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Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen seit Herbst 2018 die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme hinsichtlich der fünf erzählerischen Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag, Erscheinungsdatum 19.11.18) beschrieben werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten.

 

 

WERK OHNE AUTOR

 

B+R: Florian Henckel von Donnersmarck

 

Erzählabsicht

 

Die ‚Botschaft’ des Films lässt sich in etwa so umschreiben: ‚Kunst kann nur gelingen, wenn sie von einer inneren Wahrheit des Künstlers getragen wird. Diese Wahrheit liegt in autobiografischen Gegebenheiten, gleichgültig, ob künstlerisch Schaffende diese kennen und verstehen oder nicht.‘

 

Dies wird unmissverständlich formuliert: KURT (Tom Schilling) bleibt als Künstler in Ost- wie Westdeutschland solange orientierungslos, wie ihm bestimmte Zusammenhänge seiner Familiengeschichte unklar sind.  Seine geliebte Tante ELISABETH (Saskia Rosendahl) wurde ausgerechnet von seinem Nazi-Schwiegervater Professor SEEBAND (Sebastian Koch) als ‚lebensunwertes Leben’ in die Gaskammer geschickt. Sobald sich Kurt dieser Zusammenhang zumindest unbewusst enthüllt, findet er zu seiner Wahrheit und damit zu seiner Kunst.

 

Eine solche Erzählabsicht ist für Kinofilme ungewöhnlich. Sie wird ihr mit großer Ernsthaftigkeit und Konsequenz verfolgt; richtet sich allerdings nur an ein ausgewähltes Zielpublikum, welches für Fragen nach Kunst und Wahrheit offen ist.

 

Zugehörigkeiten

 

Die vielleicht wichtigste, wenngleich sehr innerliche Beziehung des Films besteht zwischen dem Kind Kurt und seiner angeblich ‚schizophrenen’ Tante. Indem diese nie vergessen und die Beziehung bis ins allerletzte Bild sehr stark bespielt wird, ergibt sich hier eine stabile emotionale Bindung, die dem Publikum hilft, die langen Strecken des Films zu überstehen. Auch Kurts Beziehung zu seiner Frau ELLI (Paula Beer) wird durch keinerlei Illoyalität gestört, was allerdings irgendwann auch recht spannungsarm wirken kann.

 

Die beiden äußerlich intensivsten Beziehungen für Kurt ergeben sich zu zwei Mentoren, welche antagonistisch angelegt sind: hier der von üblen rassistischen Motiven getriebene Schwiegervater, der nicht einmal davor zurückschreckt, seine eigene Tochter durch eine erzwungene Abtreibung unfruchtbar zu machen; dort der undurchschaubare, aber letztlich positive Professor VAN VERTEN (Oliver Massucci). Von ihm geht jener Anstoß aus, der Kurt zu seiner Wahrheit finden lässt. Erwähnenswert noch Professor GRIMMA (Hans-Uwe Bauer) in Ost-Berlin, welcher ebenfalls als wohlmeinender Mentor auftritt, jedoch, anders als van Verten, aus ideologischen Gründen die Existenz einer ‚inneren Wahrheit’ als bourgeois und dekadent ablehnt und deshalb Kurt keine Hilfe bietet.

 

Einschränkend wäre zu bemerken, dass Kurt eigentlich selten wirklich benachteiligt ist. Seine Situation wirkt eher privilegiert. Dadurch entsteht mitunter ein Eindruck von unbeteiligter Passivität. Gleichwohl hört Kurt nie auf, sich immer wieder um die innere Wahrheit zu bemühen. Die Intensität des Kampfes hilft der Wahrnehmung.  

 

Wertekonflikt(e)

 

Indem die Erzählabsicht in der Suche nach einer inneren künstlerischen Wahrheit liegt, zeigt sich der zentrale Konflikt vor allem dort, wo eben diese gestört wird. Da ist zum einen die platte kunstfeindliche Ideologie der Nazis. Danach gerät Kurt in den Bann des Sozialistischen Realismus, der jede Innerlichkeit ablehnt. Doch auch die Konfrontation mit den bundesdeutschen Kunstströmungen der 60er-Jahre ist für Kurt zunächst nur eine Überforderung – solange er noch nicht Zugang zu den unbewussten Zusammenhängen seiner Biografie gefunden hat.

 

Eine weitere Konfliktspannung liegt – allerdings lange Zeit nur für die Zuschauer spürbar – in der Tatsache, dass Kurt, ohne es zu wissen, familiär an den Mörder seiner Tante gebunden ist. Dies ist zwar ein sehr starkes Motiv, hat aber eigentlich mit dem künstlerischen Spannungsfeld nicht viel zu tun. Diese Zweigleisigkeit bestimmt die eigenartige Wirkung des Films, in dem Politik, individuelles Schicksal und Kunst eine sehr ungewöhnliche, scheinbar unauflösbare, aber auch anfechtbare Verbindung eingehen.

 

Regelwerk

 

Die Handlung durchläuft drei sehr unterschiedliche Regelwerke deutscher Geschichte: die hysterische Ablehnung der künstlerischen Moderne, gepaart mit dem Kampf gegen ‚Lebensunwertes Leben’  durch die Nazis; die strikten Verbote, wie sie in  der DDR gepflegt wurden; und deren Gegenteil, nämlich der geradezu manische Freiheitsdrang der BRD, welcher letztlich auch wieder in einem Verbot mündet: nämlich dem, konventionell zu sein. Allen drei Regelwerken widmet der Film sehr viel Aufmerksamkeit. Kurt kann erst zu seiner eigenen Kunst finden, indem er sich von allen Verboten frei macht und deren Regeln überschreitet. Die Deutlichkeit, mit der der Film das Regelwerk seiner Zeit beschreibt, hilft der Wirkung.

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Der mehr als dreistündige Film wechselt mehrfach die Perspektiven und erlaubt sich diverse Abschweifungen. Dennoch ist eine Dreiteilung ganz klar:

 

Die Exposition von Akt I besteht in der Schilderung von Kurts Kindheit, welche vom Schicksal der Tante Elisabeth dominiert wird.

 

Nach dem Krieg liegt die Konfliktspannung von Akt II in der Frage, ob und wenn ja wie und wann Kurt als Künstler zu seiner eigenen inneren Stimme finden wird. Dieser Abschnitt ist in sich wiederum zweigeteilt: die Ereignisse in der DDR kreisen stark um die Liebesbeziehung zu Elli; die Szenen in Düsseldorf konzentrieren sich ganz auf die Kunsthochschule. Immer wieder wird klar, wie sehr Kurt um seine innere Wahrheit ringt, sie aber vorläufig nicht findet.

 

Der Perspektivwechsel zu Akt III wird eindeutig markiert: Als die Zeitungen die Verhaftung von Prof. Seewands  ehemaligem Chef verkünden, ist klar, dass Kurt die Zusammenhänge, die wir Zuschauenden längst kennen, nun selbst zu ahnen beginnt. Von nun an entsteht sein eigentliches ‚Werk’, auch wenn Journalisten behaupten, dieses sei nur ein ‚Werk ohne Autor’. Akt III dient also keiner anderen Absicht als der, zu zeigen, wie aus der Intuition autobiografischer Wahrheiten ein künstlerischer Impuls entsteht.

 

Gesamtbild

 

Selten beschäftigen sich Filme so konzentriert und ernsthaft mit den Bedingungen künstlerischer Schaffensprozesse. „Werk ohne Autor“ vermittelt seine Erzählabsicht mit großer Klarheit. Das verschafft dem Film ein Alleinstellungsmerkmal. Zudem liefert das Werk eine bildgewaltige und selten gesehene Beschäftigung mit drei extrem gegensätzlichen Epochen deutscher Geschichte.

 

Zugleich liegt gerade in der Eindeutigkeit der Aussage auch ein innerer Widerspruch. Einerseits wird der künstlerische Schöpfungsakt gefeiert. Indem der Film sich aber darauf festlegt, dass künstlerische Arbeit auf autobiografischen Ereignissen beruht, wird eben dieser schöpferische Akt auch wieder entzaubert. Das Unberechenbare der Kunst verschwindet hinter ihrer rationalen Begründbarkeit. An diesem Punkt wird die Aussage anfechtbar. Dieser Punkt dürfte sich auch in vielen zum Teil negativen Kritiken niederschlagen.

 

Zugleich ist die Zielgruppe doch limitiert. Das Bildungsbürgertum, welches sich für die hier gestellten Fragen interessiert, ist zwar zumindest in Deutschland gewiss groß; aber es dürfte auch große Schichten geben, die sich für die Fragestellungen dieses Films kaum erwärmen können.  

 

Insofern dürfte „Werk ohne Autor“ nicht unbedingt zum Publikumsliebling werden. Die Möglichkeit allerdings, bei der Oscarverleihung 2019 berücksichtigt zu werden, bietet wiederum die Chance,  dass er doch noch nachhaltige Spuren in der deutschen Kinolandschaft hinterlässt.

 

München, 15.10.2018

Roland Zag

Quelle: Warner Brothers