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Filmbesprechung


 

TSCHICK

 

Buch: Lars Hubrich, Hark Bohm, Fatih Akin (nach Wolfgang Herrndorf);

Regie: Fatih Akin

 

Der großartige Erfolg des Romans von Wolfgang Herrndorf verdankte sich weniger einem raffinierten Plot als einer unmittelbar authentischen Sprache. „Tschick“ war in erster Linie ein Sprachkunstwerk, in dessen Syntax sich das Gefühl von Aufbruch und Rebellion kongenial abbildete.

 

Die Verfilmung eines solchen Buches kann unmöglich gerade DIESE literarische Qualität in filmische Bilder übersetzen. Abgesehen von der Hilfskonstruktion der Voice-Over, durch die der Herrndorf-Sound dann vor allem zu Beginn doch indirekt in Fatih Akins Film einfließt, muss dieser seinen ganz eigenen Zugang finden. Und dieser wird notgedrungen ‚dramaturgischer’, also zielgerichteter und geordneter ausfallen müssen. Dadurch geht zwangsläufig und unwillkürlich etwas von der anarchischen Kraft der Vorlage verloren.

 

Dafür wird in der Verfilmung viel deutlicher, wie sehr es  sich bei „Tschick“ um die Geschichte einer Figurenwandlung handelt. MAIK (Tristan Göbel) fühlt sich in seiner Schulklasse nicht gesehen. Dieses Trauma der Nicht-Zugehörigkeit kennt jeder. Es wird nun zwar im Genre des Schul-Kinos sehr häufig eingesetzt; doch als fester Bestandteil der ‚human factor’-Erzählwerkzeuge ist eben diese Eröffnung auch sehr wirkungsvoll.

 

Aus dieser schmerzhaften ‚Unsichtbarkeit’ der Hauptfigur ergibt sich die planmäßige und methodische Verwandlung des Außenseiters in einen Menschen, der nach Abschluss der Reise gar kein Interesse mehr daran hat, anderen aufzufallen – weil er in Beziehung mit seinem Freund ungleich intensivere und erfüllendere Erlebnisse und zudem auch noch ein wirklich interessantes Mädchen für sich entdeckt hat. Verglichen mit der Intensität dessen, was Maik erlebt hat, ist das flaue Interesse von TATJANA (Aniya Wendel) am Ende nicht mehr relevant. Aus dem Schüler ohne Eigenschaften, der von den Kollegen als ‚Psycho’ verspottet wurde, ist am Schluss ein junger Erwachsener geworden, der die gewaltige Kraft des Gemeinschaftsgefühls kennen gelernt und für sich integriert hat.

 

Indem nun zu Beginn nicht nur Maik, sondern auch ‚TSCHICK’ (Anand Batbileg) sich nicht zugehörig fühlt, damit aber souveräner umgeht, entsteht im Zuschauer früh das Gefühl einer starken gegenseitigen Bindung. Noch bevor die eigentliche Reise beginnt, hat sich Tschick schon für seinen neuen Kompagnon bei der desinteressierten Tatjana eingesetzt. Dieser konkrete Beitrag macht die starke Bindung der beiden Hauptfiguren wirkungsvoll deutlich.

 

Es wäre aber nun verkehrt, „Tschick“ als ‚Heldenreise’ zu bezeichnen. Denn das Modell der Heldenreise verlangt eine konfliktreiche Auseinandersetzung mit Antagonisten und Widersachern. Diese aber liegt hier kaum vor.

 

Vielmehr wird an der Loyalität der beiden Hauptfiguren im Verlauf des weiteren Films nicht mehr gerüttelt. Maik und Tschick bilden ein ideales Paar. Sie können sich aufeinander verlassen. Selbst in Notsituationen ist bis zum Schluss klar, dass beide alles daran setzen, wieder zu einander zu finden. Und das, obwohl Maik keineswegs schwul ist, während Tschick sich irgendwann sehr offen ‚outet’. Diese Beziehung bleibt also weitgehend konfliktfrei, genau wie auch die zu ISA (Nicole Mercedes Müller).

 

Die Konflikte, die „Tschick“ natürlich sehr wohl aufweist, spielen sich auf  einer ganz anderen Ebene ab. Der Antagonismus besteht im Widerspruch zwischen dem Regelwerk der bürgerlichen Gesellschaft und der privaten Rebellion. Schon dass Maik das Elternhaus hinter sich lässt, ist ein Verstoß. Viel krasser noch wiegt die Tatsache, dass die beiden Jungs mit einem geklauten Wagen unterwegs sind, und dass sie dann noch als Vierzehnjährige über die Autobahnen brettern, sorgt natürlich für extremen äußeren Druck. Während es eigentlich kein äußeres Ziel gibt (der Begriff der ‚Walachei’ bleibt vage genug), sind die beiden Figuren doch sehr konkret damit beschäftigt, vor jeder staatlichen Institution zu fliehen. Dieses Momentum verleiht dem Film jenen Drive, der nötig ist, um die Handlung vorwärts zu treiben.

 

Insofern zeigt sich einmal mehr, dass starkes filmisches Erzählen auf die Antagonisten gut verzichten kann („Tschick“ jedenfalls weist keine klaren Bösewichter auf, wenn man vom plakativ gezeichneten Vater absieht); sehr wohl aber bedarf es des Antagonismus.

 

Interessanterweise wandert Maiks Loyalität am Ende des Films von seinem neuen Freund zur Mutter. Die Figur des rätselhaften Russen taucht am Ende einfach ab. Das , was die beiden erlebt haben, kann ihnen niemand mehr nehmen. Was für Maik hingegen viel wichtiger wird, ist eine neue Auseinandersetzung mit den Eltern.  Dies realisiert sich in der neuen Bindung an die alkoholkranke MUTTER (Anja Schneider). Die letzten Bilder des Films gehören der Beziehung zu ihr. Auch diese zu Beginn des Films schwer beschädigte Beziehung wirkt am Ende viel stabiler und loyaler, also spürbar gewandelt.

 

So wird man den Film  nicht mit dem Roman vergleichen dürfen. Die Qualitäten Herrndorfs kann die Verfilmung nur in Spurenelementen zum Klingen bringen. Gleichwohl ist ein Film entstanden, der auf der Ebene des ‚human factor’ genau die zentralen Qualitäten aufweist, die nötig sind, um ein größeres Publikum zu begeistern: die Benachteiligung; die bedingungslose Loyalität zwischen zwei jungen Menschen, die sich am Ende in eine gewandelte Beziehung zur Mutter niederschlägt, und die punktgenaue Figurenwandlung.

 

All diese Elemente dürften in den kommenden Wochen dafür sorgen, dass „Tschick“ zwar wohl kaum ein Sensations-Hit wird, aber sich doch eine Mehrheit der Leser des Buches im Film gut aufgehoben fühlen dürfte. Wenn das von Literaturverfilmungen öfters gesagt werden könnte, stünde es viel besser um dieses oft problembeladene Genre.

 

München, 26.9.2016

 

 

Roland Zag

 

 

 

Julieta

Quelle: Studio Canal