aktuelle

Filmbesprechung

‚Human Factor Kurzanalysen’ untersuchen die dramaturgischen Prinzipien aktueller Kinofilme in Bezug auf die fünf erzählerischen Grundfragen, wie sie im Buch „Dimensionen filmischen Erzählens“ von Roland Zag (Herder-Verlag Freiburg) behandelt werden. Daraus ergibt sich ein abschließendes Gesamtbild für die mögliche Marktresonanz des Films. 

 

WARNUNG: ‚Human Factor Kurzanalysen’ können Spoiler enthalten.

 

 

YESTERDAY

B: Richard Curtis; R: Danny Boyle

 

Erzählabsicht

 

Berühmtsein allein macht nicht glücklich. Wer sich mit fremden Federn schmückt und es zugleich nicht schafft, sich seiner Geliebten zu offenbaren, dem nützt alle mediale Selbstbestätigung nichts.

 

Der erfolglose Musiker JACK (Himesh Patel) wird durch einen märchenhaft überhöhten ‚Unfall’ zum Superstar: Während der Rest der Welt die Erinnerung an die Beatles verliert, ist er allein in der Lage, die genialen Songs der Liverpooler zu rekonstruieren und als seine eigenen auszugeben. Dadurch geht seine Karriere durch die Decke. Selbst der ‚echte’ ED SHEERAN muss die Überlegenheit der Beatles anerkennen. Doch zugleich verliert Jack die Liebe von ELLIE (Lily James), die sich nicht zum One-Night-Stand eines Rockstars degradiert fühlen will. Erst nachdem er von einem rätselhaften John-Lennon-Double die Welt erklärt bekommen hat, findet Jack den Mut zur Wahrheit – sowohl musikalisch als auch erotisch.

 

Das Leben als ‚normaler’ Lehrer, aber an der Seite einer geliebten Frau, bedeutet ihm am Ende mehr als das eines Superstars.

 

Zugehörigkeiten

 

Der Film beschränkt sich einerseits weitgehend auf die Liebesgeschichte zwischen Jack und Ellie. Dass diese Ellie wirklich gut passt, wird durch zahlreiche Rückblenden deutlich, in denen die bedingungslose Zugewandtheit der Beiden überdeutlich zelebriert wird, selbst wenn sie noch kein Liebespaar sind und heftig um ihre Loyalität ringen. In allen anderen sozialen Vernetzungen überwiegt die Loyalität eindeutig, was der ‚Feelgood’-Stimmung zugute kommt.

 

Das eigentliche Zugehörigkeitsthema jedoch, das hier zum Vorschein kommt, ist viel größer und zugleich anonymer. Jack wird vom Verlangen getrieben, zur Welt der Großen der Rockmusik dazuzugehören. Er will Teil der bewunderten und verehrten Community des Pop sein – und der anfängliche ‚Unfall’ macht es ihm zunächst scheinbar leicht, diesen Wunsch zu erfüllen. Diesen Wunsch werden viele Menschen im Publikum kennen und gut nachvollziehen. Einmal berühmt und umschwärmt sein – wer wollte das nicht!

 

Wertekonflikt(e)

 

Es gibt wahre Künstler, wie John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr. Ihnen gebührt die Ehre ihrer Kompositionen. Und es gibt Trittbrettfahrer wie Jack. Dieser darf sich im langen zweiten Akt über weite Strecken ungebremst als falsches Genie ausgeben – und die Sehnsucht der Zuschauenden nach eigenem Ruhm gibt ihm zunächst Recht. Doch das Gefühl, mit falschen Karten zu spielen, nimmt immer mehr zu (zumal in der Szene, in der klar wird, dass Jacks eigene Songs ganz einfach nicht das Format der Beatles haben). Der Antagonismus verläuft also zwischen ‚Werte schaffen’, wie es die Beatles getan haben, und ‚Werte vortäuschen, die nicht die eigenen sind’.  

 

Die Verkörperung dieser geld- und geltungssüchtigen Haltung bildet CAROL (Sophia di Martino), eine zynische Managerin, der Kunst und Moral recht gleichgültig sind. Sie steht für den bedingungslosen sozialen Hype. Ellie hingegen verkörpert das Prinzip ‚Ehrlichkeit’. 

 

Je länger die Geschichte dauert, desto mehr spürt Jack, wie hoch er pokert, wenn er durch Songs bekannt wird, die ihm nicht gehören. Er wird gleichsam zum Bergsteiger, der sich in zu großer Höhe nur noch durch einen Sprung zu retten weiß: den Sprung der Offenbarung. Insofern tauscht er am Ende den Kontakt mit Millionen begeisterter Bewunderer gegen den zu einer einzigen Frau ein. Allerdings fällt Jack nach seinem Sprung recht weich: Denn die gewiss unangenehmen Konsequenzen seines öffentlichen Eingeständnisses des Diebstahls spart der Film aus.

 

Die (allerdings selten wirklich große) Spannung des Films wird erhöht, indem es zwei Figuren gibt, die sich zunächst wie Drohungen darstellen, dann aber als Helfer erweisen: Denn erst durch einen Russen und eine Frau aus Liverpool findet Jack den Weg zu dem John-Lennon-Lookalike, welchem er dann schließlich seine wichtigsten Einsichten verdankt.

 

Regelwerk

 

Der Clou des Films beruht auf einer Umkehrung unseres gewohnten Regelwerks. Nach einem Stromausfall geraten bestimmte Selbstverständlichkeiten unseres Lebens in Vergessenheit, nicht nur die Beatles, sondern auch z.B. Coca Cola. Es ist für Drehbuchautoren sehr schwer, solche einfachen Setzungen halbwegs glaubwürdig in eine kohärente Story zu überführen. Auch im Fall von „Yesterday“ darf man die Logik des Regelwerks nicht allzu genau hinterfragen... doch für die Dauer dieses filmischen Märchens mag die behauptete Setzung genügen. Die innere Logik einer Musikerkarriere, die plötzlich zu Starruhm gelangt, wird immerhin glaubhaft erzählt (allerdings ohne dass Jack je den Klischees von Sex, Drogen und Geld-Exzessen verfällt, die angeblich zum Leben als Popstar dazugehören). 

 

Erzählordnung/Perspektivwechsel

 

Die sehr klassisch angelegte Story baut nach dem spektakulären ersten Wendepunkt auf nur einen einzigen zweiten Plot Point: das Geständnis. Dafür wird eine immer gewaltigere Bühne, eine immer größere Breitenwirksamkeit aufgebaut. Am Ende muss es schon das prall gefüllte Wembley-Stadion sein, wo Jack seine Liebe zu Ellie und auch den geistigen Diebstahl gesteht. Das uralte Prinzip, dass Statements umso wirkungsvoller sind, je mehr Menschen zuhören, wird hier mit aller Macht zur Wirkung gebracht. Dass der sehr lange zweite Akt des Films sonst wenig Überraschendes zu bieten hat, fällt angesichts des großen Finales dann doch gar nicht mehr auf...

 

Gesamtbild

 

„Yesterday“ ist ein Märchen, welches um ein einziges, allerdings universelles Grundbedürfnis kreist: den Wunsch, von möglichst vielen Menschen gesehen und anerkannt zu werden. Irgendwann jedoch gerät dieses Bedürfnis nach anonymer Berühmtheit in Konflikt mit dem Wunsch, nur EINEN EINZIGEN Menschen ganz für sich zu gewinnen. Dies vermittelt sich sehr klar. Insofern stehen die Chancen für den Markterfolg sehr gut. Zumal eben ein großer Teil des Publikums, das mit den Songs der Beatles aufgewachsen ist, so die Möglichkeit erhält, die spezifische Qualität dieser Musik nochmals neu zu würdigen.

 

Zugleich weht auch etwas Unzeitgemäßes durch den Film. Zwar wäre die Story ohne die Eigendynamik der Digitalisierung des 21. Jahrhunderts schwer vorstellbar. Und doch wirkt die Reinheit und Unbescholtenheit dieser vorhersehbaren Liebesgeschichte doch auch aus der Zeit gefallen, fast wie ein Zitat romantischer Hollywood-Klischees. Insofern ist „Yesterday“, wie der Titel andeutet, eine Art nostalgische Hommage nicht nur an alte Songs, sondern auch ein altes Erzählen. Der Mehrzahl des sehr großen, überwiegend älteren Zielpublikums dürfte dies gefallen, auch wenn unterm Strich nicht allzu tiefe Gefühlsebenen erreicht werden.

 

München, 16.7.2019

Roland Zag

Quelle: Universal Filmverleih