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Filmbesprechung

AN DIESER STELLE ERSCHEINEN IN ZUKUNFT IN UNREGELMÄSSIGEM ABSTAND AUSGEWÄHLTE TEXTE ZUM VERHÄLTNIS VON PHILOSOPHIE UND FILM. DEN BEGINN MACHT DIE UNGARISCHE PHILOSOPHIN KATALIN BALOG (RUTGERS UNIVERSITY) MIT IHREM BEITRAG ZUR GEDANKENWELT VON SÖREN KIERKEGAARD, DARGESTELLT ANHAND DES OSCAR-PREISTRÄGERS "SON OF SAUL".


Innerlichkeit sichtbar gemacht: Kierkegaard, der Holocaust und der Film "Son of Saul" von László Nemes

Ein Text von Katalin Balog

I.

Kunst ist oft Gegenstand der Philosophie. Anstelle eines Vortrags oder geschriebener Worte kann aber auch manchmal ein Kunstwerk die Rolle der Philosophie übernehmen. Der FilmSon of Saulist ein solches Werk. Er spielt in Auschwitz-Birkenau während des Holocaust und setzt sich mit tiefgehenden Problemen auseinander, die schon den dänischen Philosophen Soren Kierkegaard  im 19ten Jahrhundert beschäftigten.

Der Film des Ungarn László Nemes, der das Drehbuch schrieb und Regie führte, gewann bereits Preise in Cannes, bei den Golden Globes und anderswo,ehe er 2016 mit dem Oskar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde. Er beschreibt einen Tag im Leben von Saul, einem Mitglied des Sonderkommandos Auschwitz-Birkenau, einer Gruppe hauptsächlich jüdischer Gefangener, die dazu gezwungen werden, bei der Ermordung ihrer Mitgefangenen mitzuwirken. Sie helfen dabei, Menschen in die Gaskammern zu führen, beim Reinigen, beim Einsammeln von Wertgegenständen und beim Verbrennen der Leichen. Indem der Film von Minute zu Minute unerbittlich dem nachgeht, was Saul erlebt, lässt der Film den Zuschauer an diesen Ereignissen teilhaben.

In langen, ungeschnittenen Plansequenzen wird die Realität des Vernichtungslagers greif- und  spürbar vor Augen geführt. Den ganzen Film über lässt uns Nemes durch Verwendung von Nahaufnahmen und  flach fokussierten Bildern Sauls Perspektive nicht entkommen. Es ist, als folgten wir ihm auf Schritt und Tritt durch die Hölle. Indem er uns derart eintauchen lässt, versetzt uns Nemes direkt an die Seite von Saul. Dies ist, so scheint es, nicht nur eine ästhetische Entscheidung - es ist auch ein moralischer Imperativ. Indem er diese umfassende und tiefgreifende Beteiligung hervorruft, verkörpert der Film einen Respekt vor den einzigartigen Schrecken des Holocaust, welcher kommerzielleren Bearbeitungen des Themas fehlt. Der Film ist eine durch und durch persönliche,subjektiveDarstellung des Holocaust.

Das zentrale Thema des Films ist Sauls innere Welt, der Verlust und die Wiedererlangung seiner Seele. Szene für Szene sehen wir Sauls unbewegtes Gesicht; verfolgen in seinen Augen, wie er das betrachtet, was geschieht und doch weit weg ist. Man bekommt ein Gefühl für seine - und unsere eigene - abstoßende Gleichgültigkeit. Doch dann wird er Zeuge des Schicksals eines kleinen Jungen, der für einen Augenblick das Gas überlebt, nur um wenige Minuten später von einem KZ-Arzt (möglicherweise Josef Mengele) ermordet zu werden. Ab diesem Moment ist Saul von dem Gedanken besessen, dem Jungen ein angemessenes jüdisches Begräbnis zu verschaffen. Er behauptet, der Junge sei sein Sohn. Wir wissen nichts über Sauls Vergangenheit, wir erfahren nicht einmal, ob er tatsächlich einen Sohn hatte. Aber das ist nebensächlich. Worauf es ankommt - für ihn und für uns - ist allein, dass er wieder fähig ist zu fühlen.

II.

Ein großer Teil der Philosophie Kierkegaards ist als Warnung zu verstehen, als eine Warnung vor der sich seit dem Beginn der Moderne verstärkenden Tendenz, eine zunehmend objektive, abstrakte Weltperspektive einzunehmen. Das Musterbeispiel für diesen Ansatz ist die Wissenschaft, deren Siegeszug Kierkegaard bedauerte. Wirklich problematisch ist es aber, wenn man gegenüber seinem eigenen Leben und seiner eigenen Existenz eine wissenschaftliche Perspektive einnimmt. Laut Kierkegaard ist es ein verbreiteter und gefährlicher Fehler, das Leben mit Abstraktionen zu verwechseln.

Im Allgemeinen gibt es zwei grundlegend verschiedene Versuche, die Welt zu begreifen: Einerseits das von subjektiver Erfahrung und individuellen Standpunkten abstrahierende Streben nach Objektivität; und auf der anderen Seite die Orientierung gerade hin zum Subjektiven, ein Lenken der Aufmerksamkeit auf unser tägliches Spüren, Fühlen, Denken und Bewerten, also auf unser  inneres Erleben.

Der spektakuläre Erfolg der Wissenschaft der letzten drei Jahrhunderte hat Hoffnungen auf einen wissenschaftlichen Weg zu einem besseren Leben wachgerufen. Die Ergebnisse der Psychologie und der Neurowissenschaften sind in den Medien zu einer Hauptquelle  für Ratschläge zur  Lebensführung geworden. In der Philosophie herrscht schon seit langem eine Skepsis gegenüber dieser Art,  das Problem des guten Lebens wissenschaftlich zu behandeln. Im 18. Jahrhundert wies etwa der schottische Philosoph David Hume darauf hin, dass eine beliebige Anzahl von Tatsachen weder moralische noch andere Werte festlegen kann. Was seinsoll,kann nicht aus dem hergeleitet werden, wasist.

Doch gibt es ein noch radikaleres Bedenken, das in der westlichen Philosophie am eindrucksvollsten von Kierkegaard und in der Literatur von Dostojewski vertreten wurde. Es besagt, dass unsere Erfahrung von Leben in unaussprechlicher Weise bedeutsam ist, was von keinem objektiven Verständnis der Welt erfasst werden kann. In einem berühmten Brief an den Verleger Ludwig von Ficker schreibt Wittgenstein, dass der eigentlich wichtige Teil seinesTractatus,  nämlich der ethische, in diesem zwar nicht niedergeschrieben, aber doch ausgedrückt sei. Man könnte sich ein hyperintelligentes, reines Gedankenwesen vorstellen, das kein Erleben oder Fühlen kennt und in wissenschaftlicher Begrifflichkeit alles über das menschliche Gehirn oder sogar über die gesamte Welt weiss. Ein solches Wesen hätte dennoch keine Ahnung von all dem, was aus menschlicher Sicht bedeutsam ist.

Was aus menschlicher Sicht bedeutsam ist, beruht nach dieser Überlegung auf subjektivem Erleben; menschliche Wesen können nicht gedeihen, ohne sich ernstlich auf die subjektive Erfahrung ihres Lebens einzulassen. Ein überwiegend objektives und begriffliches Verhältnis zu sich selbst schadet dem Wohlergehen. Der religiös inspirierte Kierkegaard drückte es folgendermassen aus: "[D]ie Wissenschaft lehrt den Weg, objektiv zu werden, während das Christentum lehrt, dass der Weg darin besteht, subjektiv zu werden, d. h. in Wahrheit ein Subjekt zu werden."

Die Wissenschaft ist unser bestes Werkzeug, um uns der Realität in objektiver Weise anzunähern. Vom Standpunkt der Subjektivität aus ist aber nicht die Wissenschaft als solche das Problem. Vielmehr ist es das Objektivieren in all seinen Formen. Man kann zum Beispiel eine Entscheidung in objektiver Weise betrachten. So mag man etwa eine Karriereentscheidung treffen, indem man zwei mögliche Arbeitsplätze in Bezug auf Arbeitspensum, Ansehen und Bezahlung vergleicht. Dieser Entscheidungsstil wird uns heute oft nahegelegt. Alternativ könnte man aber auch überlegen, wie man es wohlerlebenwürde, an dem einen oder anderen Arbeitsplatz tätig zu sein. In diesem Fall müsste man die Geduld aufbringen, sich die Möglichkeiten so lange im Erleben zu vergegenwärtigen, bis die eigenen Gefühle bezüglich der Alternativen klar zu Tage treten. In anderen Worten: man kann in subjektiver Weise abwägen.

Diese Gegenüberstellung ist natürlich ziemlich grob. In den seltensten Fällen erwägen wir Alternativen rein subjektiv oder rein objektiv. Und es gibt sozusagen eingebaute Grenzen der subjektiven Entscheidungsfindung. So gelingt es uns eventuell nicht, uns vorzustellen, wie wir die Situation erleben würden, die sich aus einer lebensverändernden Entscheidung ergäbe. Die Kierkegaardsche Grundthese ist, dass es in der Gesellschaft seit langem ein vermehrtes Streben zu größerer Objektivität gibt. Die Menschen lassen sich nicht mehr so leicht auf ihre Subjektivität ein, auf das was - manchmal spottend - Innerlichkeit genannt wird. Bei modernen Menschen gibt es eine geringere Bereitschaft, sich voll auf ihr Leben einzulassen und gänzlich in ihm präsent zu sein. Die Tendenz geht eher dahin, sich von aussen zu betrachten und sich selbst unter Verwendung kulturell vorgegebener Begriffe als Linke oder Rechte, Männer oder Frauen, Reiche, Arbeiter, Konsumenten usw. zu verstehen. Das Problem ist, das wir uns dadurch von den Ursprüngen von Sinn und Werten abschneiden.

III.

Auch wenn man Kierkegaards unbeirrbarer, feindseliger Ablehnung objektiven Denkens nicht zustimmt, kann man ernstnehmen, was er über die Kultivierung der Subjektivität zu sagen hat.  Dort liegen seine wichtigsten Einsichten. Was meint er mit seiner Ermahnung subjektiv zuwerden? Zunächst erscheint die Idee, dass wir mehr oder weniger subjektivwerdenkönnen, problematisch. Es scheint doch gar nicht möglich,nichtsubjektiv zu sein. Man kann dem Erleben nicht entrinnen;  mit anderen Worten: man kann nicht vermeiden, ein Subjekt zu sein. Laut Kierkegaard kann aber der Geist seiner eigenen Subjektivität entfliehen. Statt in der Gegenwart des eigenen Erlebens zu verweilen, kann man in einen Zustand der Entfremdung fliehen, nachdenken über eigene Bedürfnisse, Ziele, und das Glück in rein theoretischer Weise und danach streben, sein Leben nach abstrakten und objektiven Maßstäben zu gestalten. Es gibt, wie von Freud beschrieben, viele Möglichkeiten, dies zu tun: Man kann sich von seinen eigenen Erlebnissen abwenden und abgrenzen, sie verdrängen oder sie betäuben.

Besonders oft kehren wir unserer Subjektivität den Rücken, um Schmerzhaftem zu entkommen. Man hofft, dass eigenes Leid und das Leid anderer erträglicher wird, wenn man einen Schritt zurücktritt und es objektiver, also begrifflich und abstrakt betrachtet. Und wenn es um etwas so Monumentales geht wie den Holocaust, wird man unweigerlich von dessen schierer Dimension betäubt. Wie könnte man all dieses Leid nachfühlen, mit Millionen von Menschen mitleiden? Stattdessen bleiben einem nur die "Fakten", die Zahlen und Statistiken.

InSon of Saulsfilmischer Verarbeitung dieses überwältigenden Themas ist der Widerhall der  Aufforderung Kierkegaards zur Subjektivität wahrnehmbar. Es wird dem Publikum kein Raum gelassen, sich von Sauls Realität zu distanzieren und sie abstrakt als Beispiel von Leid, Unschuld oder Tugend zu betrachten. Der Film ist keine allgemeine Darstellung des Holocaust, die dazu ermutigen könnte, sich in historischer Betrachtung zu verlieren. Stattdessen ermöglicht er dem Zuschauer, all die Beschaffenheiten zuspüren,die Geräusche und Anblicke zuerleben, welche individuelle Erfahrung ausmachen. In dem er konsequent dieser Ausdrucksweise treu bleibt, vermitteltSon of SaulWissen. Er stellt dar, was viele Kritiker für nicht darstellbar hielten.

Der Film erreicht dies, indem er den Betrachter nicht aussteigen lässt, sondern eine Beteiligung an der Erfahrung des Holocaust verlangt, soweit sie in der Vorstellung überhaupt möglich ist. Kierkegaard drückt es in "Entweder - Oder" so aus: "[D]enn man kann eine Sache zu vielen Malen erkannt, sie anerkannt haben, [...] und dennoch: erst die tiefe innere Bewegtheit, erst des Herzens unbeschreibliche Rührung, erst sie macht dich gewiss, dass das, was du erkannt hast, dein eigen ist [...]; denn allein die Wahrheit, die dich da erbaut, ist für dich Wahrheit."

Nemes hat nicht nur visuell einen subjektiven Ansatz sondern macht die Subjektivität auch zum Thema des Films. Er zeigt den Verlust von Subjektivität, im Kleinen und im Großen, sowohl auf der Ebene der Gesellschaft als auch auf der des Individuums. Diese doppelte Auseinandersetzung mit Subjektivität ist es, die den Film so stark macht.

Das Vernichtungslager ist der absurde Endpunkt technologischen Denkens und der Versachlichung menschlicher Wesen. Auf der ganzen Welt erkennen totalitäre Regierungen die Wirkung und Macht der Subjektivität. Deshalb versuchen sie mit Verbissenheit, sie zu zerstören. Im Film werden die ermordeten Juden von der deutschen Lagerleitung als "Stücke" bezeichnet. Den Opfern wird ihr Status als Subjekt verweigert - sie sind nur Objekte, die bearbeitet werden müssen. In dieser Welt mechanisierter Objektivität wird die industrialisierte Brutalität des Nationalsozialismus als vollkommen normal angesehen. Jeder Einzelne, der sich nicht dessen Konstrukt angemessenen Verhaltens unterwirft, kann sich nur auf sein eigenes Gewissen verlassen. Imre Kertész, Gewinner des Literaturnobelpreises für seinen autobiographischen Roman über einen ungarischen Jungen, der nach Auschwitz deportiert wird, brachte dies in seiner Dankesrede auf den Punkt, als er ein Schlüsselerlebnis schilderte, das sein Schreiben des Romans mitauslöste:"[Der Augenblick] kündete von Einsamkeit, einem schwierigeren Leben, [...] dem Heraustreten aus dem berauschenden Marsch, aus der Geschichte, die uns Persönlichkeit und Schicksal raubt."

Auf einer tieferen Ebene ist das Hauptthema des Films die Subjektivität des Protagonisten. Durch seine Begegnung mit dem Jungen gewinnt Saul seine Seele zurück. In dem Moment, in dem er den Mord an dem Jungen beobachtet, wird er - in Kierkegaards Worten ausgedrückt - zu einem "Ritter des Glaubens", zu jemandem, der sich selbst gegenüber eine Verpflichtung eingegangen ist und diese mit unbeirrbarer Überzeugung leidenschaftlich verfolgt, selbst wenn es beinahe unmöglich erscheint, ihr nachzukommen. Erst durch seinen Einsatz für diesen Einzelnen, den toten Jungen, ist Saul endlich in der Lage, den Tod und die Zerstörung, die ihn umgibt, bewusst zu erfahren. Ähnlich ergeht es dem Zuschauer, der durch den Bezug zu dem einen, dem Tode nahen Protagonisten, dazu bewegt wird, den Holocaust als real zu erleben. Wer den Film gesehen hat, wird sich wie wahnhaft    daran erinnern, selbst dort gewesen zu sein. Dazu sind wir, das legt der Film nahe, durch den Holocaust verpflichtet. Dies ist ein düsteres Gegenstück zur traditionellen Verpflichtung für Juden, jedes Jahr zum Passahfest die Erfahrung der Befreiung aus der Sklaverei nachzuerleben.

Der Film beschreibt Sauls grundlegende Verwandlung und zieht zugleich durch seinen Stil und seine Art der Darstellung die Subjektivität des Zuschauers in seinen Bann. Er schafft es, das, was er zum Thema hat, selbst zuverkörpern.Kierkegaard nannte eine solche Kommunikationsweise "doppelte Reflexion" und hielt sie für die einzige für einen subjektiven Denker angemessene. Nur so könne die Authentizität einer Mitteilung gewahrt werden.Son of Saulist gleichzeitig Kunst und Philosophie: er macht Innerlichkeit sichtbar. Durch seine Darstellung von Tod und Leiden erinnert er uns daran, wie man leben soll.

Übersetzung: Korbinian Nida-Rümelin

 

 


 

Julieta

Quelle: Pandora