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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die „Dramaturgie der Systeme“, wie sie in „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag 2018) beschrieben wird. Die Besprechungen nehmen speziell auf die aktuelle Marktsituation Bezug. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten. 

 

 

TENET 

B + R Christopher Nolan 

 

Erzählabsicht 

 

Die Zukunft ist kein unbeschriebenes Blatt, sondern das Ergebnis von Entscheidungen, die jetzt getroffen werden. Wenn in TENET davon ausgegangen wird, dass sich der Verlauf der Zeit umkehren lässt, werden wir unmittelbar mit den Resultaten unseres Tuns konfrontiert. Die Zukunft ‚schlägt’ gleichsam ‚zurück’ – indem uns das, was der Welt angetan wurde, wiederbegegnet.

 

Damit ist „Tenet“ ein unmittelbarer Kommentar zum aktuellen Geschehen. Denn wer unverantwortlich Raubbau mit der Gegenwart treibt, vernichtet die Zukunft. Auch wenn der Film als Action-Agenten-Thriller daherkommt, wohnt ihm doch eine moralische Komponente inne, die einem gegenwärtigen Kinopublikum durchaus geläufig sein dürfte. 

 

Zugehörigkeiten

 

Hinsichtlich der zwischenmenschlichen Beziehungen ist der Film vermutlich absichtlich sehr karg. Die Hauptfigur (John David Washington) heißt einfach ‚Protagonist’, weil sie keinen individuellen Charakter darstellt, sondern ein Prinzip. Seine Vernetzung bezieht sich allein auf die wenig aufregende Kooperation mit den Kollegen der eigenen Spezialeinheit; die Zusammenarbeit mit NEIL (Robert Pattinson) funktioniert zwar reibungs-, aber überwiegend auch spannungslos. Nicht einmal die Reize der Oligarchengattin KAT (Elizabeth Debicki) scheinen das Gefühlsleben des Protagonisten zu tangieren. Er ist mit Wichtigerem beschäftigt: eben der Rettung der Gegenwart, und damit der Zukunft.

 

Ganz anders der Antagonist SATOR (Kenneth Brannagh). Er ist ein eifersüchtiger, selbstzentrierter Wüstling, der die Zurückweisung seiner Frau und wohl auch seines Sohnes nicht erträgt. Damit stellt Sator eine Gegenthese auf. Sein Weltbild entspringt der persönlichen gekränkten Sehnsucht nach Bindung und Anerkennung. Davon weist der Protagonist rein gar nichts auf. 

 

Als einzige auf Gegenseitigkeit beruhende zwischenmenschliche Beziehung des Films bleibt die zwischen Mutter und Sohn. Indem wir davon aber sehr wenig sehen, bleibt diese Liebe eine Behauptung – was die bewusst unterkühlte Gesamttemperatur des Films nur wenig wärmt. 

 

 

 

Wertekonflikt(e)

 

Der Gegensatz der Haltungen ist von einer fast altmodisch-antiquierten Direktheit:  Während der Protagonist die ‚gute’ = wertschätzende und achtsame Haltung gegenüber der Zukunft einnimmt, versucht Sator im Stil der guten alten Bösewichter die ganze Zukunft zu vernichten. 

 

Dieser Wertegegensatz impliziert auch zwei Haltungen gegenüber dem Privatleben. Demnach läge die größte Bedrohung für unsere Welt in den zwischenmenschlichen Gefühlen: Der Protagonist hat keine; Sator hingegen wird von egomanischem Hass getrieben. Wer sich um den Fortbestand der Menschheit kümmern will, enthält sich demnach am besten aller Bindungen. Paradoxerweise ist der Kampf um das Sorgerecht fürs eigene Kind (= die Zukunft der Menschheit) hier auch der mächtigste Hindernisgrund für einen achtsamen Umgang mit eben dieser Zukunft. Ein beunruhigender Aspekt – wem am Wohlergehen der Kinder liegt, hat am besten selbst keine. 

 

Systeme + Regelwerke

 

Während TENET auf Zugehörigkeiten fast ganz verzichtet, liegt die Betonung auf dem schwer durchschaubaren Regelwerk – neudeutsch dem ‚Mindfuck’. Man benötigt letztlich den ganzen Film (und vielleicht auch ein zweimaliges Sehen), um die Mechanik der ‚Inversion’ zu verstehen. Demnach existiert Materie, in der Ursache und Wirkung vertauscht sind - wir sehen erst das Resultat, dann die Herleitung. Dieses Spiel ist äußerst herausfordernd, oft auch verwirrend, aber auch faszinierend. Insofern folgt auch TENET zumindest teilweise der „Dramaturgie der Systeme“, wie sie im gegenwärtigen Erzählen immer typischer wird: Das Regelwerk wird zum wichtigsten Bestandteil. Ein Blick auf „Dark“, die derzeit erfolgreichste Serie der Streaming-Plattformen,  bestätigt diesen Eindruck. Auch dort dominieren die komplexen Regeln des ‚Mindfuck’ der Zeitebenen alles andere. 

 

Nicht unerwähnt aber soll die Beschreibung der zollfreien Lager-Zonen bleiben, in denen auf den Flughäfen der Welt Kunstwerke von unvorstellbarem Wert dem Zugriff der Steuer, aber damit auch der Öffentlichkeit entzogen werden. Auch hier spielen Regeln die Hauptrolle. Denn in dieser Schattenwelt verbergen sich  Schätze, die eigentlich der Menschheit gehören. Es entspricht einem geheimen Verlangen des Publikums, dass diese Sperrzonen gesprengt werden – wie hier durch die Explosion eines Superjets. 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Wer von Beginn an ein Spektakel der Zeitumkehr erwartet, mag lange enttäuscht bleiben. Bis zur Mitte nämlich verläuft die Handlung streng und fast enttäuschend chronologisch. Erst nachdem der Protagonist nach aufwändiger Verfolgungsjagd aus einem LKW die ‚Zeitmaschine’ entwendet hat, schiebt sich das Spiel mit Gegenwart und Zukunft immer mehr in den Vordergrund und fordert dem Publikum schließlich kognitiv alles ab. Das bedeutet, dass in dem Film kein eigentlicher Klimax angesteuert wird. Der Höhepunkt des Geschehens ist vielmehr die umgekehrte Wiederholung des spektakulären Eindringens in den zollfreien Raum am Flughafen von Oslo. So bleibt der Aufbau streng spiegelsymmetrisch. Wir erleben am Ende ein zentrales Ereignis noch einmal – nur innerhalb des Regelwerks der ‚Inversion’.  

 

Gesamtbild

 

Man kann „Tenet“in erster Linie als actiongeladenes Spektakel begreifen – eine überaus reizvolle kinetische Skulptur in der Zeit. Sehr wahrscheinlich aber fühlen sich Zuschauer*innen auf der ganzen Welt hintergründig auch in ihrem moralischen Bewusstsein berührt. Denn der Film ist ein Plädoyer für Achtsamkeit im Umgang mit der Zukunft. 

 

Gerade indem ‚Der Protagonist’ kein Mensch aus Fleisch und Blut ist, wird er zum Stellvertreter ALLER Zuschauer*innen. Was für den Protagisten gilt, kann sich jeder zu eigen machen: Denn wenn wir am Ende erfahren, dass es ER SELBST war, der sich aus der Zukunft kommend auf die Reise machte, in der Gegenwart Unheil abzuwenden, kann sich jede(r) gemeint fühlen. Es geht darum, SELBST verantwortlich zu handeln. TENET ist also einerseits ein emotional nicht besonders fesselndes Spiel mit Genre-Konventionen; aber andererseits auch ein moralischer Appell. Dies verleiht dem Film eine Aktualität und Brisanz, die dem veralteten Genre des Agentenfilms gar nicht zuzutrauen wäre. Insofern ist der Film vermutlich doch gut geeignet, das coronabedingt in Agonie befindliche Geschehen am Kinomarkt neu zu befeuern. 

 

München, Wien 6.9.2020

 

Roland Zag

 

 

 

Quelle: Warner Deutschland