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Filmbesprechung

MARIA MAFIOSI

 

Buch und Regie: Jule Ronstedt 

 

Den Potenzialen einer filmischen Geschichte nähert man sich am besten von zwei Seiten:

 

Zum einen geht es darum, Konflikte und die Dilemmata des zweiten Akts heftig hochkochen zu lassen. Diesbezüglich ist „Maria Mafiosi“ sehr gut aufgestellt. Der innere Zwiespalt einer Polizistin, die erkennen muss, dass der Vater ihres ungeborenen Kindes bei der Mafia ist, lässt sich schwer steigern. MARIA (Lisa-Maria Pothoff) steckt wirklich in massiven Schwierigkeiten, sobald ihr klar wird, dass ROCCO (Serkan Kaya) von Seiten seiner kriminellen Familie dazu gezwungen wurde, die Leiche eines Konkurrenten zu entsorgen und nun sogar eine ‚arranged marriage‘ mit einer Italienerin eingehen soll.

 

Noch größer sogar ist das Dilemma des Kindsvaters selbst. Denn für Rocco scheint es nur zwei Alternativen zu geben: entweder er verzichtet auf die Liebe zu Frau und Kind, oder er lässt sich mit einem tödlichen Mafia-Clan ein. In seiner Haut möchte man nicht stecken. Von dieser Seite der Story her sind also die Voraussetzungen für eine starke Komödie durchaus gegeben. Über lange Zeit funktioniert der Film auch tatsächlich wie ein gut geöltes Uhrwerk.

 

Man kann Geschichten aber auch vom dritten Akt her betrachten: also von der Phase der Auflösung, der Wunscherfüllung und der Figurenwandlung her. Der dritte Akt wird in seiner Bedeutung oft unterschätzt – aber er liefert dem Publikum erst die Anhaltspunkte, um die eigentliche Erzählidee zu verstehen und für sich zu interpretieren.

 

Die schlussendliche ‚Botschaft‘ ließe sich hier umschreiben mit: eine Frau wie Maria wirft lieber ihr Gewissen und Rechtsempfinden über Bord, um Teil einer großen, warmen Familie werden zu können. Ehe sie auf die Vorzüge von Roccos Liebe und seiner Familie verzichten muss, wird sie lieber kriminell. Das bedeutet: wir müssen sehen, dass die Lösung am Ende besser ist als zu Beginn.

 

Sobald sich nämlich zwischen den beiden Alternativen ‚Gesetzestreu, aber langweilig‘ und ‚kriminell, aber warm‘ eine ganz klare Konfliktlinie auftut, lässt sich Maria darin verorten. Je unbefriedigender das Leben als Polizistin, und je wärmer das Gefühl im Hafen der neuen Großfamilie, desto besser. Der Wertkonflikt zwischen der eigenen Herkunft und dem neuen, finalen Lebensumfeld sollte so groß wie möglich sein.

 

Aber sind die Unterschiede hier wirklich stark?! Spüren wir den Culture Clash? Der klare Wertekonflikt zwischen Marias Vater JÜRGEN (Alexander Held) und Roccos Vater SALVATORE (Michele Cufiuffo) wird dadurch aufgeweicht, dass Jürgen, immerhin der Polizeichef, selbst korrupt ist. Eine wirklich klare Unterscheidung zwischen familiärer Wärme und gesetzestreuer Kälte lässt sich daher nicht erkennen. In Marias Herkunftsfamilie geht es zwar ein wenig ungut zu, indem die Stiefmutter IRMI (Monika Gruber) eher intrigant agiert. Aber bei den Pacellis ist es nicht anders. Salvatore unterdrückt seinen Sohn, unterschätzt seine Tochter und macht nicht den Eindruck, seine neue Schwiegertochter sehr zu schätzen.

 

Wo also liegt für Maria die Lösung? Welche Wandlung liegt für sie nahe? Welche Wendung im dritten Akt WÜNSCHEN wir uns? Hier wird der Film, der über weite Strecken des zweiten Aktes witzige Wendungen und kraftvolle Dilemmata aufwies, weich und schwammig. Denn Maria hatte nie besonders gewalttätige Anwandlungen. Dass sie jetzt am Ende auf einmal die Vertuschung eines Mordes gutheißt, passt gar nicht ins Bild. Die Metamorphose von der braven Polizistin zur Mitwisserin eines Mordes kommt einigermaßen unvorbereitet. Am Ende ist nichts wirklich besser, weil zu Beginn nichts schlecht war. Es wirkt verräterisch, dass der Film weite Teile des dritten Aktes gar nicht mehr auserzählt, sondern nur in einer schnell geschnittenen Montage abhakt.

 

Insofern wird sich „Maria Mafiosi“ doch eher schwer tun, zu den klar erkennbaren role models der Rita Falk-Krimis à la „Schweinskopf al dente“ aufzuschließen. Dort nämlich waren die Grenzen zwischen dem Wünschenswerten und dem eindeutig Negativen doch immer deutlich genug. Die Uneindeutigkeit eines dritten Aktes jedoch, der keinen klaren Publikumswunsch erfüllt, kann gefährlich werden. Und so könnte es nicht nur das gute (= fürs Kino schlechte) Wetter sein, das dem Film unbefriedigende Zahlen beschert, sondern auch die immanente Schwierigkeit des Wertekonflikts.

 

München, 18.6. 2017

 

Roland Zag

 

 

 

Julieta

Quelle: Universum Film