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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die „Dramaturgie der Systeme“, wie sie in „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag 2018) beschrieben werden. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten. 

 

 

NOMADLAND

 

B + R Chloé Zhao

 

Erzählabsicht 

 

Leben heißt Abschied nehmen. Wir alle müssen irgendwann von allem loslassen. Warum also dann an Dingen, an Besitz oder Menschen klammern? Wie viel feste Bindung, wie viel soziales Leben, wie viel Geld, und damit auch wie viel Unterwerfung unter hierarchische Arbeitsbedingungen braucht der Mensch?  

 

FERN (Frances McDormand) kommt nicht von der Erinnerung an die glücklichen Zeiten mit ihrem verstorbenen Ehemann los. So verharrt sie in einer Art Dauerprovisorium in ihrem Wohnmobil, mit vereinzelten Abstechern in die anonymen Arbeitswelten unserer Zeit. Die, denen sie begegnet, haben ähnliche Erfahrungen hinter sich – der eine hat den Sohn verloren, die andere wartet auf den sicheren Tod... Wozu also noch an jemanden oder etwas binden? 

 

Doch am Ende bleibt doch offen, ob Fern nach dem rituellen Verkauf der Gegenstände ihres Ex-Mannes  nicht noch einmal reif sein wird, um sich neu auf jemanden einzulassen. Vielleicht auf DAVE (David Strathairn)? Mit dieser offenen Frage entlässt uns der Film in eine existenzielle Auseinandersetzung: Wie viel Besitz und Verwurzelung brauchen wir wirklich?

 

Zugehörigkeiten

 

Obwohl Fern eher einsam wirkt, spielen Zugehörigkeiten – und damit jene für die emotionale Wahrnehmung des Publikums so wichtigen Bindungen – doch eine große Rolle. Neben episodischen Begegnungen und kurzzeitigen Freundschaften wird die von Bedauern und Fremdheit durchpulste Beziehung zu Ferns Schwester wichtig. Deutlich einprägsamer wird noch die zarte Annäherung an Dave. All dies allerdings wird überragt von der Bedeutung, die Ferns Ex-Mann für sie hat. Die emotionale Lebensader des Films wird durch diese intensive Bindung definiert – wir verstehen Fern und auch ihre Gleichgesinnten in erster Linie als Personen, die innerlich mit Abwesenden verbunden sind. Gerade durch die Sprödigkeit und Vereinzelung des Lebens der nomadisierenden Figuren tritt diese enorme Bedeutung von Ferns innerer Bezogenheit umso deutlicher – und emotional wirksamer - hervor. 

 

Wertekonflikt(e)

 

„Nomadland“ scheint ein Film ohne nennenswerte Konflikte. Echte Zuspitzungen oder  Konfrontationen sucht man vergebens. Einzig im Umfeld ihrer Schwester trifft Fern auf Immobilienmakler, deren Tun sie verachtet, was sie auch artikuliert. Der Konflikt wird aber nicht weiter vertieft. 

 

Das bedeutet jedoch nicht, dass der Film ohne Spannung wäre. Denn wir ZuschauerInnen erleben den harten Gegensatz zwischen der totalen Ungebundenheit jenseits aller Hierarchien der NomadInnen wie Fern einerseits, und der brutalen Rationalisierung und Unterwerfung, aber auch der sozialen Geborgenheit in den geordneten Arbeitsabläufen, wie man sie etwa bei den Versandhäusern à la Amazon vorfindet. 

 

Der Film folgt dabei keinesfalls der Absicht, diese Gegensätze zu dämonisieren. Fern macht bei Amazon gute Erfahrungen und verdient für ihre Verhältnisse gut. Aber sie ist nicht bereit, ihre Autonomie dauerhaft dafür zu opfern, als Lohnsklavin zu leben. Dem Publikum stellt sich so die Frage, wie jede/r Einzelne mit dieser Spannung zwischen Besitz/Eingebundensein einerseits und Loslassen/Einsamkeit für sich selbst umgehen kann und will. 

 

Systeme + Regelwerke

 

Gerade darin, dass Fern und ihre Gleichgesinnten die längste Zeit in völliger Freiheit leben, tritt die systemische Gebundenheit dessen, was den Alltag der allermeisten Menschen ausmacht, besonders deutlich zu Tage. Das Leben in festen Arbeitsverhältnissen ist von krassen Regelwerken durchzogen. Sie werden uns zwar hier nicht sehr genau geschildert, aber die Bilder der Fließbänder eines Versandhauses sind deutlich genug, um sich visuell zu erklären.

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Es wäre kaum sinnvoll, „Nomadland“ eine geordnete Handlung, gar einen ‚Plot’ zu unterstellen. Die erzählerische Absicht vermittelt sich durch ein eher episodisches Geflecht von beiläufigen Begebenheiten, die sich letztlich als geschlossener Kreis darstellen: Der Film endet, wo er begonnen hat. Manche Motive werden immer wieder aufgenommen, viele nicht. 

 

Dennoch begegnen wir einem Prinzip der Intensivierung. Entscheidend sind drei erzählerische Schritte: Zunächst die Begegnung von Fern mit ihrer Schwester, welche in festen bürgerlichen Verhältnissen lebt und so den Unterschied der beiden Lebensentwürfe definiert: Hier die verwurzelte Bürgerlichkeit, dort das Nomadisieren. Dann die Episode im Haus von Dave, wo Ferns Ambivalenz schon spürbar wird: Einerseits will sie offen sein für Dave, andererseits ist sie für eine Bindung (noch?) nicht reif. Ganz eindeutig scheint ihre Haltung hier aber nicht. 

 

Entscheidend ist sicher der Besuch des Dorfes Empire als dem Ort, an dem sie viele glückliche Jahre mit ihrem Mann verbracht hat. Trotz aller Verhaltenheit in der Inszenierung vermag man hier – wenn man dazu bereit ist - durchaus kathartische Prozesse zu erkennen. Vielleicht wird ja nach dieser lange hinausgezögerten Wiederkehr an den Punkt der schönsten und schmerzhaftesten Erlebnisse alles anders... 

 

 

 

Gesamtbild

 

„Nomadland“ ist in seinem Verzicht auf alles dramatisch Zugespitzte, Großartige und Laute sicherlich ein Film, der gut in eine Zeit passt, in der das Publikum sich intensiv mit dem Alleinsein, der Vereinzelung und der Abwesenheit anderer auseinandersetzen musste. In dieser speziellen aktuellen Marktsituation ein Film wie dieser ungleich bessere Chancen, als sie unter normalen Bedingungen zu erwarten wären. Insofern passt sowohl der „Oscar“ als auch der Erfolg bei den Kritikern und den Feuilletons gut ins Bild. Die Frage, was uns eigentlich das große, laute, hochdramatische Kino heute noch zu sagen hat, wird von diesem Film sehr leise gestellt – und so vieldeutig beantwortet, dass er auch bei einem vergleichsweise großen möglichen Publikum einfach haften bleiben muss. 

 

München, 15.7. 2021

 

Roland Zag

Quelle: ARTE