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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag, ab Dezember 2018) behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten.

 

Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot

B + R: Philipp Gröning

 

Erzählabsicht 

 

„Mein Bruder heißt Robert...“ versteht sich als Kunstfilm, der von seinem Publikum aktive Mitarbeit erfordert.

 

Der Film handelt vom Verstreichen der Zeit. Dies erleben die Zuschauenden ganz handfest während dreier Stunden, in denen mitunter nicht allzuviel passiert. Zugleich aber wird dieses Verstreichen auch auf philosophisch-rationaler Ebene reflektiert und auf vielfältigen assoziativen, vor allem visuell sehr beeindruckenden Ebenen gebrochen.

 

Die Herausforderung liegt nicht nur auf der komplexen rationalen Ebene, sondern, mehr noch, in der Nicht-Berücksichtigung der empathisch-emotionalen Prinzipien: Von ‚Wunscherfüllung’ kann hier nicht im Ansatz die Rede sein. All das kann als frustrierend, irritierend, verstörend erlebt werden – und genau diese Verstörung gehört zur Erzählabsicht. Der Film sucht ein Publikum, das bereit ist, sich auf diese sperrige Erfahrung einzulassen und an ihr zu wachsen.   

 

Zugehörigkeiten

 

Im Mittelpunkt stehen die zweieiigen Zwillinge ROBERT (Josef Mattes) und ELENA (Julia Zange). Das Mädchen steht vor dem Abitur, er hingegen muss eine Klasse wiederholen. Die Ambivalenz von Sich-Trennen-Wollen und Nicht-Voneinander-Loskommen wird in einer extrem intensiven körperlichen und seelischen Nähe bis hin zum manifesten Inzest durchgespielt. Das selbst-und fremdzerstörende Muster bleibt sich fast über die gesamte Dauer des Films immer gleich.

 

Jenseits dieser Bindung existiert eigentlich fast gar kein soziales Leben. Zwar begegnen Robert und Elena in einer Tankstelle unterschiedlichen Menschen, aber Beziehungen entwickeln sich kaum. Verweise auf Eltern, Freunde, Gefährten gibt es nicht. Robert und Elena sind so eng aufeinander bezogen, dass andere Bindungen gänzlich unmöglich scheinen. 

 

Wertekonflikt(e)

 

Der Wertekonflikt des Films findet im Publikum statt. Während man auf rationaler Ebene mit größtmöglicher gedanklicher Logik philosophischer Sentenzen, und auf sinnlicher Ebene auch mitunter mit der  Schönheit der Kameraarbeit konfrontiert wird, folgt das soziale Verhalten der Figuren keiner erkennbaren emotionalen Logik. 

 

Während die Zwillinge in ihrer Selbstbezogenheit anderen Menschen eine Menge Schaden zufügen – das geht bis hin zum blutigen Mord – wird die die antagonistische Gegenkraft, die ihnen Grenzen setzen könnte, künstlich ausgeblendet: Die geschädigten Personen setzen sich nicht zur Wehr und schlagen nie zurück. Der Zerstörungsdrang der Zwillinge bleibt folgenlos. Eine solche Dynamik wäre in ‚Realität’ nicht vorstellbar. Auf diese Realität aber zielt der Film auch gar nicht ab.

 

Dies erzeugt die offensichtliche Verwirrung und Irritation. Das Verhalten der Menschen auf der Leinwand wirkt absichtlich widersinnig und unempathisch. Daraus ergibt sich der Wertekonflikt der Betrachtenden, die sich immer wieder neu mit dieser Dynamik auseinandersetzen müssen. 

 

Regelwerk

 

Der Film wird getragen von einer Wette: Elena will binnen 48 Stunden mit einem Mann geschlafen haben. Diese recht willkürliche Regel bestimmt und strukturiert das Geschehen. 

 

Zugleich brechen die Jugendlichen dabei so gut wie jede andere Regel des Zusammenlebens, ohne daran gestört oder gehindert zu werden. Die gesellschaftliche Gegenkraft, die im Falle eines Regelbruchs zu erwarten wäre, bleibt aus. Auch der finale Mord wird nicht entdeckt oder gar sanktioniert. Diese Setzung muss man akzeptieren. 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Auch wenn „Mein Bruder heißt Robert...“ formal äußerst eigenwillig aussehen mag, folgt er rein dramaturgisch recht konventionellen Regeln. Nach einer kurzen Exposition wird durch Elenas Wette, Sex mit einem anderen zu haben, das Konfliktfeld des zweiten Aktes eröffnet und die daraus entstehende Spannung sehr konsequent gesteigert. 

 

Während die sadistischen Aspekte die längste Zeit nur angedeutet bleiben, führt der dritte Akt zu einer Art Perspektivwechsel, indem durch den geladenen Revolver eine reale tödliche Energie spürbar wird, die sich dann zum Mord steigert. Indem sich das Verhaltensmuster der Zwillinge allerdings nie ändert, ist diese Eskalation alles andere als überraschend. Das Muster wird erst durchbrochen, als Elena ganz am Schluss allein vor ihrer Schulklasse steht. Jetzt erst, in der allerletzten Sequenz, ist die Trennung vollzogen, um die so lang gerungen wurde.  

 

Gesamtbild

 

Indem „Mein Bruder heißt Robert...“ sich ganz explizit als Filmkunstwerk versteht und sich in keiner Weise möglichen Publikumserwartungen anpasst, bleibt die Frage, wie sich der Film am Markt behauptet, irrelevant. Zuschauerzahlen spielen in diesem Fall keine Rolle. 

 

Interessanter ist die Frage, wie sich der Film im internationalen Geschehen der Filmkunstfestivals schlagen kann. Hier hat er aufgrund der herausragenden visuellen und schnittdramaturgischen Qualitäten sicherlich gute Karten. 

 

Zugleich wird man sehen müssen, dass der soziale Radius, den die Story bespielt, extrem begrenzt ist. Sowohl das Fehlen aller antagonistischen Kräfte, wie auch das Festhalten am immer selben Verhaltensmuster verhindert, dass die Story überraschende Wendungen entwickeln kann. Das unvorhersehbare und sprunghafte Verhalten der Zwillinge wirkt dann irgendwann sehr vorhersehbar. An diesem Punkt unterscheidet sich „Mein Bruder ist Robert...“ doch ganz wesentlich von jenen Filmen, die z.B. dieses Jahr für den Europäischen Filmpreis vorgeschlagen sind oder die großen Festivals wie Cannes und Venedig dominiert haben. 

 

Insgesamt könnte „Mein Bruder heißt Robert...“ also zwar in der kleinen Gruppe der Filmkunstliebhaber leidenschaftliche Befürworter finden; doch die Durchschlagskraft am internationalen Festivalgeschehen dürfte angesichts einer gewissen Berechenbarkeit der Story begrenzt bleiben. 

 

München, 23.11.2018

 

Roland Zag

 

 

 

 

 

Quelle: W-Film Distribution