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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder) behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten.

 

 

Roma

 

B+R: Alfonso Cuaròn

 

Erzählabsicht

 

Erzählt wird eine soziale Transformation. Aus einer zunächst sozial eher getrennten Situation entsteht unter großem äußerem Druck eine innige Verschmelzung. Obwohl der Film konsequent der Haushaltshilfe CLEO (Yalitza Aparicio) folgt, interessiert sich die Story weniger für deren individuelle Entwicklung, als für die Konstellation dahinter.

 

Erzählt werden zunächst zwei sozial schroff getrennte Schichten. Auf der einen Seite der Mittelstand im Mexico City des Jahres 1970, auf der anderen die indigenen Einwohner, die mehr oder weniger mittellos und ausgebeutet wirken. Doch beiden Seiten widerfährt das Gleiche: Die Männer machen sich aus dem Staub bzw. werfen sich einem brutalen Militär an den Hals. Die Verlierer sind nicht die Vertreter einer bestimmten Schicht, sondern Frauen und Kinder.

 

Scheint also der Antagonismus zunächst scheinbar zwischen Arm und Reich, liegt er am Ende zwischen den Geschlechtern. So kommt es zu einer Konstellation, in der die eigentlich rechtlose Hausangestellte zum Bestandteil der sozial viel höher gestellten Familie wird. In der Not muss man zusammenhalten.

 

Zugehörigkeiten

 

Überall stehen Familien im Vordergrund: als Notgemeinschaft von Verlassenen. Nicht nur die Mittelstandsfamilie wird sehr vernetzt erzählt, sondern auch die Welt, aus der Cleo stammt. Selbst wenn man deren Herkunft nicht sieht, wird doch das Schamgefühl der verlassenen Schwangeren stark spürbar.

 

Prekär sind allerdings die Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Loyalität ist hier nicht zu erwarten.

 

Umso intensiver ist die Nähe zwischen Cleo und ‚ihrer’ Familie. Dies geht so weit, dass Cleo zugibt, ihr eigenes leibliches Kind nicht gewollt zu haben. Die Verschmelzung und Identifikation mit der Familie der Arbeitgeber ist zu groß, ebenso wie der Abscheu vor dem Kindsvater, der sich spektakulär als Mörder erweist.  

 

Wertekonflikt(e)

 

Die Konflikte des Films werden zunächst überaus subtil, oft kaum wahrnehmbar angedeutet, ehe sie sich abrupt in voller Wucht zeigen. Das gilt für die privaten Katastrophen (die Hausfrau wird verlassen, Cleo wird schwanger) wie vor allem für die großen sozialen Umwälzungen. Den unbestreitbaren Höhepunkt bilden Sequenzen, die das blutige Aufeinandertreffen einer Studentenrevolte mit bewaffneten Milizionären schildern. Erst jetzt, nach etwa zwei Dritteln des Films, wird uns bewusst, welche gesellschaftlichen Spannungen hier ausgetragen werden. Sie hatten sich zuvor zwar angedeutet, aber der Ausbruch der Gewalt kommt beiläufig. Dafür umso überraschender.

 

Regelwerk

 

Der Film verbringt viel Zeit damit, sorgfältig zu erklären, was Dienstboten zu erledigen haben. Cleo hat die Regeln, nach denen sie zu funktionieren hat, so verinnerlicht, dass sie nie daran denkt, sie zu überschreiten. Wir aber schauen ihr dabei lange Zeit geduldig zu.

 

Dass in diesem Land auch politisch viel im Argen liegt, vermittelt sich lange Zeit  lediglich in Andeutungen. Dass aber die herrschende Klasse nicht bereit ist, auch nur den kleinsten Regelverstoß von Seiten Andersdenkender hinzunehmen, wird später schlagartig und drastisch deutlich.

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Das Auffälligste an „Roma“ ist die Ökonomie der erzählerischen Mittel. Während der Film lange Zeit sehr leise und subtil bleibt, steigert sich die Intensität unmerklich und kaum wahrnehmbar zu einer Phase größter Erregung. Nicht nur der Zusammenstoß zwischen Studenten und Miliz schildert eine gewaltige existenzielle Notsituation (zumal hier Cleo dem Vater ihres Kindes wiederbegegnet), sondern auch die daran anschließende Not-Entbindung im Krankenhaus. Von diesem energetischen Hochplateau aus nimmt die Intensität wieder langsam ab, ehe der Film wieder genau in der langsamen und genauen Schilderung häuslichen Friedens angekommen ist, von dem aus er gestartet war. Nur dass jetzt die Situation eine ganz andere ist.

 

Gewandelt haben sich also nicht die Figuren, sondern die sozialen Zusammenhänge. Dies vollzieht sich in einem überaus geschmeidigen dramaturgischen Rahmen, der die ‚Plot-Points’ zwar setzt, aber so konsequent verwischt, dass sie sich erst im Nachhinein als Perspektivwechsel erweisen.

 

Gesamtbild

 

„Roma“ hinterlässt ein Bild größter Geschlossenheit. Auch wenn die Perspektive der Haushälterin zunächst eng begrenzt wirken mag, weitet sich der Blick doch mit der Zeit auf ein großes soziales Panorama. Von dort aus entwickelt sich das Geschehen wieder zurück.

 

Die suggestive Ruhe, in der sich das vollzieht, verleiht dem Film seine Eigenart. Die Qualitäten der Fotografie, der langsamen Kamerafahrten und suggestiven Szenenbilder erschaffen eine einzigartige Atmosphäre.

 

Zu dieser kommt die zwischenmenschlich enorm aufgeladene Dichte von unbedingter Loyalität. Trotz all der krassen Ungerechtigkeiten, die überall aufscheinen, bleibt doch ein humaner Grundton zurück. Insofern wird der Film, der äußerlich zunächst kaum attraktive Faktoren aufzuweisen vermag (keine Stars, Schwarz/Weiss, keine Musik) doch unbedingt sein Publikum finden. „Roma“ sind gute Oscar-Chancen einzuräumen. Wie sich allerdings die neuartige und restriktive Vermarktung durch Netflix auswirken wird, bleibt abzuwarten.

 

München, 15.12.2018

 

Roland Zag

 

 

 

 

Quelle: Netflix