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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf fünf erzählerische dramaturgische Grundfragen. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten.

 

SYSTEMSPRENGER

B + R: Nora Fingscheidt

 

Erzählabsicht

 

Kinder ohne feste Bindung können zu Monstern werden. Nichts und niemand kann BENNI (Helena Zengel) die Zugehörigkeit zu ihrer überforderten und mutlosen MUTTER (Lisa Hagmeister) ersetzen. Wie sehr sich einzelne couragierte Erzieher auch einsetzen mögen – ohne stabile Zugehörigkeit bleibt jede Hoffnung auf ‚Lösung’ für dieses Kind in unserem Gesundheitssystem illusorisch. 

 

Zugehörigkeiten

 

Die spezifische Qualität des Films besteht darin, dass er trotz aller Problematik nie nachlässt, Beziehungen zu erzählen. Wäre die Familie zusammen, hätte niemand ein Problem. Doch die Vorstellung, für ihre anstrengende Tochter sorgen zu müssen, geht über die Kräfte der labilen Mutter.

 

Als Alternative kommt allmählich der Anti-Gewalt-Trainer (Albrecht Schuch) ins Spiel – doch auch diesem geht die Intensität und Wucht, mit der Benni Nähe sucht, irgendwann zu weit. Die Jugendamtmitarbeiterin (Gabriela Maria Schmeide) tut alles in ihrer Macht Stehende – und doch ist das nicht genug.

 

In der emotional wohl berührendsten Szene versucht ausgerechnet die rabiate Benny die verzweifelte Jugendamtmitarbeiterin zu trösten. Hier begegnen sich zwei verlorene Seelen, und beide scheinen dasselbe zu betrauern: Die Hilflosigkeit und Schwäche von Bennis Mutter. Vielleicht sogar die Hilfe und Schwäche aller Menschen.  Indem „Systemsprenger“ mehrere solcher warmen und sensiblen Szenen aufweist, ist die emotionale Wirksamkeit garantiert.   

 

Wertekonflikt(e)

 

Sowohl Erzieher wie auch Zuschauer/innen stehen im permanenten Spannungsfeld zwischen Abstoßung und Hilfsbereitschaft. Das Verhalten von Benni ist einerseits unerträglich, und andererseits kann sie uns zu Tränen rühren. Immer wieder wird uns vor Augen geführt, wie unerträglich renitent dieses Kind sein kann – bis hin zur brutalen Verletzung einer Schulkameradin. Dann wieder entstehen warme Phasen der Zuwendung und Nähe. Fürs Publikum bedeutet dies ein anstrengendes Wechselbad. Hoffnung und Hoffnungslosigkeit wechseln sich permanent ab, ohne dass am Ende eine klare Option für das eine oder andere erkennbar wäre.  Das mag unbequem wirken – aber Spannung ist dem Film nicht abzusprechen. 

 

 

 

Regelwerk

 

Bennis Fall bewegt sich im Regelwerk der deutschen Sozialgesetzgebung. Der Film schildert das Geflecht aus Jugendamt, Kinderschutz, Elternbetreuung usw. nicht etwa als unmenschliche Maschinerie, sondern konzentriert sich auf Menschen, die viel investieren, um zu helfen. Doch wie weit kann ein System eine Mutter ersetzen?

 

Gleichwohl bleibt bis zuletzt immer die Frage offen, ob Benni nun ein Fall für die Psychiatrie ist (sie erhält ja Medikamente, die darauf schließen lassen, dass sie womöglich mit einer angeborenen neurologischen Störung leben muss) – oder ob ihr nur die Liebe fehlt. An diesem Punkt ist „Systemsprenger“ undeutlich und insofern angreifbar. Denn im einen Fall wäre Benni – landläufig ausgedrückt – einfach ‚krank’, im anderen Fall ‚normal’. Dazwischen liegen Welten.

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

„Systemsprenger“ ist als Spirale aufgebaut, die sich letztlich ins Unendliche drehen kann und vermutlich auch drehen wird. Zwar entsteht immer wieder eine Spannung, indem wir hoffen, dass Benni hier oder da oder dort endlich Ruhe findet. Als ‚Plot Point’ im eigentlichen Sinne wäre hier wohl das Auftreten des Anti-Gewalt-Trainers zu werten, dem man durchaus zutrauen könnte, dass er Entscheidendes verändern wird.

 

Der zweite Wendepunkt ist erreicht, sobald eben genau diese Hoffnung endgültig zunichtegemacht wird und Benni beinahe stirbt. Der dritte Akt gibt dann eine neue Richtung vor: Vielleicht wird in Afrika alles besser. Aber auch dieser Ansatz zerbirst. Dass „Systemsprenger“ im dritten Akt keine wirkliche Lösung anzubieten hat, ist einerseits vermutlich konsequent und realistisch. Andererseits bleibt doch so etwas wie eine enttäuschte Erwartung zurück.  

 

Gesamtbild

 

„Systemsprenger“ ist ein ungewöhnlich rabiates, wildes und konsequentes Stück Kino. Obwohl der Film anstrengend und alles andere als unterhaltsam ist, schafft er es doch, sein Publikum stark zu emotionalisieren. So bleibt der Film wie eine Gräte im Hals stecken – und für die Kinoauswertung ist das eine positive Qualität. Unter den zahlreichen und meist kaum beachteten Problemfilmen, die jedes Jahr erscheinen, ist „Systemsprenger“ vermutlich einer der konsequentesten und emotional schockierendsten – und daher auch einer von denen, die im Arthouse-Segment mit einem relevanten Marktauftritt rechnen können.

 

München, 30.9.2019

Roland Zag

Quelle: Port au Prince Filmverleih