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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag Freiburg) behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten.

 

 

VICE: Der zweite Mann

B+R: Adam Mc Kay

 

Erzählabsicht

 

Millionen von Menschen müssen sterben, nur weil tausende Kilometer entfernt machtgeile Politiker ihre eigenen Interessen verfolgen.

 

DICK (Christian Bale) ist eigentlich ein Taugenichts. Nach einer Standpauke seiner Frau LYNNE (Amy Adams) reißt er sich jedoch zusammen und macht im Windschatten von DONALD RUMSFELD (Steve Carrell) Karriere. Nachdem klar wird, dass seine Tochter MARY (Alison Pill) lesbisch ist, zieht er sich von der großen Bühne zurück. Erst die Kandidatur von GEORGE W. BUSH (Sam Rockwell) bringt Dick gemeinsam mit Rumsfeld zurück ins Weiße Haus, wo er es schafft, den Amerikanischen Präsidenten unter Vorspiegelung krasser Unwahrheiten Kriege zu führen zu lassen, welche in Wahrheit rein merkantilen Interessen dienen.

 

Erzählt wird hier nicht etwa die Entwicklung einer Hauptfigur, sondern ein System von Korruption und Vertuschung. Was unlängst in „The Favourite“ in der Barockzeit ausgetragen wurde, ist hier in der jüngst vergangenen Gegenwart angesiedelt. Anders als in „House of Cards“ lassen sich die hier vorgebrachten Zusammenhänge anlässlich historischer Fakten verifizieren.

 

Zugehörigkeiten

 

Im Zentrum steht von Beginn an die Achse Dick-Lynn. Ohne seine Ehefrau wäre der Politiker chancenlos. Es ist Lynn, die ihn antreibt, ja mitunter sogar an seiner Stelle Reden hält. Die vorbehaltlose Loyalität des Ehepaars sorgt dafür, dass die eigentlich ebenso farblose wie politisch zweifelhafte Hauptfigur genügend Empathie auf sich zieht. Verstärkt wird dies, sobald die Tochter sich als homosexuell und damit als politisch im republikanischen Lager schwer verkaufbar herausstellt. Indem Marys Eltern bedingungslos hinter ihrer Tochter stehen, verstärkt sich das Gefühl, Personen zu folgen, die zwar politisch korrupt handeln, persönlich jedoch integer sind. Hier liegt die Spannung.

 

Wertekonflikt(e)

 

Der eigentliche Antrieb der Figur liegt im Versuch, dem amerikanischen Präsidenten eine möglichst uneingeschränkte Macht zu verschaffen. Warum genau Dick dies will, erschließt sich mit Blick auf die Firmen, die er vertritt, und die von seinem Tun massiv profitieren. Insofern scheint Cheney der Vertreter kapitalistisch-merkantiler Interessen.

 

Die Stimme seiner Feinde – also all derer, die das Wohl der vielen unschuldigen zivilen Opfer im Sinn haben – wird nur beiläufig vernehmbar.

 

Der immanente Wertekonflikt liegt also letztlich zwischen einem elitär abgeschotteten Bereich egoistischer Interessen einerseits, wie sie Dick vertritt, und einem allen zugänglichen Zugang zu Informationen und Macht, wie dies unter dem Tarnnamen ‚Demokratie’ verkauft wird.

 

Regelwerk

 

Der Machterhalt für Politiker ist nur durch ein virtuoses Spiel mit bestimmten Regularien möglich. Sie werden hier ausführlich geschildert. Cheney beherrscht sie aus dem ff: Wahlmanöver, Beschaffung von Mehrheiten, Einfluss auf juristische Kreise. Besonders wichtig wird der massive Angriff auf die Gewaltenteilung. Cheneys Kampf gilt dem Versuch, dem Präsidenten eine möglichst unumschränkte Macht zu verschaffen. Dazu müssen die Gesetze neu interpretiert und systematisch überschritten werden. Bis zuletzt arbeitet Dick daran und setzt sich auch durch.

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

In der Aufbereitung des Materials geht der Film äußerst phantasievoll vor, indem er einen Erzähler einführt, dessen Rolle sich die längste Zeit nicht erklärt. Erst ganz am Ende wird klar, dass dieser Vertreter eines ‚normalen’ Amerikas Dicks späterer Herzspender  ist. So wird gleichsam hinterrücks eine Art ‚Antagonist’ eingeführt, der sich am Ende als derjenige Mensch offenbart, dem der Politiker sein zweites Leben verdankt – der aber selbst zu den Geschädigten und Übergangen gehört, also denen, die von den Eliten systematisch von der Macht abgeschnitten werden. Dadurch wird der Zynismus der Korruption besonders akzentuiert.

 

Ungewöhnlich ist die ironische Strategie, den Film etwa in der Mitte des Geschehens scheinbar enden zu lassen (einschließlich Abspann), um dann nochmals ganz von vorn zu beginnen. Es sind diese gestalterischen Mittel, die das insgesamt oft spröde Geschehen dann doch zu einem farbigen Ganzen fügen.

 

Gesamtbild

 

„Vice“ ist nur zwischenzeitlich ein wirkliches Drama. Über weite Strecken wirkt der Film eher wie ein polemischer Essay, dem es weniger um die psychologisch-dramatische Ausgestaltung von Figuren, als um die Darstellung bestimmter Prinzipien geht. Dies geht einerseits auf Kosten der emotionalen Spannung, verschafft aber auch fast dokumentarische Einblicke ins Funktionieren von Politik. 

 

Insofern darf man sich von „Vice: Der zweite Mann“ einerseits keine wirklich reißenden Markterfolge erwarten. Doch das Alleinstellungsmerkmal des Films ist groß, die dramaturgische Aufbereitung des Materials fantasievoll, und die Leistung der Schauspieler außergewöhnlich. Zusätzlich liefert die Schilderung des Familienlebens der Cheneys genügend ‚human factor’, um dem Film eine dann wohl doch beachtliche Marktwirkung zu verleihen.

 

München, 7.3.2019

Roland Zag

Quelle: Universum Filmverleih