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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf fünf erzählerische dramaturgische Grundfragen. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films.  

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten. 

 

ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD

B + R: Quentin Tarantino 

 

Erzählabsicht

Wenn "Once upon a time in Hollywood" auf die Ereignisse um den Mord an der Schauspielerin Sharon Tate im Jahre 1969 Bezug nimmt, prallen zwei Lesarten von ‚Realität’ aufeinander: Die historisch-faktische und die fantastisch überhöhte. Der Film entscheidet sich bewusst und spektakulär dafür, der Fantasie den Vorzug zu geben. 

Demnach ist das Kino laut Tarantino erst dann bei sich selbst, wenn es sich von der sogenannten ‚Realität’ befreit. Die Gewalt, die in Hollywood praktisch unablässig beschworen wird, ist nur eine fantasierte, inszenierte und symbolisierte. 

 

 

Zugehörigkeiten

 

Diese eher abstrakt wirkende Erzählabsicht wird zwischenmenschlich mit großer Wärme aufgeladen. Die Loyalität der beiden zentralen Männerfiguren kennt – wie schon in „Django Unchained“ – fast keine Grenzen. RICK DALTON (Leonardo di Caprio) und CLIFF BOOTH (Brad Pitt) sind, wenngleich sozial sehr unterschiedlich angesiedelt, doch als Team bis zum Schluss unzertrennlich. 

 

Im Gegensatz dazu scheint in der Hippiekommune der Manson-Family der Begriff Loyalität ein Fremdwort zu sein. Dort  herrschen allein Macht und Unterwerfung. Diese deutlich antagonistische Anlage von Zwischenmenschlichkeit hilft dem Publikum, sich dem breit verästelten Erzählfluss des Films emotional auszuliefern. 

 

Hinter beiden männlichen Hauptfiguren steht allerdings ein bedrohlicher Zugehörigkeitskonflikt; denn beide haben zurecht Angst um ihre Karrieren. Ihnen droht der Ausschluss, das Vergessenwerden, beide scheinen die Zugehörigkeit zu ihren jeweiligen Communities zu verlieren oder verloren zu haben. 

 

Umgekehrt ist die junge, aufstrebende Star-Schauspielerin SHARON TATE (Margot Robbie) dabei, im Filmbusiness so richtig Fuß zu fassen. Sie badet förmlich in der Prominenz, die sie sich in Hollywood erarbeitet hat. Der Film bespielt also genau den Kreuzungspunkt aufsteigender und absteigender Linien sozialer Zugehörigkeit der Hollywoodstars im Jahre 1969. 

 

Wertekonflikt(e)

 

Der innere Konflikt kreist um den Begriff des ‚Echten’. Das Hollywood, das uns hier gezeigt wird, besteht aus unzähligen Varianten von fantasierter und simulierter Gewalt: Vom Schaukampf der Martial Arts über diverse Schießereien bis hin zum Flammenwerfer, der dann am Ende spektakulär zum Einsatz kommt ... immer geht es darum, Kampfszenen fantastisch und symbolisch zu überhöhen. 

 

Im Gegensatz dazu machen die Anhänger der Manson-Family die Medienindustrie für die reale Gewalt in der Welt (Vietnam usw...) verantwortlich. Die Hippies stehen für einen medienkritischen Ansatz, der das ‚Echte’ sucht (wenngleich auch sie permanent fernsehen...). Es ist der Zusammenprall dieser beiden Welten, der die untergründige Spannung provoziert. 

 

Doch auch innerhalb des Systems Hollywood geht es um die Frage der ‚Echtheit’ – etwa in der Begegnung zwischen dem deprimierten Rick Dalton und einer sehr jungen Schauspielerin. Sie unterwirft sich der Idee bedingungsloser schauspielerischer Authentizität und will so ‚wahr’ rüberkommen wie möglich. Rick dagegen wird als Künstler viel zu sehr von seinem drohenden Misserfolg beherrscht. Erst als er in der Arbeit zu seinen echten Ängsten durchdringt, bekommt sein Spiel wieder die Wucht, nach der er sucht. 

 

Ein allerdings nur untergründiger Wertekonflikt verläuft zwischen der sexuellen Verführungskraft Minderjähriger und konventionellen Moralvorstellungen. Indem Quentin Tarantinos langjähriger Produzent Harvey Weinstein heute gerade mit diesem Konflikt verbunden wird, verleiht dieser Unterton dem Film eine besondere Färbung und eigenes Gewicht.

 

Regelwerk

 

Hollywood ist eine Industrie mit einer präzisen Hackordnung. Der Starschauspieler Jack unterwirft sich ihr. Sein Stuntman Cliff hingegen begehrt auf – was die Loyalität zu seinem Boss und Auftraggeber Jack belastet. Beide sind jedoch nur kleine Rädchen in einem Räderwerk, das seinen eigenen, viel größeren Gesetzen gehorcht. Hollywood als System ist gewaltiger als alles, was Einzelne entgegenzusetzen haben – so groß, dass es auch nicht weiter auffällt, wenn am Ende die historische ‚Realität’ des Mordes an Sharon Tate dem Regelwerk der Unterhaltungsindustrie unterworfen wird. Alles ist Showbiz.

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel 

 

Wer versucht, in „Once Upon a Time...“ so etwas wie eine konventionelle Dramaturgie zu entdecken, wird enttäuscht. Nicht nur fällt der Aspekt der konventionellen ‚Figurenentwicklung’ komplett weg (weder Cliff noch Jack erfahren so etwas wie eine Reifung – und Sharon Tate wandelt sich erst recht nicht). Auch die Regeln des dreiaktigen Aufbaus werden souverän außer Kraft gesetzt. 

 

Eine gute Stunde lang exponiert der Film in epischer Ruhe teilweise nur marginal konflikthafte Erzählfäden, ohne sich um so etwas wie Spannung zu kümmern. Zu einem ‚Wendepunkt’ im Sinn eines konflikthaften Aufeinanderpralls kommt es erst, wenn Cliff auf die Farm der Manson-Family gerät – und da ist bereits die Hälfte des Films vorbei. „Once upon a Time...“ gleicht insofern weniger einem in drei Akte gegliederten Ganzen als einem Gewässer, das langsam, aber unausweichlich auf einen gewaltigen Katarakt zusteuert. Während man sehr lange Zeit vergeblich auf einen möglichen ersten ‚Plot Point’ wartet, stellt sich der zweite Wendepunkt dafür in Form einer fulminanten Gewaltorgie umso brachialer und überraschender ein. 

 

Gesamtbild

 

„Once Upon a Time in Hollywood“ ist ein in vieler Hinsicht ungewöhnlicher und daher auch auf vielen Ebenen attraktiver Film. Viele der – gewiss auch kritischen - Fragen, die sich beim Betrachten stellen, werden zwar beantwortet, aber eben nicht so, wie man es gewohnt ist. Dabei wird der Film dem Anspruch, einfach nur zu unterhalten, auf vielerlei Ebenen (Ausstattung, Musik, Stars, Sex, Gewalt...) gerecht. Doch dahinter steckt eine komplexe und reichhaltige Reflexion über die Frage, wieviel Realität nun im Kino steckt, und welche Gewalt von Gewalt-Darstellungen nun tatsächlich ausgeht. Diese Ebene verleiht dem Film eine Tiefe, die der öffentlichen Resonanz hilft.  

 

Insofern hat „Unce upon a time...“ einem heutigen Publikum viel zu sagen, auch dann, wenn man vielleicht mit der bedingungslosen Beschwörung der schöpferischen Freiheit nicht einverstanden sein mag. Indem diese Auseinandersetzung äußerst opulent und unterhaltsam dargeboten wird, ist die mögliche Zuschauerresonanz als sehr breit denkbar. 

 

München, 22.8.2019

Roland Zag

Quelle: Sony Filmverleih