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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag Freiburg) behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films.  

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten. 

 

 

The Favourite – Intrigen und Irrsinn

 

B: Deborah Davis, Tony McNamara; R: Yorgos Lanthimos

 

Erzählabsicht 

 

Obwohl über das Schicksal von Millionen entschieden wird, kann Politik banalstem zwischenmenschlichem Konkurrenzdruck unterworfen sein. 

 

Im barocken Ambiente zu Beginn des 18.Jahrhunderts ist die britische Königin ANNE (Olivia Coleman) heillos überfordert. Ihr schmerzender Körper, die Trauer um ihre verstorbenen Kinder und die lesbische Beziehung zu SARAH (Rachel Weisz) haben sie zermürbt. Die dringendst nötigen politischen Entscheidungen kann sie nicht mehr treffen. In der jungen und ehrgeizigen ABIGAIL (Emma Stone) sieht sie neue Möglichkeiten. Es entspinnt sich ein Machtkampf zwischen drei geltungshungrigen Frauen – auf Kosten all derer, die in einem sinnlos scheinenden Krieg verheizt werden bzw. dessen Kosten tragen müssen. Machtdenken macht blind für Verantwortung.

 

Zugehörigkeiten

 

Man kann Queen Anne als erbärmliche Despotin erleben, doch das Drehbuch tut viel dazu, auch Empathie zuzulassen. Die 17 Kaninchen in ihren Gemächern repräsentieren ihre 17 bei der Geburt gestorbenen Kinder. Dass so viel Leid Spuren hinterlässt, mag man nachfühlen. Auch die Betonung ihrer permanenten Schmerzen lässt Mitgefühl zu. Die Einsamkeit, die diese Monarchin umgibt, wird stark betont. Sie, die Mächtigste, ist auch die Ärmste. 

 

Bei ihrer Favoritin Sarah sind – trotz aller Skrupellosigkeit, mit der sie um ihre Machterhalt kämpft – ebenfalls noch Reste zwischenmenschlicher Züge zu erkennen. Immerhin ist es sie, die ihrer Cousine Abigail erst Zutritt zu Hofe verschafft. Wenn sie am Ende den Kürzeren zieht, liegt es vielleicht auch daran, dass sie mit ihrem Mann, dem Grafen von Marlborough, einen loyalen Verbündeten hat. In dieser gnadenlosen Welt aber gefährdet jede Bindung den eigenen Erfolg. 

 

Insofern hat Abigail die besten Chancen – denn sie ist am ungebundensten. Und insofern kommt sie auch am weitesten. Selbst ihre sexuelle Orientierung ordnet sie dem eigenen Interesse unter: obwohl sie einen Mann heiratet (vermutlich aus reiner Berechnung) geht sie doch auch mit der Königin ins Bett. Man kann in der lesbischen Beziehung zwischen Sarah und Anne noch einen Rest von echtem Gefühl vermuten. Bei Abigail hingegen darf man sicher sein, dass sie vollkommen berechnend vorgeht. 

 

 

 

Wertekonflikt(e)

 

Die Konflikte zwischen den Figuren drehen sich nur um eins: Macht und Einfluss auf die Königin. Zugleich darf aber eben davon nichts an die Außenwelt durchdringen. Alle Intrigen finden hinter verschlossenen Türen statt. Der Anschein des Funktionierens muss gewahrt bleiben. 

 

Der Wertekonflikt, welcher das Publikum beschäftigt, bezieht sich allerdings auf die Empathie mit der englischen Bevölkerung. Sie muss den Preis für den royalen Irrsinn zahlen. Leidtragend sind all die namenlosen Soldaten, die ihr Leben lassen, weil privates Konkurrenzdenken über verantwortliches Handeln siegt. Parallelen zur heutigen Politik sind unübersehbar. Das Auseinanderklaffen zwischen dem dringendst nötigen Entscheidungsdruck einerseits, und der Erbärmlichkeit der tatsächlichen politischen Beschlüsse ist bei weitem die stärkste emotionale Kraft dieser Geschichte. 

 

Regelwerk

 

Die Verhaltensregeln der barocken Monarchie sind von größter Verfeinerung. Tatsächlich aber steht das skrupellose Verhalten der Protagonistinnen im krassen Widerspruch zur perfekt zur Schau getragenen Etikette höfischen Verhaltens. Der Umgangston in der Öffentlichkeit ist vollendet geschmeidig. Hinter den Kulissen dagegen hingegen wird vulgär geflucht, beschimpft und getrickst. 

 

Zugleich entwickelt das militärische Geschehen auf dem Kontinent seine eigene Dynamik. Eigentlich müsste die Politik des Hofes darauf reagieren. Doch davon kann keine Rede sein. Abgekoppelt von jeder Vernunft geben sich die drei Damen ihren privaten Kämpfen um die Hackordnung hin. 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Den ersten Wendepunkt erreicht die Erzählung, sobald es Abigail mit einer heilenden Wundsalbe schafft, die Gunst der Königin zu erringen. Fortan ist der Konflikt zwischen ihr und Sarah eröffnet. Schritt für Schritt arbeitet sich die junge Frau gegen den Widerstand ihrer älteren Cousine nach oben. Der ultimative Perspektivwechsel wird erreicht, sobald klar wird, dass der Krieg zu nichts geführt hat. Es gab nur Verlierer. 

 

Indem das Schlussbild die sterbende Königin mit ihren bereits gestorbenen 17 Kindern metaphorisch wieder vereint (diese werden ja durch ihre Kaninchen repräsentiert, die im am Ende wieder ins Bild treten), liegt in dieser finalen Wendung auch ein Hauch humaner Wärme. So sehr Anne als Politikerin versagt hat, so sehr kann man sie als Mensch auch bedauern. 

 

Gesamtbild

 

„The Favourite“ passt als skurrile Satire bestens in die gegenwärtige politische Stimmung. Dem Eindruck, dass verantwortliches Handeln pausenlosen persönlichen Machtkämpfen geopfert wird, begegnet man allenthalben. Insofern darf der Film mit großer internationaler Resonanz rechnen.  Als Lehrstück für bestimmte Mechanismen großer Politik hat der Film beinahe einen erzieherischen Wert.  Insofern ist „The Favourite“ bestimmt kein warmherzig emotionales Drama. Sondern eine Farce, einem sehr großen möglichen Publikum bestimmte Sachverhalte erschließt. Insofern hat der Film, auch dank der Starbesetzung und dem Renommee des Regisseurs,  im Arthouse-Sektor gegenwärtig gute Chancen. 

 

München, 26.1.2019

Roland Zag

Quelle: Alamode