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Filmbesprechung

PAULA

 

Buch: Stefan Kolditz,  Regie: Christian Schwochow

 

Die Künstlerbiografie bildet im Kino ein eigenes Genre. Kürzlich waren „Mein Leben mit Cézanne“ oder „Egon Schiele“ zwei Beispiele dafür in den deutschen Kinos. Mit diesen kann „Paula“ durch die aufwändige, sinnlich reizvolle Gegenüberstellung düsterer nördlicher Landschaften mit hellem Pariser Flair zumindest optisch gut mithalten.

 

Doch in der Künstlerbiografie liegen dramaturgische Fallstricke. Denn wer sich als Künstler vor der Geschichte durchsetzt, hat am Ende auch automatisch Recht. Dadurch entsteht eine recht simple ‚Richtig-Falsch’ Relation. Der geniale Künstler ist auf jeden Fall auf dem richtigen Weg. Seine Gegenspieler sind prinzipiell im Unrecht. Das erleichtert die Parteinahme. Erhöht aber die Vorhersehbarkeit.

 

So auch in „Paula“: obwohl sich der Film gar keine Mühe gibt, die künstlerische Entwicklung von Paula Modersohn-Becker (Carla Juri) zu erklären oder ihre ästhetischen Kämpfe zu beleuchten (eine Auseinandersetzung mit den künstlerischen Strömungen ihrer Zeit findet kaum statt), muss man als Zuschauer am Ende einfach glauben, dass ihr Weg wohl irgendwie ‚richtig‘ war. Die Schwierigkeiten der Künstlerin, zu ihrem eigenen Stil zu finden, bleiben kaum erzählt.

 

Im Falle einer weiblichen Künstlerin kommt nun noch eine zweite, ebenso simple ‚Gut-Böse’-Relation hinzu. Denn natürlich wurden Frauen zu Beginn des 20.Jahrhunderts gesellschaftlich schwer benachteiligt und Künstlerinnen erst recht besonders angefeindet. In „Paula“ wird das stark betont und insbesondere (entgegen den biografischen Tatsachen) dem geradezu hasserfüllten Heinz MACKENSEN (Nicki von Tempelhoff) zugeschrieben. Aber auch dieses Schema ist schnell erkannt, und dadurch in seiner dramaturgischen Funktion bald durchschaubar.

 

Doch ganz so einfach, wie das Drehbuch es gerne hätte, liest sich die Lebensgeschichte der Paula Modersohn-Becker nicht. Die Reise nach Paris soll sich im Film als mutige, kühne Emanzipation und sinnenfrohe Rebellion darstellen. Sie entpuppt sich aber in Wahrheit irgendwann auch als Sackgasse. Paula bleibt von ihrem Ehemann OTTO (Albrecht Schuch) nicht nur finanziell, sondern offenbar auch emotional abhängig, und ihre Rückkehr nach Worpswede ist eher eine Niederlage denn ein Sieg.

 

Denn laut Drehbuch trennt sich Paula von ihrem Mann nicht etwa deshalb, weil sie sich künstlerische und moralisch weiterentwickeln will. Sie läuft auch nicht – ganz emanzipierte Frau - vor der ungeliebten Mutterrolle davon. Im Gegenteil. Sie leidet vielmehr darunter, selbst kein Kind zu bekommen. Aber geht sie nun wirklich nach Paris, um schwanger zu werden!? Oder nicht doch eher, um sich als Künstlerin weiter zu entwickeln?! Hier wird das Drehbuch widersprüchlich. Auch dass Carlas Frustration der willentlichen sexuellen Abstinenz ihres Mannes Otto geschuldet sein soll, ist schwer zu verstehen.

 

Letztlich wird Otto dann irgendwann zur spannenderen, weil aktiveren Figur. Sein Dilemma ist – innerhalb der gewählten erzählerischen Grenzen - das eigentlich relevante. Wird es ihm gelingen, gegen alle Widerstände zu seiner Frau zu stehen?! Schafft er es, Paula zur Rückkehr zu bewegen?! Und wenn ja – wie wird er seine Angst vor dem Geschlechtsverkehr bzw. der möglichen Schwangerschaft zu bezwingen!?

 

Diese Fragen drängen sich immer mehr in den Vordergrund, werden aber nur en passant beantwortet. Und unter diesen sehr privaten Ereignissen geht Paulas kühne Entdeckung neuer ästhetischer Welten unter.

 

Insofern läuft „Paula“ Gefahr, sich in unterschiedlichen Interessen zu verheddern. Ein künstlerisch interessiertes Zielpublikum dürfte mit ambivalenten, durchaus auch abgründigen Verhältnissen durchaus zurecht kommen und an der ästhetischen Entwicklung einer großen Künstlerin Interesse finden. Der Film aber versucht, die Lebensgeschichte  einerseits auf eine sehr private Heldengeschichte zu vereinfachen; und andererseits entpuppt sich in der  Liebesgeschichte der Ehemann als die eigentlich aktivere Figur.

 

Vor diesem durchwachsenen Hintergrund ist es gut möglich, dass „Paula“ im Kino keine allzu nachhaltigen Spuren hinterlassen wird. Das Genre „Künstlerbiografie“ hat z.B. im Fall von „Amadeus“ grandiose Erfolge gefeiert. Dergleichen ist in diesem Fall kaum zu erwarten.

 

München, 20.12.2016

 

Roland Zag

 

 

 

Julieta

Quelle: Pandora