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Filmbesprechung

RÜCKKEHR NACH MONTAUK

 

Buch: Colm Toíbin, Volker Schlöndorff; Regie: Volker Schlöndorff

 

Wenn schon mit den ersten Worten klar wird, worum es geht, ist das fürs filmische Erzählen eine ideale Steilvorlage. MAX (Stellan Skarsgaard) formuliert unmittelbar zu Beginn direkt in die Kamera das Thema: ihn beschäftigt die Reue. Es gibt im Leben unbereinigte Fehler. Manche davon sind nicht wieder gut zu machen. Andere lassen sich noch korrigieren. Der Zuschauer kann ihm da gut folgen. Jeder kennt den Schmerz über unwiderruflich Versäumtes. Insofern warten wir im weiteren Verlauf auf die Einlösung der dramaturgischen Frage: was genau bereut Max? Und wird es möglich sein, etwas Versäumtes nachzuholen?

 

Wir ahnen recht bald, wo der neuralgische Punkt liegt. Obwohl Max mit CLARA (Susanne Wolff) eine Beziehung pflegt, ist er in New York doch ganz und gar von REBECCA (Nina Hoss) eingenommen. Mit ihr war er vor vielen Jahren liiert. Warum also, fragt sich der Zuschauer, hat sich das Paar damals getrennt? Führt ein Weg zurück? Was am Leben mit Rebecca war um so viel erfüllender als an dem mit Clara?

 

Vielleicht gibt es ja einen Weg zurück. Allerdings würde er damit die Beziehung zu Clara preisgeben. Ist Max bereit, diesen Preis zu zahlen? Darin liegt ein spannendes Dilemma – vorausgesetzt, man ist bereit, einer Erzählung zu folgen, die ganz wesentlich vom retrospektiven Blick aufs Vergangene lebt. Große äußere Erregung ist nicht zu erwarten. „Rückkehr nach Montauk“ funktioniert daher wie ein Kartenspiel, das, je länger die Partie dauert, umso stärkere Trümpfe im Ärmel der Autoren erwarten lässt: wo äußerlich so wenig Bewegung ist, muss innerlich umso Intensiveres erwartet werden.

 

Als Rebecca Max auf einen kurzen Trip nach Montauk einlädt (allzu schwer macht es ihm die anfangs noch so zickige Anwältin nicht, ihr näher zu kommen...), dürfen wir Zuschauer endlich hoffen, näher an die neuralgischen Punkte zu kommen. Irgend etwas Wichtiges, Intensives muss sich einst abgespielt haben, um zugleich die Heftigkeit der Gegenwart als auch die latente Verletztheit der Vergangenheit zu rechtfertigen. Bestimmt, denkt man sich, wird das wichtige Thema gleich angesprochen.

 

Diese Erwartung wird allerdings lange nicht erfüllt. Die Auseinandersetzung bleibt lange Zeit vage und unverbindlich. Und dass die beiden erst mal zusammen Sex haben, macht es für den Zuschauer nicht leichter. Die Leichtfertigkeit, mit der Max die Beziehung zu Clara aus den Augen verliert, bringt ihn uns nicht näher. Rebeccas Bereitwilligkeit, sich mit ihm wieder einzulassen, ist emotional nicht recht verständlich. Wie es überhaupt wenig Signale gibt, die dem Zuschauer helfen, auf die Hauptfigur empathisch zu reagieren. Max ist ein leeres Blatt, ein blinder Fleck.

 

Irgendwann jedoch – rund zwei Drittel des Films sind bereits verstrichen – hebt Rebecca zu einem großen, langen und ergreifenden Monolog an. Sie berichtet von der großen Liebe zu einem Mann, den sie nach der Trennung von Max kennen gelernt und tragisch verloren hat. Diese Szene ist zweifellos intensiv erzählt und großartig gespielt.

 

Aber bringt sie uns Zuschauer der Frage nach der Reue, den verpassten Gelegenheiten näher?! Nicht  wirklich. Eigentlich hat Rebeccas Beichte nichts mit Max zu tun. Bestenfalls könnte ihm angesichts ihrer leidenschaftlichen Intensität zu Bewusstsein kommen, dass er niemals so intensive Gefühle für andere Menschen hatte. Aber ist das der Fall? Wirkliches Commitment legt Max nie an den Tag. Wir erfahren zwar, dass er schon immer Vater eines Kindes war, von dem Rebecca nichts wusste. Hier könnte das Motiv der ‚Reue’, des unwiederbringlich Verlorenen durchaus mitschwingen. Aber thematisiert wird das nie. Und auch Rebecca scheint damit leben zu können, von ihrem Ex-Geliebten betrogen worden zu sein. Eigentlich bleibt der Konflikt diffus.

 

So muss der Zuschauer auf den dritten Akt warten, ehe die Erwartungen, die ganz zu Beginn geweckt wurden, sich doch noch einlösen. Jetzt erst, zum ersten mal im ganzen Film, scheint Max so etwas wie Interesse an anderen Menschen zu finden. Claras Offenbarung, wie schlimm sich ihr Leben in New York anfühlt, nimmt dann tatsächlich Bezug auf die anfängliche Fragestellung. Max scheint zu begreifen, dass er mit seiner Leichtfertigkeit nicht nur Rebecca, sondern auch seine gegenwärtige Lebensgefährtin verloren hat.

 

Bereut er das?! Macht es ihm etwas aus?! Man wird es nicht erfahren. Zwar hat sich hier, auf den letzten Metern des Films, dann doch eine Verbindung zwischen Publikumswunsch und Dramaturgie hergestellt. Max wird einen hohen Preis zahlen müssen. Er hat sich nie wirklich für andere interessiert. Wir Zuschauer haben das schon längst verstanden. Aber immerhin könnte es am Ende auch ihm – ein Stück weit vielleicht - bewusst geworden sein. Und insofern erscheint es ‚gerecht’, wenn er am Ende etwas verliert. Gleichzeitig war seine innere Beteiligung am Geschehen um ihn herum nie sehr hoch.

 

Das ist für einen Film dieser Länge und dieses Gewichts nicht gerade viel. „Rückkehr nach Montauk“ beginnt mit einer sehr präzisen Fragestellung, die ziemlich unpräzise, und auch ziemlich spät beantwortet wird. Man kann das subtil nennen, aber auch das Fehlen klarer thematischer Zuspitzung beklagen. Die 'Selbstgefälligkeit', die dem Film attestiert wurde, nimmt hier ihren Anfang.

 

Für die Publikumsreaktion bedeutet dies, dass ein grundsätzliches Interesse an dem Film von Seiten der bildungsbürgerlichen Seite mit Sicherheit zu erwarten ist; immerhin wirken Namen wie Max Frisch, Volker Schlöndorff und Nina Hoss noch immer attraktiv.

Und wirklich bodenlos enttäuscht dürften die Wenigsten sein. Aber glühender Zuspruch ist ebenso wenig zu erwarten. Das überwiegende Gros der Zuschauer dürfte in einer eher mäßigen starken emotionalen Erregung verbleiben.

 

Entsprechend sind auch Zahlen zu erwarten, die nicht wirklich enttäuschen, aber eben auch keine wirkliche Arthouse-Überraschung erwarten lassen.

 

München, 12.5.2017

 

 

Roland Zag

 

 

 

 

 

Julieta

Quelle: Wild Bunch