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Filmbesprechung

MOONLIGHT

 

Buch: Tarell Alvin McCraney; Regie: Barry Jenkins

 

Die Kraft dieses Filmes geht unter anderem auch von all dem aus, was er NICHT zeigt. „Moonlight“ ist ein Paradebeispiel für die Wirkungsmacht der Reduktion. Je entschiedener sich Autoren auf EINE Erzählidee fokussieren, und je konsequenter sie den Mut haben, alles, was der Erzählidee nicht dient, wegzulassen, desto größer die Wahrscheinlichkeit für die Durchsetzungsfähigkeit des Films. Das wird aktuell durch den Oscar für den besten Film bestätigt.

 

„Moonlight“ bewegt sich zwischen zwei Wertewelten. Die eine ist in Liberty City, einer Vorstadt von Miami, allgegenwärtig: ein männlich ausgetragener Machismo, der mit Armbanduhren, Goldenen Kettchen, gut trainierten Muskeln und Zahnspangen zur Schau getragen werden muss. Andernfalls wird man Opfer von Verhöhnung und Verrat. Vor allem von JUAN (Mahershala Ali) lernt CHIRON (Ashton Sanders), dass es gilt, ‚Eier’ zu haben und sich zur Wehr zu setzen. Nahezu jede Szene ist erfüllt von diesem Kampf um Stolz, Wertschätzung und Respekt. Auch in der Niederlage sind Gefühle tabu.

 

Doch daneben entdeckt Chiron auch eine Gegenwelt in sich, die ihn tief verunsichert: das Sensitive. Chiron weint viel. Er schafft es nicht, sich gegen eine Traurigkeit zu erwehren, die der Film gar nicht groß zu begründen braucht. Dass ein Sohn einer alleinerziehenden cracksüchtigen Mutter genügend Anlass für Depressionen hat, ist selbsterklärend. Es ist diese diffuse Innenwelt, die Chiron gleichsam ‚unerlöst’ in sich trägt und die den Zuschauer empathisch  einnimmt. Der Film benennt sie nicht konkret, macht sie aber in den sozialen Beziehungen, doch auch in der formalen Umsetzung durch poetische Metaphern und abgehobene Musik allgegenwärtig. Die erste Hälfte von „Moonlight“ ist durchtränkt von einem unbenannten Gefühl unbefriedigter Sehnsucht.

 

Es dauert genau bis zum Midpoint, ehe Chiron es wagt, etwas von seiner Innenwelt preiszugeben. KEVIN (Jharrel Jerome) schafft es, den Einzelgänger für einen Moment aus der Isolation zu locken. Es kommt zu einer Intimität, die eigentlich nicht sein dürfte, aber Chiron erstmals wirklich erfüllt. Für ihn – genau wie für den Zuschauer - wird dieser Moment am Strand zum Schlüssel. Fortan steht alles Weitere unter dem Stern dieser Szene.

 

Freilich muss Chiron genau diese ‚Schwäche’ sofort bereuen. Es ereignet sich ein furchtbarer Verrat, der die Hauptfigur ins andere Lager spült. Chiron wird – nach Jahren des Gefängnisaufenthalts – selbst zu genau der Art von abgebrühtem Dealer, wie  sein Mentor Juan es war. Er glänzt jetzt mit der Männlichkeit, die von ihm erwartet wird.   

 

Aber da ist ein Rest Sehnsucht. In Chiron bleibt ein Wunsch nach Zugehörigkeit, der ihn dazu treibt, das zu tun, was ihm Juan früh beigebracht hatte: eine Entscheidung zu treffen.

 

Trotz seiner Verletzungen und schlechten Erfahrungen ist er am Ende des Films bereit, sich mit dem Mann, der ihn einst bitter verraten hatte, nochmals zu treffen. Diese Begegnung dominiert fast den gesamten dritten Teil des Films. Auch hier ist das Ungesagte und Unsagbare allgegenwärtig – weil der Zuschauer die Zweischneidigkeit der Situation empathisch längst in sich selbst spürt. Chiron könnte in diesem Moment endgültig die Hoffnung verlieren. Der sensitive, verletzliche Teil seines Wesens ist massiv in Gefahr. Sollte die Begegnung mit dem erwachsenen Kevin (André Holland) schief gehen, wird er womöglich nie wieder versuchen, sich anderen Menschen zu öffnen. Doch wenn der Kontakt gelingt, hätte er es geschafft, das Wertvollste zu retten.

 

Um das zu erzählen, braucht der Film nicht viele Worte und noch weniger Story. Ehe wir tatsächlich wissen, wie diese entscheidende Nacht zwischen Chiron und Kevin enden wird, hat die Hauptfigur ihren Weg schon vollendet. Der Film ist aus. Allein der Versuch, den Kontakt zu suchen, war schon Entscheidung genug. Es ging um den Mut. Nicht um die Frage, ob er sich am Ende gelohnt haben wird.

 

Diese enorm reduzierte Geschichte wird von großen Zeitsprüngen und Auslassungen dominiert. Es gibt sehr viel Information, die wir nur indirekt erfahren, erraten müssen oder wo wir einfach im Dunkeln gelassen werden. Aber gerade darin liegt der Mut zur Konzentration. Indem sich „Moonlight“ auf die rigide Dreiteilung und die vielen elliptischen Auslassungen einlässt, wird der Zuschauer gezwungen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Denn im Zentrum steht nur eins: die Frage, ob Chiron den Mut haben wird, zu sich und seinen Gefühlen zu stehen.

Letztlich ließe sich das – sehr vereinfachend – für fast alles narrative filmische Erzählen sagen: eigentlich geht es fast immer um die Annäherung an ein Innenleben, das der Zuschauer von außen empathisch in sich aufnimmt. Aber selten geschieht dies so ausschließlich wie hier.  

 

Insofern ist der Film eine wunderbare Bestätigung der dramaturgischen Grundregel, dass nichts so wirksam ist wie die Reduktion. Es genügt EINE antagonistisch angelegte Erzählidee. Je intensiver das Publikum in die Lage gebracht wird, deren Schwingung in sich aufzunehmen, desto größer die Wahrscheinlichkeit der emotionalen Resonanz.

 

Daher wird „Moonlight“ auch in Gegenden, die von Liberty City räumlich und sozial scheinbar um Welten getrennt sind, starke Wirkungen erzielen. Denn der Wunsch nach Zugehörigkeit und Austausch ist universell. Der Film wird – Oscar hin oder her – mit Sicherheit auch hierzulande sein Zielpublikum finden und es auch ganz überwiegend befriedigen.

 

München, 14.3.2017

 

 

Roland Zag

 

 

 

Julieta

Quelle: Neue Visionen