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Filmbesprechung

NOCTURNAL ANIMALS

 

Buch und Regie: Tom Ford

 

Rein chronologisch steht zu Beginn eine Liebesgeschichte: SUSAN (Amy Adams) verliebt sich in den Schriftsteller EDWARD (Jake Gyllenhaal), zweifelt aber – angetrieben von ihrer Mutter - an dessen kreativer Stärke. Die Trennung beruht auf einem grausamen Verrat. Danach wird sie eine erfolgreiche, aber unglückliche Galeristin. Edward hingegen schreibt weiter.

Auf einer zweiten Zeitebene schickt eben dieser Edward viele Jahre später ein Manuskript an Susan. Und während sie dies liest, taucht der Film ein in die Gedankenwelt einer dritten, der bei weitem umfangreichsten Ebene: einem grausamen Roman voll Gewalt, Hass und unerfüllten Rachewünschen.

 

Damit wird die vermeintliche Hauptgeschichte – das Geschehen um die Vergewaltigung und Ermordung zweier Frauen, deren Ehemann um Aufklärung kämpft - zum Spiegel einer Beziehungsdynamik. Alles, was im Roman passiert, muss vom Zuschauer als Kommentar verstanden und gleichsam übersetzt werden. Die recht einfache Krimihandlung bezieht ihre Daseinsberechtigung nicht aus sich selbst, sondern fungiert als Metapher für die Beziehungsdynamik.

 

Daraus resultiert das dramaturgisch sehr interessante Konstrukt, dass die eigentlich zentrale Handlungsachse nur zum relativ bedeutungsarmes Vehikel wird. Obwohl der Thriller viel Raum einnimmt, weist die Schilderung eines sadistischen Verbrechens und seiner missglückten Aufklärung auf der zwischenmenschlichen Ebene am wenigsten Relevanz auf.

 

Die eigentliche WANDLUNG der Figuren vollzieht sich nämlich auf einer anderen Ebene. Susan scheint im Verlauf der Handlung immer mehr zu verstehen, was die Story mit ihr zu tun hat. Bei ihr bewirkt die Auseinandersetzung mit dem Werk ihres Ex-Geliebten eine radikale Selbstbefragung, an deren Ende eine ernüchternde Bilanz steht: sie steht vor einem Scherbenhaufen. Andererseits aber scheint sich auch der Schriftsteller Edward stark verändert zu haben. Früher schrieb er introspektive Selbstbespiegelungen. Jetzt aber schafft er einen klassischen Thriller. Daraus wird ersichtlich, wie weit er sich kreativ von seinen Anfängen entfernt hat - und wie sehr ihn die alten Verletzungen noch imer kränken.

Alles, was Susan ihm einst angetan hat, taucht gefiltert und verfremdet in seinem Roman wieder auf. Letztlich  handelt es sich deshalb eben auch gar nicht um einen echten Thriller (dazu weist er zu wenige Überraschungen auf – und ob Edwards Roman am Buchmarkt wirklich erfolgreich würde, darf daher sogar bezweifelt werden...), sondern nur eine Camouflage, ein Transportmittel. Die Frauen, die in dem Roman übel vergewaltigt werden, sind Varianten von Susan selbst. Auch der Ehemann (= der Autor), der vergeblich um Aufklärung ringt und dabei am Ende blind seinem Schicksal unterliegt, darf als direkter Kommentar  verstanden werden. Offenbar hat auch Edward es nie geschafft, einen Sinn in dem zu entdecken, was ihm von Susan angetan wurde. Er taumelt blind durch sein eigenes Leben. 

 

Die Pointe des Schlussbildes besteht darin, dass Edward nach der eindeutigen Abfuhr auch im realen konkreten Leben seiner Ex-Geliebten zeigt, was er von ihr hält - und so dem desillusionierenden Roman noch besonderen Nachdruck verleiht.

 

Durch diese merkwürdige dramaturgische Anlage erhält „Nocturnal Animals“ ein klares Alleinstellungsmerkmal. Der Zuschauer ist angehalten, drei Zeitebenen beständig aufeinander zu beziehen und das Eine im Anderen gespiegelt wieder zu finden. Zum einen fordert dies ein sehr aktives Hinschauen, also ein ‚anspruchsvolles’ Publikum, das bereit ist, zerebral-intellektuelle Energie zu investieren. 

 

Zum anderen aber wird auch sehr klar erkennbar, WORUM ES EIGENTLICH GEHT. Im Mittelpunkt steht gar nicht – wie man zunächst annehmen könnte – die Aufklärung eines Mordes. Sondern die Kränkung eines Liebhabers, der seine Gefühle in eine kriminellen Fantasie transformiert und so einen Prozess des  der Wandlung in Gang setzt. Und dies wiederum betont den emotionalen Gehalt.

  

Unter dem Strich genießt „Nocturnal Animals“ so die Sonderstellung eines sehr eigenwillig konstruierten Filmes, den man – egal wie sehr man von den Einzelheiten angezogen oder abgestoßen sein mag – wohl kaum vergisst. Auch wenn die Absicht vielleicht bald durchschaubar wirkt und am Ende nicht allzu viele Twists mehr zu erwarten sind – der Film hinterlässt nicht nur intellektuell, sondern auch emotional deutliche Spuren. Das dürfte dazu führen, dass er am deutschem Markt wohl vergleichsweise lange laufen könnte und wohl auch bei den diesjährigen Oscar-Vorausscheidungen eine gewichtige Rolle spielen kann.

 

München, 28.12.2016

 

Roland Zag  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Julieta

Quelle: Pandora