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Filmbesprechung

TONI ERDMANN

 

Buch und Regie: Maren Ade

 

„Toni Erdmann“ wurde seit dem ersten Erscheinen einhellig bejubelt, und das mit gutem Grund. Man kann auf die exzellenten Schauspieler oder auf die höchst originelle Story verweisen, die gründliche Recherche oder den subversiven Humor. Man kann die Komplexität der Figuren anführen, den skurrilen Witz oder die subtile Analyse des gegenwärtigen Finanz-Kapitalismus bewundern. All das ist zutreffend und wurde in der Öffentlichkeit längst vielfach getan. Doch keine dieser berechtigten Lobeshymnen reicht aus, um die auffällig einhellige Zustimmung erklären. (Wobei man übrigens ‚Einhelligkeit‘ nicht zwingend als etwas grundsätzlich Erstrebenswertes betrachten muss – in diesem Fall aber wird sie zum Phänomen, das nach Erklärung verlangt.)

 

Um zu erkennen, warum „Toni Erdmann“ auch international so auffallend besser anzukommen vermag als die Konkurrenz, lohnt sich aus unserer Sicht - wie vor ein paar Jahren im Falle von „Barbara“ - der Blick auf den ‚human factor’. Denn „Toni Erdmann“ ist einerseits ein originäres Kunstwerk, das keinerlei Regel oder Rezept zu folgen scheint – und erfüllt dennoch den ‚Publikumsvertrag’ in schlüssiger Weise.

 

Es sind letztlich zwei ganz wesentliche Punkte, die eine starke Geschichte ausmachen: der präzise benennbare Wertekonflikt, und die Dichte der Beziehung. Beides lässt sich hier analytisch sehr gut nachvollziehen.

 

„Toni Erdmann“ spielt in einem polar ausgeleuchteten Wertekosmos: da ist einerseits INES (Sandra Hüller), die sich in einer abgeschotteten, glatten Welt mit einfachen Spielregeln bewegt. Es geht um Erfolg, ‚Performance’, Aufstieg, Gewinn, Rentabilität und ein bisschen Sex. Ines’ Modus funktioniert nach dem Prinzip von Distanz und Kontrolle. Ihre Welt ist berechenbar.

 

Ihr Vater WINFRIED (Peter Simonischek) folgt einem gegensätzlichen Muster. Sozialer Status interessiert ihn nicht. Er folgt instinkhaft dem jeweiligen Moment im jeweiligen sozialen Kontext, ganz gleich, ob er es mit potenten Unternehmern oder bettelarmen rumänischen Arbeitern zu tun hat. Winfried ist unberechenbar – mal passiv, mal aktiv, mal bissig, mal in sich versunken. Er zieht aus jeder Situation das Maximum an Unmittelbarkeit. Dazu bedient er sich der Form des ‚Praktical Joke’, also des verstörenden und die sozialen Normen verletzenden Witzes, der die glatte Fassade der Konventionen aufschlitzt und so für einen Moment die spontane Essenz einer Begegnung freilegt.

 

Winfrieds Bedürfnis nach Nähe wird in der Vater-Tochter-Beziehung zunächst nicht erfüllt. Denn in seinem skurril-irritierenden Modus schwingt immer auch etwas Übergriffiges mit, wogegen die Tochter sich begreiflicher Weise wehrt. So endet der erste Versuch einer Begegnung in Bukarest im traurigen Desaster.

 

Doch das Verlangen des Vaters, seiner Tochter näher zu kommen, ist nicht zu stillen, und so greift er zum bizarren Entschluss, sich verkleidet in Ines’ Nähe zu bewegen. Dadurch kann er ihr nahe sein, ohne sie direkt zu kompromittieren. Dieser Umgang widerspricht zunächst allem Gewohnten. Aber tatsächlich entdecken sowohl Vater wie Tochter, dass sie gerade in dieser verqueren Maskerade immer mehr zu einander finden.

 

Dieses beständig spürbare Verlangen von Vater und Tochter nach Austausch bildet eine wesentliche Grundvoraussetzung für starke emotionale Reaktion. Doch der Clou des Films besteht darin, dass der Vater tatsächlich hilfreich wird und die Tochter näher an ihr berufliches Ziel, nämlich den guten Kontakt mit den Rumänen, heranbringt. Nachdem Ines ihren Vater für ihre Zwecke einspannt, kommt es menschlich UND beruflich zu einem erkennbaren Mehrwert.

 

Im Verlauf dieser Annäherung wird auch deutlich, dass ein mächtiges Austauschmedium zwischen Vater und Tochter existiert, welches Ines bisher nur verdrängt, nun aber wieder für sich entdeckt hat: sie teilt die Neigung zum subversiven Humor; ja letztlich verstehen sich beide auf dieser Ebene sogar ganz hervorragend. So wie Toni es liebt, unpassende Scherze zu machen, erforscht auch Ines nun die schrägen Seiten in sich. Das deutet sich in ihrer leidenschaftlichen Performance eines Pop-Songs an, manifestiert sich in der legendär unsäglichen Nacktparty, vertieft sich in der traurig-sehnsüchtigen Umarmung mit dem archetypisch schweigenden Monster und gipfelt am Ende darin, dass sie sich genauso verkleidet wie Winfried. Deutlicher kann man nicht erzählen, wie hier eine dysfunktionale Beziehung in Bewegung kommt – und wie gut das beiden Seiten tut.  

 

Der dramaturgische Modus des Films ist dabei mit dem Verhalten von Winfried ganz ähnlich. „Toni Erdmann“ läuft nicht auf ein längst feststehendes Ziel hin, sondern erfindet sich dramaturgisch beständig neu. Der Film lässt sich auch auf scheinbar ins Nichts führende Abwege ein (wie etwa in der Begegnung mit dem Rumänischen Ölarbeiter) und findet eben genau dort unerwartete Dimensionen des Menschlichen.

 

Ob man dabei von „Figurenwandlung“ sprechen kann, bleibt offen. Äußerlich betrachtet, hat Ines am Ende zwar den Arbeitgeber, aber nicht den Job gewechselt. Innerlich aber ist mit Händen zu greifen, dass es ihr am Schluss gelingt, ganz in der Gegenwart zu leben. „Bist du eigentlich ein Mensch?“ hatte ihr Vater einst gefragt. Diese Frage lässt sich am Ende eindeutig bejahen.

 

So belegt „Toni Erdmann“ auch die These, dass hinter jeder gelungenen Komödie auch die Tragödie steckt. Wenn man hier nämlich über das Austauschmedium ‚Humor’ lacht, darf man auch die tiefe Melancholie nicht vergessen. Der Film ist getränkt von Verweisen auf Endlichkeit und Vergeblichkeit: die Szene, in der sich Winfried neben den sterbenden Hund legt; die Tränen, die Ines weint, als ihr Vater sie das erste mal wieder verlässt; der Abschied von der gestorbenen Mutter/Großmutter; die erschöpften Momente im Hotelzimmer – und auch die entlassenen rumänischen Arbeiter... immer wieder erscheinen die Figuren auch ratlos und enttäuscht. Und doch ist da eine Kraft, die sie vorwärts und einander in die Arme treibt. Und über die man lachen kann.

 

Einmal mehr zeigt sich hier, dass sich kompromissloses Arthouse-Kino und ‚human factor’ keineswegs ausschließen. Wenn es  gelingt, den Kunstwillen so konsequent mit dem Zwischenmenschlichen zu verbinden, sind nach oben kaum Grenzen gesetzt. Daher ist es im Augenblick unmöglich, vorherzusagen, wie weit sich der Sog des Erfolgs hochschaukeln wird. Doch obwohl das Zielpublikum eigentlich limitiert ist, scheinen nun Zuschauerzahlen möglich, die für die meisten anderen Arthouse-Filme absolut unerreichbar wären.

 

München, 16.7.2016  Roland Zag

Tomorrow

Quelle: NFP