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Filmbesprechung

PATERSON

Buch und Regie: Jim Jarmusch

 

Im Kino der Gegenwart wird das Erzähltempo schneller, die Heftigkeit der Emotionen größer, die Intensität der Konflikte gewaltiger. Daran gibt es keinen Zweifel. „Paterson“ hingegen steht dazu im Gegensatz. Der Film beschreibt liebevolle Menschen in einer äußerlich scheinbar konfliktarmen Umgebung und verzichtet nahezu auf alle Formen der dramaturgischen Beschleunigung. Im Mittelpunkt steht eine lyrisch unaufgeregte Betrachtung der Welt und ihrer kleinen Dinge. Aggressive Szenen sucht man vergebens – und wenn es mal kurzzeitig heftig wird, dann nicht aus Selbstsucht, sondern aus Liebe.

 

Insofern wirkt der Film völlig unzeitgemäß – und nimmt dennoch einen wichtigen Platz im Gegenwartskino ein. Denn in kompletter Ablehnung aller herrschenden Konventionen kann man eben auch erzählen. Insofern ist „Paterson“ ein gutes Gegenstück zum deutschen Überraschungserfolg „Oh Boy“.

 

Damit soll aber nicht behauptet werden, „Paterson“ behandle keine Konflikte. Im Gegenteil. Eigentlich erzählt der Film eine Tragödie: das Werk des zurückgezogen arbeitenden Lyrikers PATERSON (Adam Driver) droht, ganz der Vernichtung anheim zu fallen. Gemessen an der scheinbaren Reibungslosigkeit der meisten Episoden ist diese Wendung ein harter Schlag. Aber sie kommt – und darin liegt die dramaturgische Meisterschaft - nicht aus dem Nichts, sondern baut sich konsequent, Schritt für Schritt, aber fast unmerklich aus dem inneren Konflikt der Hauptfigur auf.

 

Denn Paterson lebt in einer scheinbar ungetrübten Harmonie mit seiner kreativ regen Freundin LAURA (Golshifteh Farahani) und deren Hund Marvin. Auf Lauras eigensinnige, gut gemeinte und liebevolle Initiativen reagiert er durchgängig positiv. Doch in sein Verhalten schleicht sich eine übergroße Selbstzurücknahme ein, eine übertriebene Bescheidenheit und Demut, die ihm am Ende zum (vergleichsweise schlimmen) Verhängnis wird. Ein bisschen mehr von Lauras quirliger Durchsetzungsfähigkeit, ein klein wenig von ihrer sozialen Kompetenz (schließlich verdient sie mit ihren schwarz-weißen Muffins eine ganze Stange Geld, während er seine Gedichte partout niemandem zeigen will) täte ihm ganz gut. Stattdessen kann Paterson immer nur für andere sorgen, nicht aber für sich und sein künstlerisches Werk.

 

Aus den winzigen, zumeist mehrfach erzählten und ritualisierten Ereignissen wird so erst ganz allmählich eine ‚Handlung‘ sichtbar, eine subtil arrangierte Kette von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, die dazu führt, dass Paterson am Ende fast mit leeren Händen dasteht.

 

Und darin liegt aber vielleicht auch wieder eine künstlerische Absicht. Vielleicht ist schon das Schreiben und Veröffentlichen eines Gedichts zu grob für diesen Blick auf die kleinen Dinge der Welt. Vielleicht genügt es ja tatsächlich, nur in das ewige Fließen eines Wasserfalls zu starren, wie das Paterson am Ende des Films tut, und immer wieder von Neuem zu beginnen.

 

 

 

Insofern liefert der neue Film von Jim Jarmusch eine wunderbare Studie in Sachen ‚Amplituden der Intensität‘. Denn wenn man sich auf das sehr geringe Maß der emotionalen Ausschläge des Films einlässt, kann man erkennen, dass auch hier ein ganz regelkonform erzähltes Drama mit hohem ‚human factor‘-Anteil erzählt wird. Nur sind die Höhe-und Tiefpunkte viel geringer dimensioniert als im ‚normalen‘ Erzählen. 

 

Diese Verweigerung aller ungeschriebenen Gesetze des Marktes verschafft dem Film ein großes Alleinstellungsmerkmal. „Paterson“ ist, auch wenn, wie gezeigt, eigentlich ein veritabler innerer Konflikt erzählt wird, anders als fast alles andere, was gegenwärtig am Markt ist. Und kann so auch im Publikum andere Räume des Empfindens und Erlebens aufschließen. Vor dem Hintergrund hat „Paterson“ im Arthouse-Kino große Chancen, sich der allgemein vorherrschenden Verflüchtigung der Zuschauerzahlen zu widersetzen.

 

München, 16.12.2016

 

 

 

 

 

 

 

 

 

München, 16.12.2016

 

Roland Zag

 

 

 

Julieta

Quelle: K5