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Filmbesprechung

THE SALESMAN (Fourshande)

 

Buch und Regie: Asghar Farhadi

 

Auch wenn der ausgesprochen nüchtern und realistisch inszenierte Film eigentlich wie das genaue Gegenteil aussieht: über weite Strecken funktioniert „The Salesman“ wie ein Horrorthriller. Zwar verzichtet die sehr alltägliche Geschichte auf jegliche Dramatisierung. Es gibt keine Effekte, nicht einmal Musik. Und doch sind die Elemente aus dem Genrekino bekannt: das unerwartete Eindringen der bösen Macht, die Traumatisierung, die Angst, Wut, und schließlich die Rachsucht.

 

Am Ende aber – und darin liegt der Clou – wird sich der Film als aufklärerisches Anti-Genrekino erweisen, das mit einer versteckten moralischen und politischen Botschaft verstört und den Thriller weit hinter sich lässt. Wie ist das möglich?!

 

Die Strategie, mit der „The Salesman“ das Publikum zunächst für sich gewinnt, ist – genau wie im Thriller – das Vorenthalten der Zusammenhänge. EMAD (Shahab Hosseini) wird in den ersten Bildern noch als entspannter Lehrer gezeigt, der mit seinen Schülern in gutem Kontakt steht und selbst im Fall einer unerwarteten Evakuierung eines Gebäudes die Ruhe behält. Das wird sich radikal ändern. Auch RANA (Taraneh Alidoosti) erscheint von Beginn an als emanzipierte Schauspielerin. Später ist sie ein traumatisiertes Wrack. In beiden Fällen wissen wir nicht genau, warum.

 

Der Grund dafür ist ein seltsam rätselhafter Überfall. Doch was war der Hintergrund? Warum hat der Täter seinen Wagen zurückgelassen? Wie kam es zu den Blutspuren? Welche Rolle spielte Rana dabei? Diese Fragen stellt der Film seinem Protagonisten, aber auch – ganz regelkonform – dem Zuschauer. Wir sind empathisch beim Paar Emad/Rana.

 

Und wie in so vielen Thrillern aber wirken diese unklaren und unsicheren Elemente zersetzend und zerstörerisch auf die sozialen Zusammenhänge. Nicht nur die Ehe driftet auseinander, auch innerhalb des Theaters, an dem beide arbeiten, wird die Stimmung vergiftet und aufgeheizt. Auf diese Art wird das Publikum – bis hierhin noch relativ absehbar – in eine absehbare Spirale von Rache und Gewalt gezogen.

 

Doch anders als im Horrorthriller erfährt die Geschichte in „The Salesman“ einen Bruch, der ihn aus dem Genrekino ins Kunstkino katapultiert. Die Pointe liegt darin, dass irgendwann nicht mehr die Figuren auf der Leinwand Opfer der Traumatisierung werden, sondern letztlich die Zuschauer selbst. Denn der Film wendet die Gesetze der Empathiebildung so hinterhältig und souverän GEGEN den Betrachter, dass sich die vormals vermeintlich sicheren moralischen Werturteile in ihr eigenes Gegenteil verkehren. Die Benachteiligung wird vom Filmemacher so bewusst und konsequent verschoben, dass sich die anfänglichen Gut-Böse-Zuschreibungen komplett auflösen.

 

Als Emads wütende, aber nachvollziehbare Versuche, den Täter zu finden, zum Erfolg geführt haben, erweist sich der Täter zunehmend selbst als benachteiligt. Die Gewalttat wurde nicht etwa von einem wild gewordenen Sex-Maniac verübt, sondern von einem alten, kranken verliebten Mann. Seine emotionale Abhängigkeit von der mutmaßlichen Prostituierten war so groß, dass er sogar ihrem Kind ein Fahrrad geschenkt hat. Der Täter ist zutiefst in diese Schuld verstrickt, zudem schwer krank. Verstärkt wird dieser Aspekt noch durch die aufrichtige Liebe, die dem Ehemann und Vater von der Familie entgegengebracht wird. Nun aber wird er Opfer von Emads  Suche nach einer Gerechtigkeit, die es nicht gibt. Am Ende ist der mutmaßliche Täter tot, und Emad gewissermaßen unwillentlich zum Mörder geworden. War dies die Suche wert? Hat Emads Rachefeldzug diesen Preis gelohnt?! Mit diesen Fragen wird das Publikum allein gelassen.

 

Alle zunächst so einfachen Schuldzuschreibungen werden also immer komplizierter, brüchiger, uneindeutiger. Hier liegt der fundamentale Unterschied zum Horrorthriller: Das Genrekino praktiziert die Steigerung bestimmter Affekte ins Größtmögliche. Ängste, Gefühle von Bedrohung, Hass und Rache werden dort bis zum Äußersten getrieben. Hier aber geht es um das Gegenteil. Zuschreibungen werden relativiert und Gewissheiten pulverisiert. Das Publikum geht dem eigenen Gut-Böse-Denken genauso in die Falle wie die Hauptfigur.

 

Am Ende richtet sich die Aufmerksamkeit einzig und allein auf das eigentliche ‚wahre’ Gefühl, die eigentliche innere Befindlichkeit. Was geht in Rana vor?! Wir erfahren es nicht. Sie fühlt sich vom Aktionismus des Ehemanns nicht mehr gesehen, nicht mehr wahrgenommen. Die Ambivalenz dessen, was sie empfindet – Angst, Scham, Wut, Reue, Schuld – geht im Furor unter. Sie verschließt sich, denn ihr Ehemann kommuniziert nicht mehr, er agiert nur noch.

 

Das macht „The Salesman“ zum aufklärerischen Kino. Den simplen Affekten, die augenblicklich sogar die Weltpolitik in immer krasserem Maße beherrschen, wird hier der Boden unter den Füßen weggezogen.

 

Wahrscheinlich hat der große Zuspruch, den dieser schwierige und keineswegs aufs Wohlgefühl ausgerichtete Film gerade in den USA findet, mit einer geheimen Sensibilität für diese Erzählabsicht zu tun. „The Salesman“ ist eine Film gewordene Warnung vor allem vorschnellen Handeln, letztlich vor dem Populismus. Die große emotionale Geste erweist sich als falsch. Das Zuhören, das Sich-Einlassen, die Auseinandersetzung mit der Ambivalenz wäre viel wichtiger, die Kommunikation viel erfolgversprechender als der emotionale Alleingang.

 

Insofern spielt der Film gerade in der gegenwärtigen Zeit eine wichtige Rolle. Er wird vielleicht am Markt nicht allzu groß einschlagen – denn er ist schwierig und verweist die Lösung seiner Fragen auf den Betrachter zurück. Aber die Botschaft vermittelt sich doch. Und sie ist wichtig. Es erscheint daher nicht undenkbar, dass am Ende der Oscar für den besten Auslandsfilm dieses Jahr an „The Salesman“ geht, dessen ‚Botschaft’ im Augenblick im politischen Sinne vielleicht noch virulenter scheint als etwa die des hierzulande zurecht favorisierten, aber eher privaten ‚Toni Erdmann’.  Am Ende sind Preisverleihungen immer noch mehr als nur künstlerische Statements. So könnte es auch dieses Jahr gut sein, dass ein Film gewinnt, der sich auch als politisches Manifest lesen lässt.

 

 München, 8.2.2016

 

Roland Zag

Julieta

Quelle: Alamode