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Filmbesprechung

THE SQUARE

 

Buch und Regie: Ruben Östlund

 

 

Im öffentlichen Bewusstsein bildet der Begriff ‚Kunst’ einen blinden Fleck. Als quasi sakraler Raum sieht sich das Museum immer wieder moralischen und ethischen Normen entzogen. Der Deckmantel ‚Kunst’ rechtfertigt so gut wie alles: vom Urinal über die Fettecke bis hin zur blutgetränkten Aktionskunst ist im Galeriebetrieb vieles erlaubt. Auf der letzten ‚Documenta’ wurden sogar Flüchtlingsschiffe ausgestellt, auf denen kürzlich erst Menschen ertrunken waren. Doch darf Kunst wirklich alles!?

 

Diese Frage wird von „The Square“ sehr direkt thematisiert: der Kurator CHRISTIAN (Claes Bang) nimmt sich das Recht heraus, Räume zu definieren, in denen ethische Normen außer Kraft gesetzt werden. Aber wird dadurch die von OLEG (Terry Notary) öffentlich zur Schau gestellte Quasi-Vergewaltigung gerechtfertigt? Ist es wirklich eine Katastrophe, wenn ein Putzfahrzeug von banalen Kunst-Steinhäufen etwas entfernt?! Wie glaubwürdig wirkt jemand, der einerseits hehre moralische Fragen formuliert, aber nicht weiß, wie er mit Bettlern umgehen soll?

 

Diese originellen Fragestellungen verleihen dem Film seine Relevanz. Egal wie man sich zur konkreten Umsetzung verhalten mag – „The Square“ legt den Finger in offene Wunden. Im Zentrum steht der schroffe Gegensatz zwischen einer eitlen, unempathischen Oberschicht und den wahren Nöten von sozial Benachteiligten.

 

Diese Dissonanz wird eiskalt präsentiert. Es geht nicht darum, sich mit der Figur dieses Christian emotional auseinanderzusetzen. Er ist eine Kunstfigur, die nicht einmal zu den eigenen Kindern Kontakt aufzunehmen in der Lage ist. Von den Regeln der klassischen Drehbuchlehre, von ‚Want’ und ‚Need’ bleibt hier fast nichts mehr übrig – einmal mehr ein guter Grund, die gängigen dramaturgischen Glaubenssätze zu hinterfragen.

 

Denn der eigentliche Konflikt, der hier verhandelt wird, liegt nicht auf der Leinwand (wie es die Drehbuchlehre fordert), sondern im Zuschauer selbst. „The Square“ will weh tun. HIER liegt der emotionale Fokus des Films. Je schärfer das Publikum spürt, wie sich die bürgerliche Gesellschaft selbst ins eigene Fleisch schneidet, desto besser. Es sind die Betrachter, die sich ertappt fühlen wollen, weil sie sich unter dem Deckmantel der Kunst immer wieder aus der Verantwortung stehlen. Der Film spiegelt den Zynismus eines Betriebs, dem sich Millionen Kunstbegeisterte auf all den Biennalen und Documentas dieser Welt aussetzen, ohne ihn zu hinterfragen.

 

Dabei ist „The Square“ durchaus anfechtbar erzählt. Genau genommen nämlich handelt es sich um mehrere gleichzeitig ablaufende Geschichten ohne wirkliche Synergie. In einem zentralen Handlungsstrang versucht sich der Kurator Christian in Selbstjustiz: nach dem Diebstahl seines Handys will er dieses auf eigene Faust aus einem sozial schwierigen Problemviertel zurückholen. Von dieser Geschichte geht das oben beschriebene diffus beunruhigende Gefühl von Angst und Bedrohlichkeit aus.

 

Hingegen wirkt die Werbeaktion, deren offene Menschenfeindlichkeit Christian irgendwann auf die Füße fällt, rein satirisch und emotional wenig wirkungsvoll. Hinzu kommt noch Christians bizarrer One-Night-Stand mit ANNE (Elisabeth Moss). Auch hier sind wir wohl eher belustigt als innerlich beteiligt, genau wie in der völlig beziehungslosen Auseinandersetzung von Christian mit seinen Kindern.

 

Die einzelnen Erzählstränge regen im Zuschauer also sehr unterschiedliche Qualitäten an. An der Wirkungskraft des Ganzen aber dürfte dies nicht viel ändern. Gerade das Unfertige, Überdimensionale, Verquere der Geschichte kommt der absichtlich eher unangenehmen Wirkung zugute.

 

Der Trick des Films nämlich besteht darin, dass er ich selbst jene Sphäre der Unantastbarkeit verschafft, die er eigentlich anprangert. Die Preise in Cannes, die vielfach hymnischen Kritiken sowie die Nominierungen für den Europäischen Filmpreis beruhen auf jener pauschalen Beißhemmung, mit der die Teilnehmer der abendlichen Soiree sich scheuen, einem übergriffigen Künstler in die Parade zu fahren. Auch „The Square“, dem man dramaturgische Schwächen, emotionale Defizite und eitle Selbstgerechtigkeit in der Umsetzung vorwerfen kann, wird von der Branche als sakrosanktes Werk jeder möglichen Kritik enthoben.

 

Dieses Zusammenspiel von Markterfolg und Erzählhaltung ist selbst wieder eine Satire und damit ein Teil der vom Film beabsichtigten Wirkung. Insofern beißt sich hier eine Katze lustvoll in den Schwanz. „The Square“, wenngleich vielleicht weit davon entfernt, ein perfekt ökonomisch erzählter Film zu sein, ist daher ganz eindeutig ein Werk, das ‚man’ (=ein ganz bestimmter Teil der Arthouse-Publikums) gesehen haben muss. Viel mehr kann eine Arbeit dieser Art nicht erreichen. Auch wenn dabei alle Dogmen herkömmlichen Erzählens über den Haufen geworfen werden.

 

 

München, 11.11.2017

 

Roland Zag

 

Julieta

Quelle: Alamode-Filmverleih