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Filmbesprechung

WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS

 

Buch und Regie: Simon Verhoeven

 

Das Thema ‚Flüchtlinge’ ist seit 2015 omnipräsent und mit ihrem komplexen Sachverhalt grundsätzlich bedrückend. Doch gerade solche Fragestellungen brauchen nichts so dringend wie das befreiende Lachen. Insofern darf die zugehörige Mainstream-Komödie nicht fehlen. Dass der Film heute schon ins Kino kommt, deutet auf eine schnelle Stoffentwicklung hin.  

 

Angesichts des Zeitdrucks, der hier offenbar geherrscht haben muss, ist ein recht komplexes Drehbuch, handwerklich sorgfältig gearbeitetes mit vielen divergenten politisch-ethischen Haltungen entstanden. Zugleich ist der Wunsch, nie allzu tief in die unübersichtliche Fragestellung einzutauchen, überall spürbar: Wirklich weh will diese Komödie nicht tun. Zunächst wird man dies so hinnehmen müssen. Mainstream-Komödien wollen nun mal keine Zuschauerschicht verprellen. Daher darf man sich nicht über das weichgespülte Gesamtklima des Films wundern.   

 

Eigentlich ist die dramaturgische Strategie sogar sehr geschickt gewählt. Um allen Fettnäpfchen auszuweichen,  hat man sich dazu entschlossen, die Konfliktfelder einfach umzudrehen: „Willkommen bei den Hartmanns“ siedelt die Probleme nicht etwa, wie es naheliegend wäre, beim Flüchtling an, sondern bei einer wohlstandsverwahrlosten Münchner Familie. Dieses Verfahren führt zu einer Art ‚verkehrten Welt’. Nicht dem Flüchtling geht es hier schlecht; es ist nicht DIALLO (Eric Kabongo), der die Familie in immer größere Schwierigkeiten bringt. Es sind vielmehr die neurotischen Eskapaden der Wohlstandsgesellschaft, die den Asylantrag des Afrikaners gefährden.

 

Dieses Verfahren wirkt zunächst überzeugend. Es wäre zynisch, sich über das Leid der Heimatlosen lustig zu machen. Aber es ist leicht (gleichzeitig allerdings auch wieder recht vorhersehbar), über eine zerstrittene Familie zu lachen, die am Ende genretypisch doch wieder zusammenwächst. Diallo wird zum klassischen Katalysator, der die Probleme von ANGELIKA (Senta Berger), ihrem Mann ROBERT (Heiner Lauterbach), Soh PHILIPP (Florian-David Fitz) dem Enkel BASTI und Tochter SOFIE (Palina Rojinski) usw. zu helfen löst. Dieses Verfahren lässt es zu, am Ende ein komplettes Happy-End als bruchloses Miteinander aller mit allen zu inszenieren (nur die bösen Neo-Nazis müssen draußen bleiben). Der ‚human factor’ wird hier geschickt eingesetzt, denn Diallo sprüht vor Beiträgen für andere.Es gelingt ihm, eine fast kaputte Ehe, eine zerrüttete Vater-Sohn-Beziehung sowie das Liebesleid einer jungen Frau zu `reparieren`. Weiter kann man kaum gehen. Vor allem wenn er dem kleinen Bastian zu guten Noten verhilft, zugleich aber auch ein einziges mal etwas von dem Leid der Betroffenen zum Ausdruck bringen darf, entstehen starke Momente.

 

Letztlich gelingt es durch diesen Kunstgriff, die eher depressive Situation der Flüchtlinge nahezu vollständig aus der Handlung rauszuhalten, und sich ganz auf die Schilderung neurotischer Wohlstandsphänomene zu konzentrieren. Indem hier allerdings nur die bekannten Klischees abgehandelt werden (alkoholgeschwängerte Vorstadtfrauen, Chirurgen im Jugendwahn, Workaholic-Anwälte, die ihre Kinder vernachlässigen usw.), steuert der Film trotz seiner ungewöhnlichen Setzung auf einem sehr vorhersehbaren Kurs.

 

Interessanter sind die Versuche, möglichst viele gegensätzliche politisch-gesellschaftliche Haltungen unterzubringen, ohne Partei zu ergreifen. Hier deckt „Willkommen bei den Hartmanns“ doch ein breites Spektrum möglicher Argumentationen ab, ohne sich auf irgendeine Richtung festlegen zu lassen. Am Ende siegt die Menschlichkeit. Es gibt 'gute' Flüchtlinge, von denen wir viel lernen können, und 'böse', die von der Polizei abgeführt werden. Auf diesen gemeinsamen Nenner wird sich das Publikum auf jeden Fall einlassen – egal welcher politisch-gesellschaftlichen Haltung in Bezug auf die Thematik man sich zugehörig fühlen mag.

 

Die dramaturgische Schwäche des Films liegt eher darin, dass die ‚ticking clock’ des nahenden Asylantrags kaum bespielt wird. Diallos Konflikt besteht ja darin, dass ihn ausgerechnet die durchgeknallten Hartmanns mit ihren Eskapaden immer mehr in Schwierigkeiten bringen. Dass der Flüchtling darauf kaum reagiert, nimmt nicht nur der Komödie die Schärfe, sondern auch der Dramaturgie den Zug nach vorn. Das äußere Ziel, welches eigentlich durchaus vorhanden ist, wird nur gemächlich angesteuert. Diallos Versuche, sich möglichst staatstragend und gesetzestreu zu benehmen, werden zwar ständig unterminiert – aber er reagiert kaum. Der wirkliche emotionale Tiefpunkt bezieht sich daher sonderbarer Weise nicht auf den Flüchtling, sondern darauf, dass sich Richard und Angelika (vorübergehend) trennen. Hier wäre mehr Dynamik drin gewesen. Die drohende Trennung von Diallo und Basti beispielsweise hätte man wesentlich ergreifender inszenieren können. 

 

So ist mit „Willkommen bei den Hartmanns“ ein Film entstanden, dem es durch einen raffinierten dramaturgischen Trick gelingt, das Elend der Flüchtlinge fast vollständig aus dem Zentrum des Geschehens zu halten. Markttechnisch wird man diese Strategie als geglückt bezeichnen müssen – auch wenn es dadurch nur ganz wenige Szenen gibt, die unter die Haut gehen. Das Lachen über einen ganz und gar nicht lustigen Sachverhalt wird hier sicher befriedigt. Insofern wird "Willkommen bei den Hartmanns" nicht nur aufgrund der geballten Star-Power, sondern auch immanenter Qualitäten sicherlich lange laufen und Werte erreichen, von denen ein entfernt vergleichbarer Film wie "Die Welt der Wunderlichs" aufgrund massiver emotionaler Probleme nur träumen kann.

Auf die Komödie allerdings, die es wagt, mit der Thematik schärfer und kontroverser umzugehen, müssen wir noch warten.

 

München, 09.11.2016

 

Roland Zag

 

 

 

Julieta

Quelle: Warner Brothers