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Filmbesprechung


 

Wonder Wheel

 

Buch und Regie: Woody Allen

 

Der Film lässt sich als relativ konventionelles Melodram beschreiben, in dem der Altmeister sich in seinen alten Themen wiederholt. Viele Kritiker haben sich auf diesen Tenor eingeschworen: während die alternde, unglückliche Kellnerin GINNI (Kate Winslet) noch relativ stark vernetzt erzählt wird – immerhin weist sie eine intensive Backstory auf - bleiben wichtige Figuren wie etwa MICKEY (Justin Timberlake) oder Ginnis Mann HUMPTY (Jim Belushi) eher dramaturgische Behauptungen, die nötig sind, um bestimmte Prozesse in Gang zu setzen. Wenn am Ende das Paar Ginni/Humpty eigentlich wieder am Anfang zu stehen scheint, ohne dass sich Wesentliches geändert hat, dann mag man das am Ende tatsächlich als gelinde Enttäuschung verbuchen.

 

Doch damit wird man dem beunruhigenden, traumartigen Erleben dieses doppelbödigen Films vielleicht nicht ganz gerecht.  Denn es bietet sich noch eine andere Lesart an, die erklärt, warum von der Erzählung vielleicht doch mehr Attraktivität und Spannung ausgeht, als der rationalistische Blick auf Anhieb erkennt.

 

Das untergründige Motiv, das alle Elemente des Films vereint und organisiert, liegt im Traum vom ungelebten,  irgendwie intensiveren, freieren, erfüllteren Leben. Ginni wartet verzweifelt auf den Moment, wo sie aus einem monoton empfundenen Dasein ausbrechen kann, um sich als Schauspiel-Diva zu verwirklichen. Die Figur, die all diese Träume vielleicht real werden lässt, ist der hübsche, romantische Dramatiker Mickey. Auch Ginnis Mann Humpty hat einen Traum: die Befreiung seiner Tochter CAROLINA (Juno Temple) aus den Händen eines zwielichtigen Gangsters. Und auch dieser Traum wird in „Wonder Wheel“ vorübergehend Wirklichkeit.

 

Es wirkt nun, als habe Woody Allen die beiden Wunschfiguren des Ehepaars wie Avatare aufeinander losgelassen und geschaut, was passiert. Eigentlich lassen sich eigentlich Mickey und Carolina wie die Verkörperungen der beiden zentralen Sehnsüchte von Ginni und Humpty deuten. Mickey wäre demnach die fleischgewordene erotische Fantasie von Ginni; und Carolina die Erfüllung von Humptys Traum einer unmöglichen Versöhnung mit seiner Tochter.

 

Doch die Sache geht nicht gut aus. Das daraus entstehende Dreieck führt die Situation aller in eine immer schwierigere, ausweglosere Lage. Anstatt nun im dritten Akt eine ‚Lösung’ zu suchen, belässt es Woody Allen beim Ausformulieren all dessen, was hier in die Brüche geht. Carolina verschwindet auf Nimmerwiedersehen, Mickey trennt sich von Ginni, nichts wurde besser, und alles geht wieder von vorne los.

 

Aber ist nun wirklich alles beim Alten geblieben?! Vielleicht nicht ganz. Womöglich haben Ginni und Humpty schmerzhaft gelernt, sich mit den Bedingungen, unter denen sie hier halbwegs über die Runden kommen, ein Stück weit mehr anzufreunden. Womöglich wird es ihnen gelingen, in die Realität des Hier und Jetzt zurück zu finden. Vielleicht fällt es den beiden am Ende leichter, miteinander auszukommen, nachdem sie sich von ihren Träumen verabschieden mussten.

 

‚Protect me from what I want’ hieß ein ikonisch gewordenes Kunstwerk von Jenny Holzer. Und genau davon scheint „Wonder Wheel“ zu handeln. Träume und Fantasien halten uns am Leben. Das Riesenrad unserer Begierden dreht sich ewig. Am eindeutigsten manifestiert sich diese unstillbare Gier nach ungezügeltem Leben in Ginnis pyromanischem Sohn, der es nicht lassen kann, Feuer zu legen, egal wie drakonisch die Strafen dafür ausfallen mögen.

 

Doch nicht immer ist die Erfüllung der Wünsche wünschenswert. Eine solche Botschaft von einem 82-jährigen Filmemacher, dem viel gelungen ist, darf ruhig ernst genommen werden. Das unbezähmbare Zündeln von Ginnis Sohn am Ende des Films ist dafür eine deutliches Zeichen…

 

So könnte Woody Allens Film nicht nur als eher leichtgewichtige, ja fast banale Story betrachtet werden; sondern auch als kluger, hintergründiger Essay über Lebensträume und all das, was deren Erfüllung nach sich ziehen kann.

 

Einem älteren Publikum, welches sich innerlich mit diesen Themen zwangsläufig beschäftigen wird, dürfte dieser Subtext des Films viel zu sagen haben – wenn auch vermutlich eher unbewusst. „Wonder Wheel“, vordergründig ein völlig realistischer, wenngleich nostalgischer Ausflug in die Fünfzigerjahre, kann zugleich als leicht surreal ausgelebte Traumfantasie gelesen werden, die, bei aller Ernüchterung, dem Publikum Relevantes zu sagen hat. Entsprechend sind die Zuschauerzahlen in diesem Fall höher zu veranschlagen als im Fall des vorangegangenen letzten Woody-Allen-Films „Café Society“.

 

München, 16.1.2018

 

Roland Zag

 

 

 

 

 

Julieta

Quelle: Warner Brothers