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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag Freiburg) behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten.

 

 

TRAUTMANN

 

B: Nicholas J. Schofield, Marcus H. Rosenmüller

R: Marcus H. Rosenmüller

 

Erzählabsicht

 

Wenn verfeindete Nationen in Friedenszeiten aufeinanderprallen, braucht es den Mut Einzelner, um für neue Freundschaften zu kämpfen. Mit seiner Aufopferungsbereitschaft wird der deutsche ‚Nazi’ Trautmann im England der Nachkriegszeit zum Vorreiter des europäischen Gedankens.

 

BERT TRAUTMANN (David Kross) erweist in Kriegsgefangenschaft sein fußballerisches Talent. Der Trainer JACK (John Henshaw) wird auf ihn aufmerksam, und dessen Tochter MARGARET (Freya Mavor) verliebt sich in ihn. Gegen alle Widerstände der englischen Öffentlichkeit wird Bert Torwart von Manchester City, ehe er sich beim Cup-Finale 1956 den Halswirbel bricht. Es ist aber letztlich eine private familiäre Katastrophe, die ihn dazu bringt, sich spät seiner persönlichen Kriegsschuld zu stellen.

  

Zugehörigkeiten

 

Grundsätzlich eignen sich Stories, in denen Protagonisten die Seiten wechseln, hervorragend, um starke emotionale Prozesse in Gang zu setzen. Man kann Trautmanns Entscheidung, nach dem Krieg nicht mehr zurück nach Deutschland zu gehen, um dafür in England zu bleiben, als Verrat sehen, oder aber auch als heldenhaftes Versöhnungswerk. Beides sind heftige mögliche emotionale Reaktionen, die der Spannung des Films grundsätzlich sehr gut tun könnten.  

 

Allerdings interessiert sich der Film für Berts ursprüngliche Zugehörigkeit praktisch gar nicht. Über die Gründe, welche die Hauptfigur dazu antreiben, nach der Gefangenschaft nicht nach Deutschland zurückzukehren und sich in England niederzulassen, erfahren wir – sieht man von der Liebesgeschichte ab – fast nichts. Wendet er sich aktiv von seiner Herkunft ab? Gibt es Menschen, die ihn vermissen?  In Wahrheit hat Trautmann seine erste Frau samt Kind verlassen... der Film geht darauf nicht ein. Auch zu seinen Mit-Kriegsgefangenen entsteht keine Bindung. Insofern bleibt das mögliche Konfliktthema ‚Verrat an Deutschland’ oder ‚Flucht vor Schuldzuweisungen in der Heimat’ komplett ausgespart.

 

Doch auch in der Beziehung zu Margaret bleibt vieles unerzählt. Was ihr an dem fremden ‚Nazi’ so viel besser gefällt als an dessen Nebenbuhler, ist unklar – eine Austauschebene ist kaum zu erkennen. Insofern entwickelt das grundsätzlich starke emotionale Motiv ‚Die Seite wechseln’ hier wenig Kraft.

 

 

 

Wertekonflikt(e)

 

Darf man Menschen, die der eigenen Nation als ‚Feinde’ unendliches Leid angetan haben, eine Kollektivschuld geben? Oder ist es nicht gerechter, jeden einzelnen Menschen ganz individuell nach seinen jeweiligen Beweggründen und Taten zu beurteilen? Diese Frage prägt das Geschehen über weite Strecken.

 

Allerdings bezieht ausgerechnet Trautmann selbst dazu kaum Stellung. Konkrete Ich-Aussagen zum Krieg, zur eigenen Schuld, zur Aussöhnung oder zur Frage, was ihm in England besser gefällt als in Deutschland, sucht man außer der vagen Selbstrechtfertigung ‚Wir hatten keine Wahl’ vergebens. Er scheint sich dem Hauptkonflikt des Films komplett zu entziehen – was die Wirkung schwächt.

 

Erst sehr spät wird klar, dass sich Trautmann hier hinter einer Selbstlüge verschanzt. Er hatte sehr wohl eine Wahl, und gegen Ende des Films wird dies auch zum (allerdings  kaum vorbereiteten) neuen Hauptthema. Hier steigt die Spannung für kurze Zeit sprunghaft an – was aber mit dem zentralen Konflikt des ganzen Films wenig zu tun hat.

 

Regelwerk

 

Dass Trautmann überhaupt das Lager verlassen darf, beruht auf einem Regelbruch, der spannend inszeniert wird. Eigentlich ist es Kriegsgefangenen verboten, mit der Bevölkerung in Berührung zu kommen. Nach der Hochzeit von Bert und Margaret stellt sich die ebenfalls aufregende Frage, ob das Regelwerk des englischen Sports es überhaupt zulässt, ‚Nazis’ in seinen Reihen zu dulden. Hier liegt lange Zeit die wohl stärkste dramaturgische Kraft.

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Der Film ist chronologisch erzählt und befasst sich die längste Zeit mit den Voraussetzungen, die Trautmann ins Cup-Finale von 1956 bringen. Bis zum Ende des zweiten Aktes passieren relativ wenige wirklich überraschende Wendungen. „Trautmann“ ist über lange Zeit ein recht überraschungsarm und vorhersehbar, insofern eher dem TV als dem Kino zuzurechnen.  

 

Dann allerdings bringt der Übergang vom zweiten zum dritten Akt – der Genickbruch im Cup-Finale und der Tod des Kindes – eine neue schicksalshafte Wendung. Sie wühlt neue dramaturgische Energie auf. Ein neuer Film beginnt: Trautmann glaubt, mit einem privaten Verlust für eine individuelle Kriegsschuld bezahlen zu müssen. Dies ist ein komplexes Thema. Doch es bleibt fast keine Zeit mehr, sich damit differenziert zu beschäftigen. Die für das Ehepaar extrem belastenden Fragen der Schuld werden sehr schnell wieder gelöst, um Trautmanns Rückkehr zum Profifußball möglichst schnell als Lösung zu präsentieren.

 

Insofern besteht der Film aus zwei ungleichen Teilen: Akt I und II wirken konventionell und vorhersehbar. In Akt III beginnt eine kraftvolle Beschäftigung mit heftigen Gefühlen, für die dann aber doch nicht viel Platz bleibt.

 

 

 

Gesamtbild

 

„Trautmann“ erzählt eine fraglos außergewöhnliche Geschichte, die sich thematisch und in der konfliktarmen Umsetzung eher an ein älteres Publikum wendet, aber auch zur heutigen Zeit (wachsende Fremdenfeindlichkeit, Brexit) einiges zu sagen hat. Indem allerdings große Teile von Berts Herkunft ausgeblendet werden und die Hauptfigur kaum eigene Haltung entwickelt, bleibt der Wertekonflikt wenig spannend.

 

Mit der Wendung zum dritten Akt ändert sich dies schlagartig: Wie hängen individuelle Schuldverarbeitung und der Umgang mit Zufällen und Schicksalsschlägen zusammen? Indem kaum Zeit bleibt, sich damit eingehend zu beschäftigen, stehen zwei Erzählabsichten nebeneinander: Die nach der Kollektivschuld der Deutschen einerseits und die nach der Frage, wie Ehepaare mit familiären Verlusten, Schuldgefühlen und Schuldzuweisungen fertig werden können. Der Wirkung von Filmen aber tun konkurrierende Erzählabsichten selten gut.

 

Am Markt dürfte der teure und aufwändig produzierte Film dadurch Schwierigkeiten haben. Die fürs Kino nötige emotionale Wucht entsteht erst spät, und zur dramaturgischen Verarbeitung bleibt kaum Zeit, und die Presse reagiert allergisch auf die überdeutliche Tendenz zur Verharmlosung. Insofern könnte es sein, dass die Publikumsresonanz recht gedämpft bleibt.  

 

München, 16.3.2019

Roland Zag

Quelle: 20th Century Fox Filmverleih