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Filmbesprechung

SCHWEINSKOPF AL DENTE

 

Buch: Stefan Betz, Kerstin Schmidbauer, Ed Herzog, nach dem Roman von Rita Falk; Regie: Ed Herzog

 

„Schweinskopf al Dente“ ist ganz deutlich einer Dramaturgie des Nicht-Subtilen verpflichtet. Alles ist äußerlich, alles leicht erkennbar und überzeichnet. Statt Charakteren werden Typen sichtbar. Statt feiner Figurenzeichnung kommen die Pointen überdeutlich.

 

Man könnte, aufgrund dieser Diagnose, sagen, der Film sei eher fürs Fernsehen als fürs Kino geeignet. Dem widersprechen allerdings die auch diesmal wieder sehr guten Zahlen, die der dritte Teil der Reihe im deutschen Kino einfährt. Irgendetwas Spezifisches muss also vorliegen, was „Schweinskopf al Dente“ dann eben doch zum Kino-Ereignis werden lässt.

 

Und da wird man auch fündig. Da findet sich zum einen die sehr klare Bedrohung der Figuren durch den entlaufenen Psychopathen KISTNER (Gregor Blóeb). Diese versetzt das Geschehen beständig unter Strom. Auch wenn sich da Fragen hinsichtlich der Motivation stellen - einerseits  wirkt er schnörkellos brutal, andererseits lässt er sich mit der Annäherung an sein Opfer unglaublich viel Zeit – bleibt doch die antagonistische Kraft beständig spürbar.

 

Dann aber stößt man auch auf einen immanenten Widerspruch in der Beziehungsdynamik, welcher sehr konsequent durchgehalten wird und dem Film seine Eigenheit verleiht. Einerseits behandeln sich die Figuren untereinander ausnahmslos schlecht: schon in der ersten Szene erweist sich EBERHOFER (Sebastian Bezzel) als unsensibler Stoffel, der seine SUSI (Lisa Maria Potthoff) vergrault. Doch auch mit seinem VATER (Eisi Gulp), der OMA (Enzi Fuchs) und überhaupt dem gesamten Umfeld pflegt Eberhofer einen ruppig-lieblosen Umgang. Besonders deutlich wird dies an der Art, wie er mit seinem Ex-Kollegen BIRKENBERGER (Simon Schwarz) Kontakt aufnimmt. Der Umgangston der Figuren ist eigentlich permanent unter der Gürtellinie.

 

Dem steht aber die Tatsache entgegen, dass all diese Beziehungen, dann doch eben BESTEHEN und auch bestehen bleiben. Die Figuren behandeln sich schlecht – sind aber dann doch alle für einander da. Der ‚human factor‘ ist, trotz aller fiesen Details, wo Vater und Sohn schon mal mit der Knarre aufeinander losgehen, am Ende sehr hoch. Die Familie hält zusammen, Susi kehrt zu Eberhofer zurück, und die Nebenfiguren wie Flötzinger, Moratschek, der Wirt usw. bleiben stoisch loyal. Das gilt – vom Bösewicht Kistner abgesehen – für ALLE Personen des Films. Vielleicht wird damit auch jene Mentalität abgebildet, die man üblicherweise den Bayern nachsagt. Und vielleicht sieht sich auch ein Bayerisches Publikum sehr gern genau so dargestellt.

 

Aus diesem offenen Widerspruch schöpft „Schweinskopf al Dente“ seine Qualität, die, wie auch immer man zu dieser Art des Erzählens stehen mag, doch ganz klar und konsequent durchgehalten wird. Und das ist nun ein Vorgehen, welches fürs deutsche ganz untypisch wäre. Zwar herrscht auch in der TV-Sprache das Deutliche, Redundante, Vorhersehbare vor. Aber es wird auch verbal vorwiegend eher freundlich oder (zumeist in Krimis) mindestens sachlich zurückgenommen agiert, kaum je hingegen so offen aggressiv wie hier.  

 

Man lernt aus „Schweinskopf al Dente“ wieder einmal, dass das Kino der Ort ist, der sich durch Konflikte und Widersprüche definiert. Alles ist möglich, wenn es nur KLAR genug und KONSEQUENT genug durchgehalten wird. Das gilt für den subtilen Arthouse Film genauso wie für Arbeiten, die wie „Schweinskopf al Dente“ ganz offen und direkt das große, klar umrissene Zielpublikum suchen.

 

München, 26.8.2016

 

Roland Zag

 

 

 

Julieta

Quelle: Constantin