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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, welche im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag Freiburg) ausführlich behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten! 

 

 

ROADS 

B: Sebastian Schipper, Oliver Ziegenbalg R: Sebastian Schipper 

 

 

Erzählabsicht

 

In einer Welt unübersehbarer Konflikte und zerrütteter Familien muss wenigstens noch eines Bestand haben: Freundschaft. 

 

WILLIAM und GYLLEN treffen sich zufällig in Marokko. William ist dem Engländer bei seinem unbeholfenen Versuch, seiner Familie zu entkommen, behilflich. Gemeinsam gelangen sie zuerst nach Spanien, dann – über die Pyrenäen, wo sie einem großen Trupp von Flüchtlingen helfen - nach Frankreich. Gyllens Hoffnungen auf die Hilfe seines leiblichen Vaters zerschlagen sich, Williams Suche nach dem Bruder verläuft enttäuschend, und eine gemeinsame Zukunft haben beide nicht. Aber das Erlebnis des gemeinsamen Zusammenhalts hat sie beide für immer verändert. 

 

Zugehörigkeiten

 

Gyllens Familie, die wir nur indirekt kennenlernen, ist zerrüttet. Zentrum der Krise ist der Tod seines jüngeren Bruders. Das Andenken an diesen verstorbenen jungen Optimisten überwölbt den Film bis in die letzte Szene und sorgt für emotionale Tiefe. Alle anderen sozialen Beziehungen Gyllens sind dagegen dysfunktional. Umso entscheidender, dass sein destruktiver Impuls, auch die Freundschaft zu William zu zerstören, in einem finalen Klimax doch besiegt wird. 

 

Von William, der aus dem Kongo stammt, erfahren wir erst recht nur Andeutungen. Immerhin bedeutet ihm der familiäre Zusammenhalt so viel, dass er alles auf sich nimmt, um seinen Bruder aus Frankreich zurückzuholen. Alle anderen Beziehungen ordnen sich dem Zusammenwachsen der beiden Protagonisten unter. Alles steht unter diesem Stern. 

 

Wertekonflikt(e)

 

Der Film bewegt sich durch eine weltpolitisch schwer aufgeheizte Region. Die Flüchtlingsproblematik ist allgegenwärtig. Allerdings werden über politische Fragen fast keine Worte verloren. So etwas wie Vorbehalt gegen Fremde ist bei Gyllen oder William nie erkennbar. Vorurteile haben die beiden nie – was die Reibungsenergie ein wenig mindert. 

 

Der eigentliche Wertekonflikt liegt tiefer. Gyllen ist Teil einer desorientierten europäischen Spaßgesellschaft, die von den Problemen, mit denen die Welt zu kämpfen hat, kaum etwas ahnt: Gyllen will einfach nur wild und abgefahren sein. Allmählich dämmert ihm, dass es auch Wichtigeres gibt. Durch Williams Schicksal wird ihm bewusst, dass es auch Sinn machen kann, sich für andere einzusetzen. Am Schluss des Films wird Gyllen in der Flüchtlingsarbeit tätig – was ihm zu Beginn noch völlig fremd gewesen wäre. 

 

Regelwerk

 

Der Film bewegt sich durch einen Dschungel rigider Auflagen, Gesetze und Verbote. Diese scheinen die Fahrt allerdings wenig zu beeinträchtigen. Obwohl der Grenzübergang zwischen Marokko und Spanien scharf bewacht wird, fällt es William und Gyllen leicht, alle Regeln zu brechen. Auch der Übertritt von Spanien nach Frankreich mit einem Bus voller Flüchtlinge ist angeblich kein Problem. Das muss man glauben – oder auch nicht. Auch Der Wechsel zwischen hartem Sozialrealismus, der einem nichts schenkt, und leicht märchenhaften Kino-Konventionen macht es mitunter nicht leicht, dem Geschehen zu folgen. 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Die Einteilung ist einfach: Nach dem Kennenlernen markiert der Grenzübertritt die Schwelle zum konfliktträchtigen zweiten Akt. Die Einsicht, dass die beiden sich werden trennen müssen, bildet den Übergang zum letzten Akt. 

 

Doch hinter dieser äußeren Geschichte steckt eine innere. Der Film steuert auf einen Klimax zu, der so nicht zu erwarten war: Der heftige Kampf zwischen William und Gyllen  sieht fast wie ein Totschlag aus. Tatsächlich aber in dieser erstaunlichen Szene Gyllens Skepsis, sein Selbsthass und seine Wut buchstäblich niedergerungen. Zuvor war er nicht fähig, seine Gefühle zuzulassen.  Nun aber verleiht ihm die Freundschaft eine innere Ruhe, er ist dorthin vorgedrungen, wo der echte Taoist, von dem irgendwann die Rede ist, das eigentlich Wesentliche erkennt. Was zunächst aussieht wie ein Mord, ist in Wahrheit das Bild für die Überwindung innerer Widerstände. Es ist dieser Perspektivwechsel, der am nachhaltigsten im Gedächtnis bleibt und die Erzählabsicht des Films zum Ausdruck bringt.

 

Gesamtbild

 

„Roads“ ist ein ernster Kommentar zu gegenwärtigen politischen Lage. Auch wenn der Film die tatsächlichen politischen Zusammenhänge kaum eines Blickes würdigt, erfährt man doch viel über die Paradoxie der europäischen Verhältnisse. Im Mittelpunkt steht allerdings allein die zwischenmenschliche Sicht: Echte Gefühle wie Freundschaft zwischen Menschen unterschiedlichster Kulturen und Hintergründe müssen doch immer noch möglich sein. Die Humanität, die in dieser Botschaft zum Ausdruck kommt, dürfte trotz einiger Abschweifungen und Auslassungen ein interessiertes und politisch waches, wenn auch nicht allzu großes Publikum anziehen und überzeugen. 

 

München, 1.6.2019

Roland Zag

Quelle: Studiocanal Filmverleih