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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die „Dramaturgie der Systeme“, wie sie in „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag 2018) beschrieben wird. 

 

Die Besprechung von „Undine“ ist die erste seit Wiedereröffnung der Kinos im Juli 2020 und nimmt speziell auf die aktuelle Marktsituation Bezug. 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten. 

 

 

Undine

B + R Christian Petzold

 

Erzählabsicht 

 

Die absolute Liebe mag uns anziehen, verzaubern, betören. Leben lässt sich aber die Paarbeziehung nur als relatives Glück, das immer neu verhandelt werden muss. 

 

UNDINE (Paula Beer) erträgt weder die Trennung von ihrem anfänglichen Lover JOHANNES (Jakob Matschenz) noch den vermeintlichen Tod von CHRISTOPH (Franz Rogowski). Sie kennt nur das Entweder/Oder. In beiden Fällen reagiert sie mit tödlicher Konsequenz. 

 

Doch wenn das Leben fruchtbar sein soll, ist diese Absolutheit nicht lebbar. Auch wenn Christoph am Ende von der Liebe zu Undine nicht wirklich loskommt – das Leben geht an der Seite von MONIKA (Maryam Zanee) weiter. Sie ist von ihm schwanger.  ‚Was fruchtbar ist allein ist wahr’ sagt Goethe. „Undine“ scheint Ähnliches zu erzählen. 

 

Zugehörigkeiten

 

Die Vernetzung innerhalb der Figuren ist schwach entwickelt. Undine darf man sich als abstrakte Märchenfigur ohne jede weitere Bindung vorstellen. Doch auch über Christophs soziale Einbindung, erst recht die übrigen Figuren erfahren wir jenseits des beruflichen Zusammenhangs wenig. Sogar die ganze Stadt Berlin, obwohl ihre gewaltige Ausdehnung explizit thematisiert wird, wirkt rätselhaft leblos und leer. Entsprechend ist es nicht leicht, sich auf die Liebe von Undine und Christoph wirklich einzulassen: Die innere Übereinstimmung der beiden hat kein Umfeld, von der sie sich abheben könnte.  Die beiden sind ganz einfach allein. 

 

Wertekonflikt(e)

 

Undine lebt im märchenhaft überhöhten Prinzip der absoluten, unbedingten Liebe: Wer sie verlässt, wird getötet. Muss sie auf ihre Liebe verzichten (wie im Fall des ins Koma gefallenen Christoph), tötet sie sich selbst.  Dieser Radikalität steht die ‚menschliche’ Form von Liebesbeziehungen gegenüber, welche Konflikte zulässt, relative Übereinstimmungen sucht, und mit Verhandlungen, Trennungen, Verletzungen umgehen muss.  

 

Verstärkt wird dieser Gegensatz durch die Grenze zwischen Wasser und Luft. Das Wasser gehört dem Absoluten, also Undine. Die reale Paarbeziehung aber vollzieht sich im Trockenen: Das Wort ‚Berlin’ bedeutet, wie wir erfahren, ‚Trockengelegter Sumpf’. 

 

Auch dieser Unterschied wird allerdings nicht besonders deutlich, denn die von den Fährnissen des Lebens definierte Form der Paarbeziehung erhält wenig Raum. Auch die Frage, was genau den Industrietaucher mit der Historikerin innerlich verbindet, bleibt offen. Eine Austauschebene, die es dem Publikum erlaubt, das Geben und Nehmen der Liebenden nachzuvollziehen, ist schwer zu erkennen. Insofern vermittelt sich das Prinzip ‚Liebe’ eher als Behauptung. 

 

Systeme + Regelwerke

 

Weder im Fall von Undine noch von Christoph wird deutlich, in welchem Regelwerk und welchem Kontext sie sich bewegen. Obwohl beide Figuren jeweils in einem System unterwegs sind (historische Stadterkundungen einerseits, Stauseen und Energieversorgung andererseits), erfährt man darüber nicht viel. Das Umfeld von Undines historischen Führungen bleibt so diffus wie die Frage, für wen Christoph eigentlich taucht. 

 

Spannend wird es, wenn auf den Videoaufnahmen des Tauchers nicht das zu sehen ist, was Christoph erlebt hat. Hier vollzieht sich der Widerspruch zwischen zwei Regelwerken: persönlichem Erleben und physikalischer Realität. An dieser Stelle wird „Undine“ kurz zum Mystery-Thriller – was der Spannung sicher guttut. 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Die Beschreibung der Beziehung der Liebenden weist lange Zeit wenige Überraschungen auf. Erst mit dem Auftauchen des Motivs Eifersucht (Christoph vermutet, dass Undine noch Johannes lieben könnte) entsteht eine Dynamik mit zunehmend unvorhersehbaren Wendepunkten und Überraschungen – etwa der Wieder-Erweckung eines Koma-Patienten. Insofern wird „Undine“ mit der Zeit immer spannender und abwechslungsreicher – wenngleich erst nach einer langen Anlaufphase. 

 

Gesamtbild

 

Undine“ ist einer der ersten Filme, der das kinoaffine Publikum nach Ende des Lockdowns wieder ins Kino locken soll. Durch das Renommee der Beteiligten, die Berlinale-Teilnahme und die nahezu singulär auf dieses Event zugeschnittene Presse geht dem Film gewiss eine bestimmte Attraktivität voraus. Zugleich ist damit zu rechnen, dass viele Cineasten es auch kaum mehr erwarten können, endlich wieder ‚ihr’ Kino zu erleben. Dem stehen allerdings vielleicht Ängste und Skrupel vor der Ansteckungsgefahr gegenüber. 

 

Nun ergibt sich in diesem Fall eine merkwürdige Entsprechung zwischen der Einsamkeit der Figuren im Film und der des Publikums im höchstens halb gefüllten Kinosaal. Das Berlin, das uns  „Undine“ zeigt, scheint im Lockdown, wie wir Zuschauer*innen ihn während der letzten Monate erlebt haben. Das ist kein allzu attraktives Argument für den Kinobesuch. 

 

Ob nun also ausgerechnet dieser sehr stille und wenig spektakuläre Film, der an emotionaler Einbindung des Publikums wenig Interesse zeigt, geeignet ist, um aus dem Kino wieder einen Ort der sozialen Attraktivität zu machen, scheint fraglich. Wirklich suggestive Erfahrungen hat „Undine“ eher wenige aufzubieten. Insofern dürften sich die positiven wie die negativen Aspekte in etwa die Waage halten und „Undine“ die Zuschauerzahlen der bisherigen Filme von Christian Petzold eher unter- als überschreiten. 

 

München, Wien 60.7.2020

 

Roland Zag

 

 

 

Quelle: Piffl Medien Filmverleih