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Filmbesprechung

 Stolz und Vorurteil & Zombies

Buch: Burr Steers nach Seth Grahame-Smiths Adaptation von Jane Austins Roman „Stolz und Vorurteil“;
Regie: Burr Steers

Einen Film wie diesen kann man sich hierzulande schwer vorstellen: ein weltberühmter Literaturklassiker des jungen Bürgertums wird mit einem Splatter-Genre kontrastiert – zwei stilistische Welten, die (zumindest auf den ersten Blick) dramaturgisch rein gar nichts mit einander  zu tun haben. Und dabei wird dieser popkulturelle Mash-up nicht auf eine grelle Komödie getrimmt, sondern – und darin liegt der Humor und die Besonderheit des Films – höchst ernsthaft und völlig konventionell erzählt.

Bereits Jane Austens Vorlage strotzt vielseitig vor human- factor- Prinzipien. Die fünf Töchter der Bennets verbindet eine große Zugehörigkeit. Nachdem die hübsche Tochter JANE BENNET (Bella Heathcote) an MR. BINGLEY (Douglas Booth) vergeben ist, soll auch die selbstbewusste ELISABETH BENNET (Lily James) verheiratet werden. Sie leidet massiv darunter, einem niedrigeren Stand anzugehören und weniger wert zu sein als FITZWILLIAM DARCEY (Sam Riley). Ihre Treue zu sich selbst, ihr titelgebender Stolz, wird so übermächtig, dass sie sich selbst anmaßend in Vorurteile gegenüber Darcey verwickelt.


Darcey stellt sich in einem Loyalitätskonflikt auf die Seite seines Freundes Binglay gegen die Familie der Frau, die er liebt. Das hat einen starken human factor und nimmt uns für ihn ein. Wird er anfangs noch als snobistische und anmaßende Figur wahrgenommen, ist er derjenige, der im Verlauf der Geschichte lernt, zu Geben. Er tut alles, um Elisabeth zu retten. Der plot point des Filmes ist wie im Roman ihre stolze Ablehnung seines Antrags. Als Elisabeth begreift, dass sie ihm mit ihren Vorurteilen Unrecht getan hat und selber anmaßend war, können die beiden sich ohne Standesdünkel begegnen.


Dieser bekannte Plot wird in einer fiktiven Vergangenheit in ein Kriegsgebiet verlagert, in dem die bessere englische Gesellschaft von marodierenden Zombies belagert wird. Der innere emotionale Kriegsschauplatz wird durch den äußeren Konflikt verdeutlicht. Aber wird er dadurch auch vertieft?

Der Zombie-Film als relativ neues erzählerisches Phänomen beschreibt die geordnete bürgerliche Welt (wie beispielsweise auch in ‚The Walking Dead’) als nicht mehr sicher. Überall lauert der Tod. Die Frage ist, inwieweit die ursprüngliche Geschichte durch die Zombie-Gegenwelt verstärkt oder geschwächt wird. Das gilt es abzuwägen. Zunächst einmal werden in dieser Grundsetzung des Films die fünf Bennet-Töchter aufgewertet: hier handelt es sich um fünf trainierte und selbstbewusst-emanzipierte Frauen, die niemanden und nichts zu fürchten scheinen (womit sie sicher ein größeres Identifikationspotential für ein junges Publikum bieten). Andererseits stellt sich die Frage, ob diese Frauen überhaupt noch Männer brauchen? Eigentlich nicht. Der ökonomische Druck ist in dieser Setzung nicht viel mehr als reine Behauptung. Von daher schwächt die Modernisierung des Stoffes an dieser Stelle eher die Situation.

Im Film agieren Elisabeth und Darcey auch körperlich auf Augenhöhe. Das verdeutlicht ihren Konflikt. Verbindendes Austauschmedium ist ihre stillschweigende Zugehörigkeit zur Kampfkunst. Von Anfang an spüren wir gegenseitigen Respekt, wenn es ums Kämpfen geht. Ihre Liebesszenen werden dadurch physischer und changieren sinnlicher zwischen  Tanz und Kampf. Wer wird den anderen besiegen? Diese Frage wird plakativ und visuell eindrücklich forciert.


Die emotionalen Abgründe eine verzweifelten Liebe werden in diesem Film dagegen eher untergeordnet erzählt. Der Wertekonflikt zwischen Elisabeth und Darcey nimmt fast skurrile Formen an, wenn behauptet wird, dass der adelige englische Stand in Japan mit der Kampfkunst vertraut gemacht wurde, während die einfacheren Bennet-Mädchen im chinesischen Shaolin Kloster für den Kampf gegen die Zombies ausgebildet wurden. Und doch beschreibt er die Kluft zwischen (fast) arm und reich.


Durch die Zombies steht neben der Zugehörigkeit auch die Frage nach sozialer Relevanz deutlich im Raum , denn alle die Figuren tun etwas, um sich und andere vor dem Untergang zu schützen. Dabei wirkt der Antagonist GEORGE WICKHAM (Jack Huston) anfangs sogar wie ein idealistischer Visionär, da er vorgibt, die reuigen Zombies bekehren zu wollen. Somit scheint er weitaus moderner zu sein als der konservative Darcey. Das macht Elisabeths Interesse an ihm glaubhaft und gibt seiner Figur einen interessanten Twist, obgleich dann recht bald klar ist, dass er für die andere Seite arbeitet.


Diese durchaus freche Jane-Austin-Bearbeitung erzählt also eine alte Geschichte völlig neu und wird daher sicherlich am Markt wahrgenommen werden. Doch wird nicht ganz klar, welches Publikum eigentlich angesprochen werden soll. Den Sinnlichkeitssuchern könnte es zu äußerlich bleiben und den literarischen Puristen zu blutig. Dagegen könnte den Splatter-Liebhabern das Pathos der Liebesgeschichte und der geringe trashige Humor aufstoßen. Aber genau in dieser Balance liegt auch die Qualität dieses Filmes.


München, 14.6.2016


Jochen Strodthoff

 

Stolz und Vorurteil & Zombies

Quelle: Lionsgate