht tut – äußerlich verhält er sich korrekt, innerlich aber bleibt er weiter auf Distanz. Dabei bestand zu Patrick einst viel Nähe. Die Rückblenden machen das deutlich. Aber Patrick hat das, was Lee verloren hat: Jugend, Leben, Perspektiven. Kein Wunder, dass Lee davon nichts wissen will. Am schmerzhaftesten scheint hier Patricks Liebe zum Boot des Vaters, welches zugleich auch der Ort der größten Nähe zwischen Neffe und Onkel war. Es wird am Ende die Austauschebene dieses Bootes sein, die uns hilft, Lees Wandlung zu verstehen.

 

Dennoch wäre Patrick allein nicht in der Lage, den Sperrgürtel zu durchbrechen. Es braucht dramaturgisch doch noch zwei weitere Schlüsselszenen, die so tief an Lees Verborgenes – und damit indirekt auch ans Empfinden der Zuschauer – heranreichen, dass etwas aufbricht. Diese beiden Szenen sind gleichsam Tiefenbohrungen in Lees Innenleben, die ihn zwingen, aufzumachen.

 

Die eine Szene führt – dramaturgisch fragwürdig, weil der Film grundsätzlich streng realistisch verfährt, hier aber auf einmal in die Geisterebene springt – die beiden verstorbenen Kinder ein. Auch wenn diese Technik anfechtbar wirken mag, ist sie emotional doch sicherlich enorm wirkungsvoll. Erst mit dem Auftauchen der toten Kinder wird klar, wie sehr Lee dabei ist, mit sich zu ringen. Hier liegt ein hoch aufgeladener Wendepunkt.

 

Eine zweite Schlüsselszene ist die Begegnung mit seiner Ex-Frau RANDI (Michelle Williams). Ihr ist es zumindest äußerlich gelungen, über den Verlust der toten Kinder hinweg zu kommen und sich wieder aufs Leben einzulassen. Sie ist schwanger. In der intensiven Begegnung mit ihr aber hört Lee die für ihn schockierendsten Worte, die ihn so tief treffen, dass er nicht mehr so weiterleben kann wie bisher. Ab hier ist seine innere Veränderung unübersehbar.

 

Dramaturgisch vermittelt der Film seine Botschaft vergleichsweise ‚altmodisch’. Er arbeitet mit Mitteln, die vielfach verpönt sind: Rückblenden, Perspektivwechsel, langen stumme Passagen mit klassischer Musik. Der Intensität tut das keinen Abbruch, im Gegenteil. „Manchester by the Sea“ fokussiert sich in großer Klarheit auf ein einziges, aber vielstimmig und differenziert variiertes Thema. Der Zuschauer wird nicht nur stark in das Geschehen mit eingebunden, sondern vor allem immer wieder an die Grenzen der eigenen Empathie getrieben: wie würde es MIR gehen, wenn ich durch eine einzige Nachlässigkeit meine ganze Existenz verspielt hätte?! Hätte dann das Leben noch Sinn?!

 

Am Ende ist es der unbändige Wunsch nach Zugehörigkeit, der Drang nach Bindung und Neubeginn, der nicht nur in Lee, sondern auch im Zuschauer zur größten Intensität führt.  Diese kompromisslose Geschlossenheit garantiert dem Film nicht nur eine vermutlich überdurchschnittliche Aufmerksamkeit am Markt, sondern auch die Aussicht auf ein oder mehrere Oscars. 

 

München, 21.1.2017

 

 

Roland Zag

 

 

 

Julieta

Quelle: Piffl Medien