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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf fünf erzählerische dramaturgische Grundfragen. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films.  

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten. 

 

PARASITE

B: Jin Won Han, Bong Joon Ho; R: Bong Joon Ho

 

Erzählabsicht

 

Der Kapitalismus zwingt Menschen zur parasitären Kooperation - auch wenn die Betroffenen davon gar nichts wissen. Die brutale Schere zwischen Arm und Reich lässt gar keine andere Wahl. Doch ohne Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Herrschenden und Beherrschten kann diese Kooperation nie funktionieren. 

 

Diese These wird nicht anhand von Hauptfiguren, sondern drei erzählerischen ‚Teams’ durchgespielt: einer Familie aus der Oberschicht, einer aus der Unterschicht, und einem Paar, das klandestin in einer Art schattenhaftem Paralleluniversum existiert. 

 

Der Film interessiert sich also weniger für einzelne Hauptfiguren als die Beobachtung konkurrierender sozialer Systeme, die sich zunehmend bekämpfen und schließlich teilweise vernichten: Für ein friedliches Zusammenleben scheint in diesem Modell kein Platz. Wer überlebt, und wer untergeht, unterliegt nicht individuellen Qualitäten, sondern dem Zufall.  

 

Zugehörigkeiten

 

Obwohl „Parasite“ ein böser Film mit viel schwarzem Humor und irgendwann auch brachialer Gewalt ist, beruht doch alles auf bedingungsloser Loyalität. Die innerfamiliären Beziehungen sind intakt und intensiv. Um Partner zu betrügen oder zu hintergehen, sind die Personen hier viel zu sehr mit ihrem eigenen Überleben beschäftigt. Durch diese beständige humane Nähe und Freundlichkeit entsteht eine rätselhaft schwebende Heiterkeit, die dem Publikum hilft, sich auf die Story einzulassen. ‚Schuld’ hat an dem Desaster niemand. Es sind die Verhältnisse, die zwangsläufig in die Katastrophe führen.  

 

Wertekonflikt(e)

 

Das sündteure Haus, in dem ein Großteil der Handlung spielt – ein bedeutendes und stilvolles Monument moderner Baukunst – scheint allein der Oberschicht zugänglich. Tatsächlich wird es aber von allen Schichten bewohnt. 

 

Die sintflutartigen Regenfälle in der Mitte des Films führen dann vorübergehend wieder zu einer Trennung: Hier die Welt der Privilegierten; dort die überschwemmte Unterschicht, die unter unwürdigen Bedingungen ihr Dasein fristen muss. Doch dies kann auf Dauer nicht funktionieren: Die erzählerischen ‚Teams’ sind gleichsam magnetisch voneinander angezogen, um sich zu vermischen und irgendwann zu vernichten. 

 

Die Außenansicht eines geregelten, wohlgeordneten und friedlichen Lebens wird also permanent konterkariert vom lautlosen tödlichen Kampf aller gegen alle. 

 

Regelwerk

 

Die Gesetze, nach denen hier gespielt wird, werden von den Reichen diktiert. Die hysterischen Bemühungen der Oberschicht-Mutter, ihre Kinder zu bestmöglichen Mitgliedern der besseren Gesellschaft zu machen, folgen einer präzisen Logik. Selbst eine harmlose Sommerparty wird minutiös geplant – auch wenn dann das Ergebnis im Chaos endet. Hinter all dem steht das Räderwerk des kapitalistischen Systems, welches manchen Familien unfassbar viel, anderen dagegen nur erbärmlich wenig Geld lässt. 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel 

 

„Parasite“ beruht auf heftigen Perspektivwechseln. Am überraschendsten ist es sicherlich, als sich genau in der Mitte des Films herausstellt, dass die parasitären Bediensteten, die sich alleine im Haus wähnen, dies gar nicht sind... Bis zu diesem Zeitpunkt wirkt der Film noch vorhersehbar; danach überschlagen hingegen sich die Ereignisse und führen zu einem turbulenten und unübersichtlichen Showdown. 

 

Das Scharnier in der Mitte des Films besteht nicht nur in einer unerwarteten Entdeckung im Keller, sondern auch in einer Sintflut, die es der Unterschicht-Familie unmöglich macht, in ihre Behausung zurückzukehren. Dieser Einbruch der Außenwelt wirkt im Kontext eines weitgehend hermetischen Kammerspiels wie eine notwendige Ergänzung und Korrektur. Und die Bilder der überfluteten Wohnungen gehören visuell sicher zum Stärksten, was der Film zu bieten hat.

 

Gesamtbild

 

Als Metapher für das Wirken des Kapitalismus bietet „Parasite“ ein originelles Szenario, in dem sich auch ein westliches Publikum leicht wiedererkennen kann. Statt einzelner Personen werden mehrere gesellschaftliche Systeme erzählt. Diese Erzählweise wirkt zeitgemäß und neu. Die Mischung aus Heiterkeit, Kühle und Brutalität ist ungewöhnlich und verleiht dem Film sein Alleinstellungsmerkmal. Indem die Loyalität bis zum Schluss durchgehalten bleibt, ist es bei allen Härten leicht, emotional zu folgen. „Parasite“ hat daher im gegenwärtigen Kinomarkt sehr gute Chancen auf einen  deutlichen Arthouse-Erfolg. 

 

München, 27.10.2019

 

Roland Zag

Quelle: Alamode Filmverleih