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Filmbesprechung

MEIN BLIND DATE MIT DEM LEBEN

 

Buch: Ruth Toma, Oliver Ziegenbalg; Regie: Marc Rothemund

 

Das Thema der Behinderung tritt, insbesondere im Kino, immer mehr in den Fokus des filmischen Erzählens. Der ‚Schicksalsfilm’ zwingt die Menschen, mit Einschränkungen zu leben, gegen die sie ohnmächtig sind. So auch in „Mein Blind Date mit dem Leben“. SALIYA (Kostja Ullmann) muss mit einer schlimmen Augenkrankheit leben, die ihn nahezu erblinden lässt. Sein Traum von der Karriere in einem Luxushotel droht zu platzen – wenn er nicht das Unmögliche wagt und seine Behinderung verschweigt.

 

In dieser Setzung steckt eine starke – und auch komödiantische – Spannung. Der Film pendelt zwischen Saliyas ‚Want’: dem Wunsch, das scheinbar Undenkbare durchzuziehen - und der beständig lauernden Gefahr, doch aufzufliegen. Diese Spannung hält lange vor. Allerdings gewöhnt man sich irgendwann an die fast märchenhafte Unwahrscheinlichkeit, mit der Saliya hier immer wieder über lange Zeit in letzter Sekunde der Enttarnung entgeht.

 

Dahinter aber steckt ein ernsterer und relevanterer  Antagonismus. Er dreht sich um die Frage des Anerkennens. Denn Saliya weigert sich die längste Zeit, zu begreifen, dass er sich und vor allem seine Umwelt überfordert. Irgendwann wird die Beziehung zu Menschen wie MAX (Jacob Matschenz) oder seiner Schwester SHEELA (Nilam Farooq) einseitig und dadurch unmöglich. Ohne ihre Mithilfe wäre er verloren. Die permanenten Hilfestellungen von Seiten der Freunde hinterlassen zwar ein gutes ‚human factor’-Gefühl. Aber das, was er erhält, kann er irgendwann nicht mehr zurück geben. Er IST eben behindert. Ein ausgeglichenes Geben und Nehmen wird erst möglich, wenn er  sich als der ausgibt, der er ist. Daran drohen auch die Beziehungen zu seinen Vertrauten zu scheitern.

 

Das, was er lernen muss – sein ‚Need’ – liegt darin, die Behinderung anzunehmen und sich mit ihr zu zeigen. Es dauert lange und bedarf der zarten Liebesbeziehung zu LAURA (Anna Maria Mühe), ehe er bereit ist, einzusehen, dass er der Rolle des ‚Normalen’ nicht gewachsen ist. Erst als er seiner Aufsichtspflicht für Lauras Kind nicht nachkommen kann und so beinahe ein schlimmes Unglück provoziert, und erst als er im Hotel spektakulär versagt, kommt der Moment der Einsicht und Erkenntnis. Die Einsamkeit der Figur wird hier gut nachvollziehbar – auch wenn der Umgang Saliyas mit Drogen nur sehr undeutlich erzählt bleibt. Dieser Tiefpunkt hat lange auf sich warten lassen – aber er verfehlt seine Wirkung nicht. Sobald Saliya  mit seinen Plänen gescheitert ist, findet der Film zu seiner Ernsthaftigkeit, die zuvor lange im Märchenhaften Wohlfühl-Klischee verloren zu gehen drohte.

 

Insofern startet „Mein Blind Date mit dem Leben“ unter guten Voraussetzungen. Dennoch darf man sich fragen, ob es dramaturgisch so klug war, der Geschichte so wenig äußere Ziele, so wenig nach vorwärts drängenden Sog mit auf den Weg zu geben. Denn zwischen Saliyas erster Aufnahme ins Team vom Bayerischen Hof bis zu seiner ‚Enttarnung’ liegen doch lange Strecken, in denen nicht ganz klar ist, was die Geschichte voran treibt. Das Geschehen droht, auf der Stelle zu treten. Die finanziellen Sorgen der Mutter DAGMAR (Sylvana Krapatsch) angesichts des verantwortungslosen Vaters kommen spät zur Sprache und ziehen kaum Konsequenzen nach sich. Andere Ziele oder Pläne sind kaum spürbar. Daher kommt der Film nicht ganz ohne dramaturgische Durchhänger ans Ziel.

 

Hingegen steht auf der Haben-Seite wieder die ausführliche Beobachtung der Techniken, mit denen der Behinderte seine Handicaps wettmacht. Aus jeder Schwäche kann, zumindest für eine bestimmte Zeit, auch eine Stärke werden. Das wird hier deutlich.

 

So ist „Mein Blind Date mit dem Leben“ ein Film geworden, dessen schnörkellos klare Befolgung herkömmlicher Drehbuchregeln dazu führt, dass er sein Thema kraftvoll zu vermitteln vermag. Das ist viel. Gleichwohl ist sein konventioneller und daher absehbarer Gestus nicht zu leugnen. Und dieser wiederum macht sich am Kinomarkt in der Regel als Mangel an Alleinstellung bemerkbar. Insofern hat der Film im Kino seine Möglichkeiten. Aber ob sie sich optimal realisieren, wird sich erst noch zeigen müssen. 

 

München, 26.1.2017

 

 

Roland Zag

 

 

 

 

 

Julieta

Quelle: Studio Canal